Münsterland

Fr., 23.10.2009

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Köhler hört auf seinen Rat

Winni Nachtwei hat in diesen Tagen schwer zu tun: Aktenordner, Bücher, Papiere aus 15 Jahren Parlamentsarbeit im Deutschen Bundestag packt er in seinem Berliner Noch-Abgeordneten-Büro in Umzugskartons. Foto: (kv)

Münster/Berlin - Am Schluss, nach seiner letzten Rede im Plenum des Deutschen Bundestages, kam die Bundeskanzlerin zu ihm, dankte für seine Arbeit, ihm dem grünen Abgeordneten aus dem Oppositionslager. Winni Nachtwei hat sich ein bisschen gewundert, aber auch gefreut, wie er bekennt. Erst recht, als ihn vor ein paar Tagen der Bundespräsident zum Mittagessen ins Schloss Bellevue...

Von Karin Völker

Münster/Berlin - Am Schluss, nach seiner letzten Rede im Plenum des Deutschen Bundestages, kam die Bundeskanzlerin zu ihm, dankte für seine Arbeit, ihm dem grünen Abgeordneten aus dem Oppositionslager. Winni Nachtwei hat sich ein bisschen gewundert, aber auch gefreut, wie er bekennt. Erst recht, als ihn vor ein paar Tagen der Bundespräsident zum Mittagessen ins Schloss Bellevue einlud, „Wir müssen reden“, sagte Horst Köhler bei Tisch, „was empfehlen Sie zum Thema Afghanistan?“

Über Afghanistan reden will Nachtwei auch, wenn er Ende des Monats die gewaltigen Papierberge in seinem Büro im Abgeordnetenhaus Unter den Linden 50 in die Umzugskisten verpackt und ausgeräumt haben wird. Der Einsatz am Hindukusch, den immer mehr Menschen in Deutschland beendet sehen wollen, ist zu Nachtweis großem Thema der beiden letzten Legislaturperioden geworden.

Vier Perioden, ununterbrochen seit 1994, war der heute 63-Jährige Mitglied des Deutschen Bundestages - einer der wenigen seiner Fraktion, der sich um das Thema Verteidigung und Sicherheit kümmern wollte. Winni Nachtwei war in den 80er Jahren in Münster einer der führenden Köpfe der Friedensbewegung, der seinen Wehrdienst gleichzeitig mit Überzeugung abgeleistete. „Beim Bund habe ich Brüllen gelernt“, schmunzelt Nachtwei. Eine Fähigkeit die sich später bei den Friedensdemonstrationen als sehr nützlich erwies - und bei diversen Zwischenrufen im Bundestag.

1997, noch in Bonn, brüllte er nach einer Rede des damaligen Verteidigungsministers Volker Rühe das Wort „borniert“ durch den Saal. Helmut Kohl verlangte eine Ermahnung - ohne Erfolg. Für den damaligen Kanzler war der Abgeordnete aus Münster ein Hinterbänkler. Zu denen gehörte Nachtwei aber keineswegs, verschaffte er sich doch durch seine fachliche Arbeit im Verteidigungsausschuss und 15 Reisen in damalige Kriegsgebiete auf dem Balkan Respekt über die Parteigrenzen hinaus. 2002 bis 2005 rückte er als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen bis in die höchste Ebene des Parlaments vor. Wenn Nachtwei das alles erzählt, wundert ihn immer noch, wie viel Einfluss er gewinnen konnte: „Das habe ich nie für möglich gehalten.“

Die außergewöhnliche politische Karriere des Lehrers am Gymnasium in Dülmen war 1983 nicht abzusehen, als er zum ersten Mal für die münsterischen Grünen als Direktkandidat antrat. Spätestens seither gab die Politik den Takt in Nachtweis Leben an.

Jetzt wendet er sich einem neuen Projekt zu, „der Resozialisierung“, wie er im Berliner Café Einstein erzählt. Dort, nebenan vom Abgeordnetenhaus, hat er sich manchmal mit Gesprächspartnern getroffen, sonst aber wenig von der dichten Berliner Kneipenlandschaft gesehen. Auch kaum etwas vom Kulturleben der Hauptstadt. Ähnlich erging es ihm in Münster, wo er seit über 20 Jahren mit seiner Frau Angela in Gievenbeck wohnt und wo er bei den Grünen „engagiertes Mitglied“ bleiben will. Die Wohnung werden sie behalten, aber in Berlin eine zweite nehmen, erzählt Angela Nachtwei, die gerade beim Packen in Berlin hilft.

Der gemeinsame Plan des Paares: Freunde und Freizeit sollen im neuen Leben von Winni Nachtwei eine viel größere Rolle spielen. In diesem Jahr ist er zwar schon viel gereist, kürzlich noch nach Afghanistan, aber privat noch gar nicht. Auf seinem Fahrrad auf dem Weg von seinem Appartement an der Spree entlang ins Büro, immerhin, da hatte er häufig „eine Art Sekundenurlaub“. Der Urlaub, wünscht sich Nachtwei, soll künftig andere Dimensionen annehmen, Aber nach Afghanistan, das Land, dessen Aufbau ihm sehr am Herzen liegt, will er auch künftig reisen. Ganz privat.


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