Mi., 02.08.2017

„Nietzsches Felsen“ von Justin Matherly am Servatiiplatz Brocken zeigt das menschliche Maß

Kunst-Dreiklang: vorne „Nietzsches Felsen“ von Matherly auf Krücken, links das massive „Unteilbare Deutschland“ von Anni Buschkötter und hinten in Signalorange „Taormina“ von Tobias Rehberger.

Kunst-Dreiklang: vorne „Nietzsches Felsen“ von Matherly auf Krücken, links das massive „Unteilbare Deutschland“ von Anni Buschkötter und hinten in Signalorange „Taormina“ von Tobias Rehberger. Foto: Gerhard H. Kock

Münster - 

„Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt“, musste schon der große Feldherr Napoleon auf seiner Flucht aus Russland einsehen. Auch ohne historische Niederlagen können die Skulptur-Projekte-Besucher am Servatiiplatz zu dieser Einsicht gelangen.

Von Gerhard H. Kock

„Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt“, musste schon der große Feldherr Napoleon auf seiner Flucht aus Russland einsehen. Auch ohne historische Niederlagen können die Skulptur-Projekte-Besucher am Servatiiplatz zu dieser Einsicht gelangen, denn hier liegt der Witz des Allzumenschlichen vor Augen: John Matherly hat „ Nietzsches Felsen“ direkt auf die Wiese zum „Unteilbaren Deutschland“ von Anni Buschkötter gestellt – eine Beziehung zum Thema Anspruch und Wirklichkeit des menschlichen Willens.

Am 18. Dezember 1960 wurde auf dem Servatiiplatz das Denkmal mit den schweren Ketten enthüllt. Am 15. Juni 1961 belog Walter Ulbricht in Ost-Berlin die Welt („Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“). Zwei Monate später wurde die Mauer gebaut. Die Blöcke aus Beton (das erste Beton-Denkmal Münsters) wurden zum Fanal: Direkt nach dem Mauerbau in Berlin brachte die Bundespressestelle in Bonn 420 000 Plakate mit dem Bild des Mahnmals aus Münster heraus. Ein Modell steht im Haus der Geschichte in Bonn.

Jetzt hat John Matherly seinen „Felsen“ dagegengesetzt – eine Skulptur zum Gotterbarmen: zusammengestückelt aus Platten, fast ungelenk geschnitten, von einem inneren Skelett zusammengehalten, getragen von Gehhilfen aus Krankenhäusern. Lächerlich. Und menschlich.

Das Maß des Menschen glaubt Friedrich Nietzsche vor genau 136 Jahren per Erleuchtung gehabt zu haben. In der Schweiz. Der Silvaplanersee im Ober-Engadin: klare Luft und klares Wasser, ein weiter Blick (nichts im Vergleich zu Friesland versteht sich). In seinen Erinnerungen beschrieb der große Denker die Lage so: „Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meer und viel höher über allen menschlichen Dingen“, an jenem See kam Nietzsche die zentrale Idee zu seinem Bestseller „Also sprach Zarathustra“: die „Ewige Wiederkunft des Gleichen“ als Grundlage der höchsten Lebensbejahung. Weil sich das Leben nun mal jeweils ausschließlich im Hier und Jetzt ereignet und nicht in den Vorstellungen vom Gestern und Morgen. Also kein Endzustand: weder eine klassenlose Gesellschaft à la Marx, noch ein christliches Paradies. Gemäß der Lehre Nietzsches soll der Mensch so leben, dass ihm jeder Augenblick noch mal begegnen könnte. Also immer schön freundlich sein und fröhlich und vor allem frei . . . Das schafft kein Mensch, wenn er nicht gerade der Dalai Lama ist (und selbst der . . .).

John Matherly hat seine Skulptur dem Felsen am See nachgeformt, an dem Friedrich Nietzsche seine Genialität verspürte und den Übermenschen propagierte. Was den Nationalsozialisten sehr gefiel. Der Totalität, letztlich Monstrosität solcher Haltungen hat Matherly seinen gebrechlichen Brocken entgegengesetzt. Oder wie der philosophische Aufklärer Immanuel Kant es formulierte: „Aus so krummen Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann kein ganz Gerades gezimmert werden.“

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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