Interview
Fr., 03.02.2012
„Eine gute Hauptschule hat jeden Schüler im Blick“
Annette Brockkötter
Münster - Problematische Schüler, schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt – das Image der Hauptschulen ist alles andere als gut. Zu Recht? Oder stimmen viele der einschlägigen Vorurteile gar nicht? Sandra Peter sprach mit Annette Brockötter, schulfachliche Dezernentin für Hauptschulen im Regierungsbezirk Münster.
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Die Schülerzahlen an den Hauptschulen sinken schon seit Jahren kontinuierlich. Warum?
Annette Brockötter: Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: Zum einen gibt es immer weniger Hauptschulen, weil gleichzeitig neue Schulformen entstehen und neue Schulen gegründet werden. Zum anderen sorgt auch der demografische Wandel für sinkende Schülerzahlen. Nicht zuletzt wählen Eltern für ihre Kinder vorrangig andere Schulen. Sie wollen für ihr Kind eine möglichst angesehene Schulform, und das trifft leider in der öffentlichen Meinung auf die Hauptschule nicht zu.
Hauptschulen gelten oft als „Problemschulen“. Wo hat das schlechte Image der Hauptschule seinen Ursprung?
Brockötter: Vieles beruht auf vorschnellen Urteilen, Verallgemeinerungen und vor allem auf Unkenntnis: Die größten Kritiker der Hauptschule haben mit dem Schulalltag oft gar nichts zu tun, während Schüler und Eltern vielerorts sehr zufrieden sind. Das schlechte Image rührt aber auch von der Tatsache her, dass Hauptschulen bislang per Gesetz verpflichtet waren, jeden aufzunehmen, und dabei zahlreiche Integrationsaufgaben übernommen haben: die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, von Kindern mit besonderem Förderbedarf, von sozial schwächer gestellten Kindern. Seitdem haftet Hauptschulen auch das Image einer „Restschule“ an, auf die viele Eltern ihre Kinder einfach nicht schicken möchten.
Welche Chancen haben Hauptschüler auf dem Arbeitsmarkt?
Brockötter: Das ist immer vom Arbeitsmarkt abhängig, im Moment sind sie allerdings sehr gut. Es hat sich herumgesprochen, dass viele Hauptschulen ihren Schülern sehr gute Möglichkeiten zur Berufsorientierung bieten und damit anderen Schulformen zum Teil sogar voraus sind. Viele Firmenchefs knüpfen in Zeiten des Fachkräftemangels früh Kontakte zu diesen Schulen.
Was zeichnet eine gute und erfolgreich arbeitende Hauptschule aus?
Brockötter: Eine gute Hauptschule hat jeden einzelnen Schüler im Blick und ist erfahren in der Schaffung von Wegen und Umwegen, die jeden einzelnen letztlich zum Ziel führen – gerade weil sie sich über viele Jahre ihre Schüler nicht aussuchen konnte. Aus dem gleichen Grund wird an erfolgreichen Hauptschulen das soziale Miteinander gelebt: Weil die Schüler so verschieden sind, hat man gelernt, gut miteinander auszukommen.
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