Die Pfeife im Stutenkerl
Verband vermutet Einfluss der Tabakindustrie

Westfalen -

Er ist der letzte gesellschaftlich respektierte Raucher in Deutschland – neben Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Der Stutenkerl, fester Bestandteil der Nikolausfeierlichkeiten. Doch der Bundesvorsitzende des Verbandes „Pro Rauchfrei“, Siegfried Ermer, vermutet hinter der Pfeife im Stutenkerl „den Einfluss der Tabakindustrie und ihrer Lobby“.

Samstag, 06.12.2014, 11:12 Uhr

Hinter der Pfeife stecke der bewusste Versuch, „das Rauchen in die Köpfe zu bringen und Kindern zu sagen, dass das Rauchen ganz normal ist“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. Damit werde eine Verhaltensweise zementiert, die die Tabakindustrie über Jahrzehnte aufgebaut habe. Weshalb er die Pfeife im Stutenkerl für „total verfehlt“ hält.

Dass die Tabaklobby ihre Finger im Spiel gehabt haben könnte, als der Stutenkerl mit einer Pfeife ausgestattet wurde, glaubt Dr. Martin Kügler – um es vorsichtig zu sagen – eher nicht. Der Autor der Doktorarbeit mit dem Titel „Die Pfeifenbäckerei im Westerwald “ sagt, dass „sich nicht genau feststellen“ lässt, wann und wie die Pfeife zum ersten Mal aufgetaucht ist. Der Stutenkerl habe eigentlich einen Bischof darstellen sollen. Irgendwann hat irgendjemand auf den Hirtenstab gepfiffen und stattdessen die Pfeife in den Teig gedrückt – „als Spielzeug für die Kinder“, sagt Kügler. Er vermutet, dass das „rund um 1860 oder 1870 passiert ist.

Wann und wie die Pfeife zum ersten Mal beim Stutenkerl aufgetaucht ist, lässt sich nicht genau feststellen.

Dr. Martin Kügler

Martin Klauer betreibt in der Töpferstadt Ransbach-Baumbach in Rheinland-Pfalz die Tonwaren- und Tonpfeifen-Vertriebs GmbH. Dort ist der 66-Jährige mit bis zu sechs Mitarbeiterinnen das ganze Jahr damit beschäftigt, die Pfeifen zu produzieren. Pro Jahr entstehen so sieben bis acht Millionen Exemplare. Klauers Vater hat sage und schreibe 70 Jahre in dem Betrieb gearbeitet, bevor er das Unternehmen vor gut zehn Jahren seinem Sohn vererbt hat. Bundesweit werden nur noch an einem anderen Standort Tonpfeifen produziert.

Die Pfeife im Stutenkerl hat nach den Worten von Martin Klauer noch nie jemandem geschadet. Und wer als Kind selbst seine ersten Rauchversuche mit der Tonpfeife gemacht und den Qualm von brennendem Papier eingeatmet hat, der lasse wahrscheinlich sogar später eher die Finger von einer Zigarette als andere. Martin Klauer jedenfalls ist trotz seines Jobs Nichtraucher. Die, die Stutenkerle ohne Tonpfeife fordern, hält er für Pfeifenköppe, oder wie er es formuliert, für „Dummschwätzer“, denn schließlich sei „Brauchtum Brauchtum“.

Die schönsten Traditionen im Herbst und Winter

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  • Im Herbst und Winter pflegen die Menschen in Westfalen einige liebgewonnene Traditionen. Kennen Sie alle? Seit über 200 Jahren wird in vielen Orten des Münsterlands das Lambertus-Fest gefeiert – mit Laterne, Pyramide und traditionellem Liedgut. Der Festtag des heiligen Lambert ist der 18. September.

    Foto: mfe
  • Ein weiteres „Laternenfest“ kennt hingegen vermutlich jeder in der Region: Sankt Martin. Vielerorts wird am 11. November die Geschichte des Bischofs von Tours, der mit einem Bettler seinen Mantel teilte, nachgespielt und mit einem Laternenumzug gefeiert.

    Foto: Drunkenmölle
  • Für einige gehört er schon zu St. Martin, andere beißen erst am Nikolaustag beherzt zu: Der Stutenkerl wird aus Hefeteig gebacken und hat traditionell eine Tonpfeife eingesteckt. Diese soll übrigens daher stammen, dass man im evangelischen Raum den Bischofsstab einfach umgedreht hat.

    Foto: Uta Rademacher
  • Mindestens vier Wochen vor Weihnachten beginnt die Adventszeit. An jedem der vier (Advents-) Sonntage wird eine weitere Kerze am Adventskranz angezündet.

    Foto: Hildenbrand, dpa
  • Eine weitere, vielgenutzte Möglichkeit, die Wartezeit bis Weihnachten zu verkürzen: Adventskalender in allerlei Variationen.

