Do., 25.09.2014

1500 Mal „Lindenstraße“ Ein Flecken Erde, der glücklich macht

Lindenstraßen gibt es überall:  In Schöppingen zum Beispiel heißt die Lindenstraße im Volksmund auch Totenstraße. Warum, ist nicht klar. Entweder, weil dort im 30-jährigen Krieg Schöppinger erschlagen wurden und das Blut über die Straße lief. Oder – auch nicht besser – weil einst die Pesttoten über die Straßen zum Friedhof gebracht wurden.

Lindenstraßen gibt es überall:  In Schöppingen zum Beispiel heißt die Lindenstraße im Volksmund auch Totenstraße. Warum, ist nicht klar. Entweder, weil dort im 30-jährigen Krieg Schöppinger erschlagen wurden und das Blut über die Straße lief. Oder – auch nicht besser – weil einst die Pesttoten über die Straßen zum Friedhof gebracht wurden. Foto: Anne Alichmann

Lüdinghausen - 

Die Mutter aller Lindenstraßen läuft am Sonntag zum 1500. Mal im Fernsehen. All die Lindenstraßen, die es in fast jedem Dorf gibt, laufen dagegen nur unter ferner liefen. Wir haben uns ein paar herausgepickt.

Von Annegret Schwegmann

Bei einem Menschen würde man sagen: Er ist nicht schön. Aber er hat Charakter. So wie diese Lindenstraße, die da, wo sie von einer Bundesstraße abzweigt, einigermaßen vorzeigbar beginnt und etliche Hundert Meter weiter nicht gerade aufregend endet. Oder anders gesagt: Auf die Idee, diese Straße einer „Unser-Dorf-soll-schöner-werden“-Jury als kleines Juwel zu zeigen, käme keiner. Walter Peuckert allerdings würde seiner Lindenstraße in Lüdinghausen die Bestnote geben und seine Nachbarin Helene Jung mindestens eine zwei minus.

Die beiden leben in einer Straße mit einem Namen, über den derzeit viel geredet wird. Für den Sonntag hofft die ARD auf Traumquoten, wenn die viel beworbene 1500. Folge der „Lindenstraße“ läuft.

Lindenstraßen

Lesen Sie hier mehr über die Lindenstraßen in Ochtrup, Westerkappeln und Appelhülsen.

Allerdings ist unklar, ob der 79-Jährige und seine 60-jährige Nachbarin die Jubelfolge sehen werden. „Ich habe davon gehört“, sagt Helene Jung und versucht es mit einem Stochern im Nebel: „Da geht es um gute Nachbarschaft (richtig) und um ein Hotel (leider falsch). Es ist kein Krimi, da wird keiner umgebracht (leider auch schon geschehen).“

in Gronau leben 39 Bewohner an der Lindenstraße. „Wir haben das schönste Lindenstraßen-Schild“, sagt Brigitte Paul (2.v.r.). Kein Wunder: Es prangt an ihrem Haus.

in Gronau leben 39 Bewohner an der Lindenstraße. „Wir haben das schönste Lindenstraßen-Schild“, sagt Brigitte Paul (2.v.r.). Kein Wunder: Es prangt an ihrem Haus. Foto: Wiedau

Die Frau mit den aufmerksamen Augen, die viel gesehen haben in der russischen Heimat und später seit 1995 in Deutschland, braucht keine Fernsehsendungen, um sich zu unterhalten. „Ich sage immer, mein Leben ist wie ein Film. Da muss ich mir keinen anderen anschauen.“

Walter Peuckert hat ein paar Folgen gesehen. Die reichen, um die Quintessenz der 29 Jahre alten Serie zusammenzufassen: „Da geht es um Menschen wie du und ich, um Leute, die sich gegenseitig helfen.“

In der Lüdinghauser Lindenstraße ist das möglich, wenn auch eingeschränkt. Die Straße spiegelt das Spektrum von Handel, Herstellung, Gewerbe und Wohnbebauung. Helene Jung und Walter Peuckert wohnen in den Mehrfamilienhäusern, die Ende der 1950er Jahre dort entstanden, wo damals noch Sandwege die Nachbarn miteinander verbanden.

Für Peuckert gibt es – er meint es so, wie er es sagt – keinen glücklicher machenden Flecken Erde. „Wir hatten damals, als wir die Wohnung bekommen haben, auf deutsch gesagt ein Sauglück.“ Peuckert war aus Schlesien nach Westfalen gekommen, unglücklich, weil jedes Familienmitglied an einem anderen Ort untergekommen war. „Hier konnten wir zusammen wohnen. Meine Mutter kam, meine Schwester später auch.“ Vor sechs Jahren ist seine Schwester gestorben. So recht kann er sich noch immer nicht an das Alleinleben gewöhnen.

In Ochtrup diskutieren die Anwohner darüber, dass die Linden auch Probleme abwerfen – klebrige Blüten, Laub und Wurzeln, die Gehwege in Stolperfallen verwandeln.

In Ochtrup diskutieren die Anwohner darüber, dass die Linden auch Probleme abwerfen – klebrige Blüten, Laub und Wurzeln, die Gehwege in Stolperfallen verwandeln. Foto: Martin Fahlbusch

Doch immerhin: Die beiden Nachbarkatzen besuchen ihn täglich. Neben seiner Hochterrasse – Peuckert lebt im Erdgeschoss – lehnt eine Leiter für die Katzen, die von der Wohnung der jungen Nachbarin nach draußen führt. Peuckert hat immer Futter im Haus – die Katzen würden ihn wahrscheinlich zu ihrem Lieblingshausbewohner wählen. Und die Menschen?

„Wir kennen uns mehr oder weniger gut.“ Die Jungen bleiben meistens nur eine Weile. Die türkische Familie von gegenüber bittet ihn gelegentlich, abends zu ihr zu kommen. „Walter, hast du Zeit?“ Walter hat immer Zeit. Und weil er sich nicht lumpen lässt, bringt er auch gern etwas mit.

Helene Jung lebt seit zehn Jahren in der Lindenstraße. Dass sie die fußballtorgroße Grünfläche neben ihrer Hochterrasse zum Gemüsebeet machen durfte, macht sie glücklich. „Das ist so wie in unserem Dorf damals.“ Die Physalis, aus denen sie Teigtaschen und Marmeladen macht, sind berühmt – auch bei einigen Nachbarn.

Zu vieren von ihnen unterhält sie engere Kontakte. Ganz besonders zu der Frau von gegenüber. „Die hatte mehrere Schlaganfälle.“ Helene Jung kauft gelegentlich für sie ein. Und wenn sie sieht, dass die Nachbarin mühselig ihren Vorgarten jätet, zieht sie – längst ein Automatismus – die Jacke an und hilft.

Leserkommentare

Wie bewerten Sie diesen Artikel?

Vielen Dank für Ihre Bewertung.

Nur eine Abstimmung möglich!

Ihre Bewertung wurde geändert.

  • Derzeit 1 von 5 Sternen.
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Bewertung: 1/5

1 Stern = überhaupt nicht gut; 5 Sterne = hervorragend

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

flohmarkt.ms Anzeigen

Schnäppchen und Angebote aus Ihrer Umgebung

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2765155?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F