Öffentlicher Nahverkehr
Mit dem Rolli auf dem Abstellgleis

Münster-Sprakel -

Barrierefreiheit ist ein wichtiger Baustein für gelebte Inklusion. Die Selbstständigkeit behinderter Menschen beruflich und privat zu fördern, wird immer wichtiger. Schade nur, dass manches Beförderungsunternehmen für neue Handicaps sorgt.

Mittwoch, 07.02.2018, 18:02 Uhr

Die Türen bei der Eurobahn bleien für Rollstuhlfahrer Lukas Bara am Bahnhof Sprakel zu.
Die Türen bei der Eurobahn bleiben für Rollstuhlfahrer Lukas Bara am Haltepunkt Sprakel zu. Foto: pesa

„Die Bahn kommt“, hieß früher mal ein bekannter Werbeslogan. In Sprakel könnte man auch sagen: Die Bahn fährt vorbei. Damit sind nicht die zahlreichen Durchfahrten der Fernzüge gemeint, sondern das Ärgernis, das die Zugfahrt für Rollstuhlfahrer wie Lukas Bara unmöglich wird, seit die Euro-Bahn die Strecke (seit Dezember 2017 mit dem Slogan „Der Komfort bleibt“) bedient. Die begründet dies mit sicherheits- und verkehrstechnischen Gründen.

Das ärgert den 41-Jährigen sehr. Denn Lukas Bara ist auf den Rollstuhl angewiesen. Rund um die Uhr. Er hat seit seiner Geburt keine Beine, keine Unterarme und keine Hände. Seit vier Jahren wohnt er in Sprakel, im eigenen Haus. Seit fünf Jahren pendelt er fast täglich zwischen Sprakel und Münster. Dort ist seine Arbeit, dort sind seine Ärzte, dort wohnen seine Freunde. „Mit der Westfalenbahn war das früher auch niemals ein Problem. In acht Minuten war ich in Münster.“

Mobilität plötzlich stark eingeschränkt

Jetzt kann der IT-Supporter bei einem Großhandel für Kfz-Ersatzteile nur noch den Bus nutzen. „Der braucht aber fast 45 Minuten, plus Verzögerungen bei Staus oder im Winter. Zudem gibt es in der Woche keine Busverbindung nach 20.30 Uhr mehr von und nach Sprakel“, sagt Bara. Einfach abends in Münster ins Kino gehen oder mit Freunden ausgehen ist nicht drin, auch bei späten Arztterminen läuft ihm die Zeit davon.

Das wäre alles kein Problem, wenn er, wie früher bei der Westfalenbahn, einfach mit dem Zug nach Sprakel fahren könnte. Der fährt regelmäßig. Bara ging der Sache auf den Grund. Seitdem versteht er die (Eurobahn-)Welt noch umso weniger. „Die Triebfahrzeuge (Flirt1), die Rampen und das Personal hat die Eurobahn von der Westfalenbahn übernommen.“ Nur nicht den Service für Rollstuhlfahrer: „Die Westfalenbahn hatte mich früher immer ohne Vorankündigung und ohne Probleme mitgenommen. Die Mitarbeiter waren immer sehr freundlich.“ Sie hätten ihm immer die Rampen angelegt.“ „Auch niemand von der Westfalenbahn sagte mir, dass es verboten wäre.“

Schlimmer noch: Lukas Bara hätte sich in Sprakel nie ein Haus gekauft, wenn er gewusst hätte, wie die Eurobahn seine Mobilität einschränken würde.

Problem: Längere Rampen fehlen

Dass die Eurobahn ihn nicht mitnimmt, begründet das Unternehmen unter anderem damit, dass längere Rampen in Sprakel fehlen. Lukas Bara bezweifelt das: „Auch die zirka 1,80 Meter langen Rampen, die von der DB verwendet werden, sind nicht erlaubt.“ Das erfuhr er, als die DB 2016/17 vereinzelt den Zwischentakt der RB 65 bediente: „Auch die DB wollte mich nicht mitnehmen, da angeblich die Rampen zu steil wären.“ Bara wundert sich: „In Bösensell nutzt die DB behelfsweise Rampen, aber die sind auch nicht länger als 1,80 Meter.“

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Die meisten Züge, die in NRW verkehren, haben eine Einstiegshöhe von 76 Zentimetern über Schienenkopf, Tiefbahnsteige wie in Sprakel nur rund 38 Zentimeter. Deswegen ist es für Rollstuhlfahrer Lukas Bara völlig unverständlich, wieso kürzere Rampen in Ordnung sind und lange nicht. „Viel länger dürfen die Rampen auch nicht sein, weil der Bahnsteig in Sprakel nur eine Breite von 2,2 Meter hat. Der Rollstuhl hat eine Länge von zirka 0,80 Meter, also bleibt 1,4 Meter Rangierfläche.

Bara blickt wehmütig zurück: „Als die Westfalenbahn die neuen Flirt-3-Züge samt neuen 1,80 langen Rampen auf der Strecke testete, gab es auch keine Probleme, dass ich mitgenommen wurde. Es gab nur etwas weniger Platz zum Rangieren auf dem Bahnsteig.“

Ärgernis: Auf der Schiene kommt Lukas Bara von und nach Sprakel nicht weiter.

Ärgernis: Auf der Schiene kommt Lukas Bara von und nach Sprakel nicht weiter. Foto: Peter Sauer

In ihrer Antwort beruft sich die Eurobahn auf Sicherheit und Versicherungsschutz. Das Anlegen einer normalen Rampe für einen E-Rollstuhl sei in Sprakel nicht möglich. „Wir sind aber in Verhandlungen, was die Anschaffung neuer Rampen betrifft.“ Geprüft werde auch, einen Fahrdienst zum nächstmöglichen Bahnhof einzurichten. „Das wird sich Anfang Januar entscheiden“, Lukas Bara solle auf die Hinweise auf der Homepage der Eurobahn achten. Nun ist Anfang Februar und auf der Homepage tut sich diesbezüglich nichts.

Weiter schreibt die Eurobahn als Erklärung: „Es ist aber auch jetzt schon dringend erforderlich, Fahrten vorher (mindestens ein Werktag) bei uns anzumelden. Unsere kostenlose Hotline (08 00 38 76 22 46) steht zur Verfügung, dort kann man auch alle Möglichkeiten benennen, die aktuell für Fahrten in Frage kommen.“

Lukas Bara blickt neidisch nach Holland: „Dort muss man sich nur eine Stunde zuvor anmelden.“

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