Ärzte erheben Vorwürfe
Mi., 25.01.2012
Zeuge spricht im Däbritz-Prozess von Kunstfehlern: „Abrechnung wichtiger als Not-OP“
In den Prozess gegen Sabine Däbritz kommt durch eine Zeugenaussage neuer Schwung.
Münster -
Interessante Aussage im Prozess gegen Prof. Sabine Däbritz und ihren Lebensgefährten: Ein früherer Assistenzarzt am Uniklinikum Münster (UKM) hat gestern vor dem Landgericht Münster schwere Vorwürfe gegen Oberärzte und den früheren Chefarzt der Herz-Thorax-Chirurgie erhoben. „Da lief einiges schief.“
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Münster - Ein früherer Assistenzarzt am UKM erhob am Mittwoch im Zeugenstand schwere Vorwürfe gegen frühere Oberärzte der dortigen Herz-Thorax-Chirurgie. Bereits als er 2007 an die Klinik kam, hätten Narkoseärzte und Pflegepersonal hinter vorgehaltener Hand getuschelt, „sie würden ihre Angehörigen woanders operieren lassen“.
Die eingesetzte Gutachterkommission habe später mit keinem der beteiligten Ärzte gesprochen. „Ich als Gutachter hätte zuerst mit dem Arzt gesprochen, der den Patienten aufgenommen hat. Das war ich“, gab der junge Arzt zu bedenken. „Mit mir hat aber niemand gesprochen.“
Er gab an, von seinen Kollegen gemobbt worden zu sein, nachdem er als einziger einen gegen Sabine Däbritz verfassten und von zahlreichen Ärzten unterschriebenen Leserbrief nicht signiert hatte. „Hinterher haben mir manche gesagt, sie hätten auch nicht gern unterschrieben, fürchteten aber um ihre berufliche Zukunft“, so der Arzt. Bei einer Versammlung mit Unirektorin Prof. Ursula Nelles äußerten viele Kollegen, sie hätten Angst, „nicht mehr operieren zu dürfen, wenn Frau Däbritz wiederkommt“. Sei die Herzchirurgin doch bei Operationsfehlern immer sehr kritisch mit ihren Kollegen umgegangen.
Sabine Däbritz selbst sei der Meinung gewesen, auch die Ausbildung der jungen Ärzte am UKM sei stark verbesserungswürdig. Das könne er nur bestätigen, gab der 39-Jährige zu Protokoll. Er arbeitet inzwischen in Duisburg in der Facharztausbildung. Dass er indes mit Sabine Däbritz über den Fall gesprochen hat – sie ist am Herzzentrum Duisburg als Chefin der Herz-Thorax-Chirurgie seine Vorgesetzte – wies er am Mittwoch weit von sich. Vom damaligen Leiter der münsterschen Herzchirurgie am UKM sprach der junge Arzt hingegen nur in den höchsten Tönen. Dieser sei ein „hervorragender Chef, ein hervorragender Arzt und ein ebensolcher Operateur gewesen“.
Der 39-jährige frühere Assistenzarzt hatte kürzlich in einem offenen Brief an den Vorsitzenden Richter Thomas Mattonet von den Vorfällen berichtet. Er habe sich zu diesem Schritt entschlossen, nachdem er am ersten Verhandlungstag den Eindruck gewonnen habe, „in diesem Verfahren geht es nur um eine juristische Schlammschlacht und nicht um die Patienten als Menschen.“
In seinen Augen sei am UKM "die korrekte (Chefarzt-)Abrechnung" höher bewertet gewesen, als "einen hoch gefährdeten Patienten zeitnah zu operieren. In diesem Fall hatte das tödliche Folgen.“ Das war ihm wichtig zu betonen. In seiner polizeilichen Vernehmung sei er diesbezüglich nur verkürzt wiedergegeben worden, kritisierte der junge Mediziner. Richter Thomas Mattonet brachte seine Schilderung folgendermaßen auf den Punkt: „Wie auf See gilt in der Medizin der Grundsatz: Not kennt kein Gebot – ob man das abrechnen kann oder nicht.“
Zuvor wurden heikle Details gegen die Herzchirurgin Prof. Sabine Däbritz und ihren Lebensgefährten bekannt: Auf den Fall eines 2008 am UKM verstorbenen Herzpatienten – eines siebenfachen Vaters aus Havixbeck – ist am Mittwoch vor dem Landgericht Münster eine Zeugin eingegangen. Heike R. aus Münster war zu jener Zeit Vorzimmerdame bei Däbritz – und schilderte die Zustände, die damals an der Klinik herrschten. „Das war ein Ausnahmezustand, Sabine Däbritz war sehr angespannt.“
Der Hintergrund: Nach der monatelangen Auseinandersetzung mit dem damaligen Leiter der Herz-Thorax-Gefäß-Chirurgie war Däbritz kurz zuvor entlassen worden, erschien aber in ihrer Funktion einer Chirurgin der EMA-Stiftung (Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern) fast jeden Tag an ihrem Schreibtisch. „Kinder, die von ihr hätten operiert werden können, wurden aber an ihr vorbeigeschleust“, hatte die Sekretärin bereits in der Polizeivernehmung zu Protokoll gegeben. Ihre Chefin sei gezielt „kaltgestellt“ worden und hatte den Eindruck, man habe ihren Büro-PC manipuliert.
Anfang 2008 hatte Sabine Däbritz ihr Vorzimmer damit beauftragt, die so genannte Nelles-Liste zu erstellen: Daten zu sammeln über rund 20 am UKM verstorbene Patienten, um sie zwecks „Qualitätssicherung“ der Rektorin der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster, Prof. Ursula Nelles, zu übergeben. Ihr gegenüber habe Sabine Däbritz aber „immer wieder glaubhaft beteuert, nicht die anonyme Briefschreiberin zu sein“. Waren doch im Jahre 2008 immer wieder anonyme Schreiben an Angehörige von Herzpatienten und an die Generalstaatsanwaltschaft Hamm gegangen, in denen von schweren Kunstfehlern der UKM-Ärzten die Rede war.
Zum Fall des später verstorbenen siebenfachen Vaters schilderte die Sekretärin, wie aufgebracht Sabine Däbritz über dessen Tod gewesen sei. „Der Patient hätte nicht sterben müssen, er ist von einem unfähigen Operateur operiert worden“, habe Sabine Däbritz zu ihr gesagt. Als die Sekretärin zwei Tage später Einsicht in die Patientenakten des Havixbeckers habe nehmen wollen, seien sämtliche Informationen über den Patienten gelöscht gewesen. „Das hat mich sehr erschrocken“, so die 48-jährige Vorzimmerdame.
Eine zweite Sekretärin von Sabine Däbritz schilderte das Verhältnis eines hochgestellten Professors der Herz-Thorax-Gefäß-Chirurgie zu ihrer Chefin. Der Mann habe Sabine Däbritz am Flughafen abgeholt, ihr Komplimente gemacht und „sie in einer Art am Arm gefasst, wie es nicht sein sollte“, zitierte die Sekretärin Däbritz´ Worte. Sie möge ihre Haare offen tragen, habe der Professor zu der Herzchirurgin gesagt, was letzterer unangenehm war. Der Mann habe sie zum Essen eingeladen und versucht, ihre Hand zu streicheln.
