Bundestagswahl - Die Zeit danach
„Dann weiß ich es auch nicht mehr“

Münster-Hiltrup -

Die Kreuze wurden gemacht, die Stimmen wurden ausgezählt, doch entschieden ist in Deutschland auch nach der Wahl noch nicht viel: Denn wie eine schwarz-gelb-grüne Koalition zusammenfinden soll, das weiß niemand. Zeit für eine wissenschaftliche Einschätzung.

Donnerstag, 28.09.2017, 22:09 Uhr

Prof. Dr. Wichard Woyke ging mit Kanzlerin Angela Merkel ins Gericht.
Prof. Dr. Wichard Woyke ging mit Kanzlerin Angela Merkel ins Gericht. Foto: gro

Wahlnachlese und kein Ende: Wenn die CDU 8,5 Prozentpunkte verliert und bei 32,9 Prozent landet, dann hat sie ein Viertel ihrer Wählerschaft verloren. So deutlich ist das zu benennen, sagt Politikwissenschaftler Prof. Wichard Woyke . Umso unverständlicher ist für ihn, die Kanzlerin sich am Wahlabend hinstelle und kund­tue, sie sei vom Wahlausgang „nicht enttäuscht“.

Wenn man bei acht Prozent minus nicht enttäuscht sei, sagt Woyke – und seine Stimme nimmt das einzige Mal an diesem Abend einen donnernden Ton an –, „dann weiß ich auch nicht mehr“. Die Kanzlerin habe „die coole Socke gegeben“, die über den Dinge stehe und die den Eindruck vermitteln wollte, sie „mache das schon“. Woyke attestiert ihr Züge von Beratungsresistenz – nach zwölf Jahren als Kanzlerin sei das „unvermeidlich“.

Aus einer nüchternen Wahlanalyse wird unversehens handfeste Politik. Dafür sorgt ein Mitglied der CDU-Ratsfraktion, das quer durch die Stadt gefahren ist, um die Veranstaltung im Kulturbahnhof zu besuchen. Er beklagt die Weiter-so-Mentalität in seiner Fraktion.

Ein ehemaliger Vorsitzender der Hiltruper Christdemokraten, Rolf Janssen, der nach eigenen Worten mittlerweile ausgetreten ist, redet einer neuen Partei jenseits der CDU das Wort. Es sei nicht alles schlecht, wofür die AfD stehe, erklärt er. Applaus gibt es dafür nicht.

Woyke selbst diagnostiziert einen Niedergang der Volksparteien. Bei der SPD sei er nach den Pleiten bei drei Landtagswahlen mit Ansage erfolgt, bei der CDU kam er selbst für die Wahlforscher und Demoskopen überraschend. Für bedenklich hält er diese Entwicklung deshalb, da CDU/CSU und SPD in der Vergangenheit ganz entscheidend zur politischen Stabilität der Bundesrepublik beigetragen hätten. 1987 erreichten sie zusammen noch 80 Prozent der Wähler, aktuell nur 53,7 Prozent. „Das ist keine große Koalition, das wäre eine ganz normale Koalition.“

Wie geht es weiter in dieser „unklaren Situation“? An den Erfolg von Jamaika mag Woyke nicht so recht glauben. Der Machtwille sei bei den vier Parteien vorhanden, die Vorstellungen in der Flüchtlings- und Umweltpolitik sehr unterschiedlich.

Bei der SPD, so hofft er, sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Mit einer schwierigen Regierungsbildung sei ja allemal zu rechnen. Vorsichtshalber verweist Woyke auf die Niederlande. Dort wurde im März gewählt, eine neue Regierung gibt es bis heute nicht.

Der Moderator des Abends, Dr. Norbert Lepszy, bringt die Idee einer Minderheitsregierung ins Spiel. Woyke will sie nicht ausschließen. Vielleicht ginge das zwei Jahre lang gut, meint er. Jedenfalls wäre das Zeit genug, „der Kanzlerin einen Abgang ohne Gesichtsverlust ermöglichen“, orakelt er.

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5186314?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F132%2F138%2F
Kinder durch Dachkuppel gebrochen
Unfall in Olfen: Kinder durch Dachkuppel gebrochen
Nachrichten-Ticker