Mi., 30.11.2011

„Vernichtung durch Arbeit“ erlebt Holocaust-Lesung am Stein-Gymnasium / Solly-Ganor-Buch ruft zum Einsatz für Toleranz und Freiheit auf

Münster-Gievenbeck - 

Eine amerikanische Eliteeinheit befreit das erste NS-Konzentrationslager: Bilder von Überlebenden, von abgemagerten, sterbenden und getöteten Häftlingen flimmern über die Leinwand. Als die Filmsequenz aus Steven Spielbergs „Band of Brothers“ endet, herrscht absolute Stille in der voll besetzten Schulaula des Stein-Gymnasiums. Nun hätte ein Gespräch mit den Schülern beginnen können – es blieb aus. Eineinhalb Stunden lang las der Marineoffizier Jakob Odinius der Oberstufe Episoden aus der Biografie seines Freundes Solly Ganor vor, eines 83-jährigen Holocaust-Überlebenden aus dem KZ Dachau.

„Das andere Leben“ – so wie der Buchtitel lautet auch der Name der Bildungsinitiative, die Solly Ganors Aufzeichnungen als Aufforderung an Kinder und Jugendliche versteht, sich für Toleranz, Freiheit und Demokratie einzusetzen. Zum Inhalt: Solly, der als 13-jähriger erlebt, wie die deutschen Truppen 1941 in seine Heimatstadt Kaunus in Litauen einfallen, wird mit seiner Familie ins Ghetto getrieben und muss zusehen, wie Freunde und Verwandte zur Vernichtung „selektiert“ werden. Im Jahre 1944 wird das Ghetto aufgelöst und Solly mit seinem Vater in das Außenlager Kaufering des KZ Dachau deportiert.

Er erfährt, was die Nazis unter „Vernichtung durch Arbeit“ verstehen: In Landsberg am Lech, wo kurz vor Kriegsende KZ-Häftlinge zur geplanten unterirdischen Produktion unter anderem des Messerschmidt-Düsenjägers Me 262 eingesetzt werden sollen, erlebt Solly, wie Mithäftlinge bei Bauarbeiten in flüssigem Beton zu Tode kommen. Vor den anrückenden Alliierten wird er auf einen der berüchtigten Todesmärsche getrieben – und schließlich befreit.

„Das Lächeln des amerikanischen Soldaten begleitet mich seit diesem Moment“, zitiert Odinius Sollys festgehaltenen Moment der Rettung. So entstand damals der Kontakt mit dem heute in Israel lebenden Zeitzeugen: „Dem Zufall ist es zu verdanken, dass Solly, seine Familie und Freunde auch meine Freunde geworden sind“, erzählte Odinius, der 30 Jahre in Landsberg lebte. Als Stabsoffizier der Bundeswehr war er in jenem UTA-Bunker für die Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit zuständig und lernte die Überlebenden kennen.

Im Namen Solly Ganors besucht Jakob Odinius deutsche Schulen, um dessen Botschaft für den Schutz von Freiheit und Demokratie mit weiterzugeben. „Für mich hat der Dialog mit den Überlebenden in Deutschland größte Bedeutung“, beschloss er Solly Ganors Biografie. An die Schülerschaft des Stein ging als Schlusswort: „Es soll sich niemand schämen, dass er jetzt keine Frage weiß.“ Viel wichtiger sei es, das Gehörte „im Kopf zu behalten“. Die Gymnasiasten hatten keine Fragen – sie klatschten Beifall.

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