Mi., 18.06.2014

Selbsthilfe bei Übergewicht Der Hunger, der tiefer sitzt

Gerade bei jungen Leuten nagt das Übergewicht am Selbstbewusstsein.

Gerade bei jungen Leuten nagt das Übergewicht am Selbstbewusstsein. Foto: Foto: dpa

Dülmen - 

Für Sibylle Härtel hat Essen etwas mit Geselligkeit zu tun. „Am Tisch sitzen, Tomätchen schneiden, das Ganze zelebrieren“, sagt sie. „Am liebsten stundenlang.“ Dann bleibt dieses wohlige Gefühl länger da. Auch, wenn man ganz allein am Tisch sitzt.

Von Julia Gottschick

Wie die meisten in der „Offenen Adipositas-Selbsthilfegruppe Dülmen “ ist Härtel seit ihrer Kindheit übergewichtig. „Je dicker ich wurde, desto weniger konnten mich andere übersehen“, hat sich die Gruppenleiterin Gedanken gemacht. „Mir einzugestehen, dass ich ein Pro­blem mit dem Essen habe, das war ein langer Weg.“

Alle zwei Wochen, immer mittwochs, treffen sich die 20 Mitglieder zum Erfahrungsaustausch. Wie war die Woche? Wem ist eine Ernährungsumstellung geglückt? Themen sind gesundes Essen, konventionelle Abnehm-Methoden, Vorbereitung auf Schlauchmagen- und Magenbypass-OPS – aber vor allem: Motivation. „Wir müssen uns nicht voreinander rechtfertigen, warum wir seit zehn Jahren nicht im Schwimmbad waren.“ Denn Scham ist etwas, das hier jeder kennt. Darüber, im Lokal nicht auf den Stuhl zu passen. Von der Trainerin im Fitnessstudio schikaniert zu werden.

Etliche von ihnen arbeiten in sozialen Berufen. Helfen, um gemocht zu werden: „Wenn ich mich um Behinderte oder Senioren kümmere, ist denen egal, ob ich dick bin oder dünn“, sagt eine Frau. Sie kennt das Getuschel. Hat schon erlebt, „dass Jugendliche mir eine Cola hinterherschmeißen und rufen: Trink das, du fette Sau.“ Auch bei der Arbeit werden Dicke stigmatisiert, findet Sibylle Härtel. „Ich hab mit 161 Kilogramm jedes Weihnachten und jeden Feiertag gearbeitet“, betont die Sozialarbeiterin mit dem Vorurteil auf, Übergewichtige seien faul. „Nur damit keiner sagt: Die Dicke da, die macht wieder blau.“ Als Frau und als Dicke müsse man doppelt seinen Mann stehen. Die Menschen, die 50 Kilometer und mehr zu den Gruppentreffen   nach Dülmen fahren, haben Dutzende Diäten hinter sich. Durch den Jo-Jo-Effekt hat sich ihr Stoffwechsel verschoben. „Ich nehme inzwischen bei 600 Kalorien am Tag zu“, sagt Marlies aus Senden, die eine Magenverkleinerung hinter sich hat und nur löffelchengroße Portionen verträgt. Ab ei­nem gewissen Body-Mass-Index helfe keine Diät mehr, keine Nahrungsumstellung. „Irgendwann schaffst du’s nicht mehr, normal zu essen oder alleine abzunehmen. Auch nicht mit viel Sport.“

Vielen hier hilft nur noch die OP – auch wenn „wir niemanden dazu überreden wollen“, stellt Härtel klar. „Das muss jeder selbst entscheiden.“ Sich den Magen verkleinern zu lassen, damit das nagende Hungergefühl verschwindet. Ei­nes, das mehr ein Hunger der Seele zu sein scheint denn des Körpers. „Ich hab als Kind Steine gesammelt, wenn ich traurig war“, erzählt eine junge Mutter. „Da hab ich meine Sorgen draufgepackt. Als das nicht mehr half, hab ich gegessen.“ Irgendwann war klar: Wenn sie so weitermacht, wird sie den 20. Geburtstag ihres Kindes nicht mehr erleben. „Mein Arzt hat mir gesagt: Keine Sorge – Sie leben nicht kürzer als andere. Sie werden nur früher zum Pflegefall“, erzählt ein Medienberater aus Dülmen.

Sie alle hier wollen leben – und am liebsten gut. Deshalb arbeiten sie auf die Magen-OP hin. Indem sie ihrer Krankenkasse die Bereitschaft zeigen mitzuhelfen: zur Ernährungsberatung gehen, eine Psychotherapie besuchen, zweimal die Woche Sport nachweisen. „Und wenn man sich gar nicht bewegen kann“, erklärt Härtel, „dann macht man eben eine Stuhlgymnastik.

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