Fr., 09.10.2015

Flucht dauerte 100 Tage „Ich kann einfach nicht rumsitzen“

Schnelle Fortschritte im Erlernen der deutschen Sprache hat Abdulhadi Aldris mit Unterstützung der Lehrerin Ulrike Maye gemacht.

Schnelle Fortschritte im Erlernen der deutschen Sprache hat Abdulhadi Aldris mit Unterstützung der Lehrerin Ulrike Maye gemacht. Foto: jkk

Münster-Angelmodde - 

Der syrische Flüchtling Abdulhadi richtet sich sein Leben in Deutschland ein.

Von Judith Kerstgens

Ein Bett, ein Spind, ein Kühlschrank – bei seinem Einzug in die Flüchtlingsunterkunft am Angelsachsenweg waren das die einzigen Möbel im Zimmer des 53-jährigen Syrers Abdulhadi Aldris . Heute, zwei Monate später, haben er und sein Zimmergenosse ihren Raum so gut wie möglich zu ihrem Zuhause gemacht. Neben einem Sofa haben sich die zwei Männer einen Tisch mit zwei Stühlen besorgt. Abdulhadi Aldris ist nämlich keiner, der Gegebenheiten einfach so hinnimmt. Er resigniert nicht, wenn Hindernisse auftauchen und ihm das Leben in Deutschland schwer machen.

Dies sind die Stationen seiner Flucht : Im Sommer vergangenen Jahres entscheidet sich Abdulhadi Aldris nach fünf Jahren Bürgerkrieg aus seiner Heimat, der syrischen Stadt Deir ez-Zor, zu fliehen. Er ist Flugzeugingenieur und arbeitet für die Regierung, eng mit dem Militär zusammen. Außerdem gibt er Kurse für Maschinenbau und Russisch.

Nach Kriegsbeginn ist für ihn klar, dass er in seinem Beruf nicht mehr weiterarbeiten kann: „Als ich gesehen habe, dass das Regime die Bevölkerung bombardiert, konnte ich nicht mehr länger für den Staat und das Militär arbeiten.“ Es war doch mein Land, meine Heimatstadt, mein Haus. Es war als ob ich die Raketen auf mein eigenes Haus werfen würde“. Also entscheidet er sich, zu gehen. Er bringt seine Familie in eine andere Stadt, die zu dem Zeitpunkt noch sicher ist und verlässt seine Heimat, seine vier Kinder, seinen Job, seine Wohnung.

Die Reise dauert 100 Tage. Nach Überqueren der türkischen Grenze fährt er auf einem Schlepperboot nach Griechenland, dann über Mazedonien nach Serbien. Nahe der ungarischen Grenze läuft er nachts durch Wald und Felder bis ihn die ungarische Polizei mit Hilfe von Polizeihunden festnimmt. In Handschellen gibt er seine Fingerabdrücke ab, daraufhin darf er nach Österreich weiterreisen. Von Österreich geht es über München nach Karlsruhe in ein Flüchtlingslager. Einige Tage später dann nach Dortmund, wo ihm sein zukünftiger Wohnort zugewiesen wird: Münster.

Sofort nach seiner Ankunft legt sich der Syrer ins Zeug, um seine Zukunft in Deutschland zu gestalten. „Ich bin Ingenieur, spreche vier Sprachen. Ich kann einfach nicht rumsitzen“, sagt er. Er besucht mehrere Deutschkurse, unter anderem einen Anfängerkurs von der Flüchtlingshilfe Südost. Seine Lehrerin ist die ehemalige Grundschullehrerin Ulrike Mays, die ihn und vier weitere Syrer bei ihrer Integration unterstützt. Aufgrund seiner Sprachbegabung und einer großen Portion Fleiß habe er schnelle Fortschritte gemacht, so seine ehemalige Lehrerin. Heute ist er einer von 100 Flüchtlingen aus Münster, die im Bildungszentrum an einem Ausbildungsprogramm des Europäischen Sozialfonds für Deutschland (ESF) teilnehmen dürfen. „Für mich ist das eine super Chance. Ich fehle nie, niemals! Ich möchte professionell Deutsch lernen und wissenschaftliche Bücher lesen können“, so Aldris.

Was ihn am meisten belastet, ist die Sorge um seine Familie. Drei seiner vier Kinder sind mittlerweile in Flüchtlingslagern, der jüngste Sohn ist erst zehn Jahre alt. Die beiden älteren Kinder stehen schon im Berufsleben, die Tochter ist ebenfalls Ingenieurin, der Sohn ausgebildeter Zahnarzt. Der Syrer hofft, nach Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung seine Familie zu sich holen zu können: „Meine Kinder brauchen mich“.

Ein weiteres Zukunftsziel des Ingenieurs ist, wieder in einem technischen Beruf arbeiten zu können. Dafür arbeitet er hart und hat sich einen Praktikumsplatz in einem münsterischen Maschinenbaubetrieb besorgt. Wenn der Krieg in seiner Heimat vorbei ist, will er wieder zurück und an einer Universität als Lehrer arbeiten: „Ich möchte mein Land wieder mit aufbauen.“

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