Überraschende Wende

Do., 22.12.2011

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Herzchirurgin kippt Kompromiss / Rufmord-Prozess geht weiter / Staatsanwalt „entsetzt“ / UKM „überrascht“

Überraschende Wende : Herzchirurgin kippt Kompromiss / Rufmord-Prozess geht weiter / Staatsanwalt „entsetzt“ / UKM „überrascht“

Prof. Sabine Däbritz und ihr Lebensgefährte werden auch im kommenden Jahr weiter vor Gericht stehen. Im sogenannten Rufmord-Prozess schlug die Herzchirurgin gestern eine Einigung mit dem Uni-Klinikum aus. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Richter Thomas Mattonet wirkt ungerührt, als er gestern früh vor dem münsterschen Landgericht eine entscheidende Wende im Prozess gegen die Herzchirurgin Prof. Sabine Däbritz und ihren Lebensgefährten verkündet. Eigentlich hätte die Verhandlung gestern zu Ende gehen sollen.


„Wir sind von einer Einigung zwischen den Parteien ausgegangen“, so Mattonet. Absprachegemäß hätte Däbritz 300 000 Euro an das UKM zahlen sollen – und die Uniklinik im Gegenzug ihre Schadensersatzklage über 1,5 Millionen Euro vor dem Arbeitsgericht zurückgezogen. Zudem sah die Regelung vor, dass die Angeklagten eine Art Ehrenerklärung abgeben. Allein, Sabine Däbritz war mit den Bedingungen des Vergleichs nicht einverstanden. „Diese Wendung kam ganz überraschend“, betonte der Sprecher der Westfälischen Wilhelms-Universität, Norbert Robers. „Sowohl die Summe als auch die Erklärung waren bereits ausformuliert.“

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Entsetzt reagierte der Staatsanwalt über den Rückzieher der Herzchirur­gin. In den Einigungsgesprächen hinter verschlossener Tür sei es nur noch um Details und Formulierungen gegangen und Frau Däbritz bereit gewesen zu unterzeichnen. „Ich bleibe nur so ruhig, weil ich vorgewarnt war“, sagte der Staatsanwalt. Die Verhandlung gehe nach Weihnachten weiter, nächster Termin ist der 11. Januar. „Da werden dann keine Geschenke mehr verteilt“, kündigte der Ankläger an.

Für eine Einstellung des jetzigen Verfahrens hätten Sabine Däbritz und ihr Lebenspartner eine Geldauflage an die Staatskasse und diverse gemeinnützige Einrichtungen zahlen sollen. Auf die Herzchirurgin entfielen dabei 20 000 Euro, auf ihren Partner 15 000 Euro. „Eine Einstellung un­ter Auflagen hätte dem Rechtsfrieden mehr gedient“, kommentierte der Richter. Müsse Sabine Däbritz doch im Falle eines Schuldspruches damit rechnen, die Approbation zu verlieren. Mattonet: „Das wäre eine persönliche Katastrophe – für sie selbst und für ihre Patienten.“ Denn bei allem Streit sei Däbritz´ guter Ruf als Operateurin unbestritten. Das UKM hingegen könnte „möglicherweise völlig zu Unrecht“, so Mattonet, weiter in negative Schlagzeilen geraten, die Hinterbliebenen verstorbener Patienten würden erneut mit dem Tod ihrer Angehörigen konfrontiert.

So verlas Mattonet gestern diverse anonyme Schreiben, die 2008 unter anderem an die Generalstaatsanwaltschaft in Hamm gegangen waren. Darin wurden schwere Vorwürfe gegen den damaligen Leiter der Herzchirurgie am UKM erhoben. Unter anderem hieß es darin, es kursiere eine Liste mit im OP verstorbenen Patienten und jenen mit Komplikationen. „Die Liste wird immer länger – und alle gucken weg“, zitierte Mattonet aus den Schreiben. Am Mittwoch erst hatte der Aufsichtsrat des UKM getagt, um der Einigung mit Däbritz seine Zustimmung zu geben. Universitätsrektorin Prof. Ursula Nelles schilderte gestern die Sitzung, in der die Bedingungen erörtert worden waren. Der Aufsichtsrat habe Chancen und Risiken einer Verhandlung (wie Unruhe in der UKM-Belegschaft und Verunsicherung der Patienten) gegeneinander abgewogen – und dann einer Einigung zugestimmt, sagte die Rektorin. „Der Aufsichtsrat ist einstimmig zum Ergebnis gekommen: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Sabine Däbritz war gestern zu keiner Stellungnahme bereit. Wie der Sprecher des Landgerichts Münster, Richter Dr. Matthias Bäumer, am Nachmittag bestätigte, hat der Rechtsanwalt von Däbritz´ Lebensgefährten sein Mandat niedergelegt.


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