    Foto: LH Marketing
  • Was wäre die Vorweihnachtszeit ohne Weihnachtsmärkte? Ein Besuch auf einem der duftenden Märkte gehört einfach dazu!

    Foto: Markus Lehmann
  • Viele nutzen den Weihnachtsmarktbesuch als Vorwand, um Glühwein zu trinken – gerne auch mit Schuss. An kühlen Wintertagen kommt so mancher schnell auf „Betriebstemperatur“.

    Foto: Jenke
  • Und so sieht das Getränk aus, das dem Film den Namen gegeben hat.

    Foto: Colourbox.de
  • Solche Plätzchenausstecher haben wohl die meisten Kinder des Münsterlands schon einmal in der Hand gehabt. Plätzchen backen gehört bei vielen Familien noch zum vorweihnachtlichen Standardprogramm.

    Foto: Kai Remmers, dpa
  • Auf den 6. Dezember freuen sich besonders die Kinder sehr. Denn dann kommt der Nikolaus und steckt den artigen von ihnen Süßigkeiten und Geschenke in den Stiefel. Knecht Ruprecht, der unartige Kinder mit der Rute straft, ist hingegen aus der Mode gekommen.

    Foto: Colourbox.de
  • Weihnachten ohne Tannenbaum?! Kaum vorstellbar. Man findet ihn beinahe in jedem Haushalt im Münsterland.

    Foto: Colourbox.de
  • Eine Tradition, die wohl niemand gerne aufgibt: Heiligabend werden die Geschenke unter den Christbaum gelegt.

    Foto: Colourbox.de
  • Die Weihnachtsgans ist in vielen Haushalten der Region immer noch ein alljährlicher Brauch.

    Foto: Colourbox.de
  • Neben dem ganzen festlichen Essen, gibt es an den Weihnachtsfeiertagen auch noch süße Verlockungen. Christstollen schmecken in der Weihnachtszeit eben besonders gut.

    Foto: Kai Remmers,dpa
  • Am 26. Dezember wird an die Steinigung des heiligen Stephanus gedacht. Am zweiten Weihnachtstag ziehen viele Münsterländer mit einem Stein in der Tasche von Kneipe zu Kneipe. Wer keinen Stein dabei hat muss eine Runde bezahlen. Mancherorts werden (wie im Bild) regelrechte Stephanus-Partys gefeiert.

    Foto: Brüggemann
  • Für viele gehört es zu Silvester: Beim Bleigießen sollen die entstandenen Werke Aufschluss über das Geschehen im nächsten Jahr geben.

    Foto: Bernd Weißbrod , dpa
  • Kein Jahreswechsel ohne Feuerwerk. Pünktlich zum Jahreswechsel sollen – nach alter Tradition – durch Raketen und Böller die „bösen Geister“ verjagt werden. Dass man auch in den Tagen davor und danach immer wieder Böllerei hört, liegt wohl daran, dass einige auf Nummer sicher gehen wollen.

    Foto: Markus Lehmann
  • Bis zum 6. Januar, dem Dreikönigstag, ziehen als Heilige Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar gekleidete Kinder von Haus zu Haus und sammeln Spenden.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die Sternsinger segnen das Haus mit den Buchstaben „CMB“ und der jeweiligen Jahreszahl. „CMB“ steht entgegen einer weit verbreiteten Meinung jedoch nicht für Caspar, Melchior und Balthasar, sondern – zumindest offiziell – für die lateinischen Worte „Christus mansionem benedicat“, was so viel bedeutet wie „Christus segne dieses Haus“.

    Foto: Angelika Fliegner

Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen kennt keinen Beleg in der Literatur, dass der Stutenkerl mal eine Bischofsfigur gewesen sein soll. Sie vermutet, dass die Pfeife die Figur als Mann kennzeichnete. Aber in Westfalen gebe es viele Traditionen rund um St. Martin und Nikolaus, Teig zu Figuren zu formen: In Mettingen etwa gebe es die Hähnchen – genauso wie im sauerländischen Attendorn. Und Reiter seien auch in großen Teilen des Sauerlands Teil der Nikolaus-Bäckerei. Nach Cantauws Worten gibt es eine Theorie, nach der die Vielfalt der Figuren einst viel größer war und Hähnchen, Stutenkerl und Reiter lediglich die traurigen Überbleibsel sind, die es bis in die Gegenwart geschafft haben.

Und wer je mit seinen Kindern Hefeteig gebacken hat, der weiß, dass man nicht besonders pfiffig sein muss, um auf die Idee zu kommen, aus Teig Figuren zu formen. Wer jeden Tag viele Hühner um sich hat, backt wahrscheinlich auch Hühner aus Teig, sagt Cantauw.

Nur: Die rauchen nicht.

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