Sa., 06.12.2014

Die Pfeife im Stutenkerl Verband vermutet Einfluss der Tabakindustrie

Darf der das? Die Pfeife trägt der Stutenkerl schon gut 150 Jahre mit sich herum. Der Bundesvorsitzende des Verbandes „Pro Rauchfrei“, Siegfried Ermer, hält das für „total verfehlt.“

Darf der das? Die Pfeife trägt der Stutenkerl schon gut 150 Jahre mit sich herum. Der Bundesvorsitzende des Verbandes „Pro Rauchfrei“, Siegfried Ermer, hält das für „total verfehlt.“ Foto: Wilfried Gerharz

Westfalen - 

Er ist der letzte gesellschaftlich respektierte Raucher in Deutschland – neben Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Der Stutenkerl, fester Bestandteil der Nikolausfeierlichkeiten. Doch der Bundesvorsitzende des Verbandes „Pro Rauchfrei“, Siegfried Ermer, vermutet hinter der Pfeife im Stutenkerl „den Einfluss der Tabakindustrie und ihrer Lobby“.

Von Stefan Werding

Hinter der Pfeife stecke der bewusste Versuch, „das Rauchen in die Köpfe zu bringen und Kindern zu sagen, dass das Rauchen ganz normal ist“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. Damit werde eine Verhaltensweise zementiert, die die Tabakindustrie über Jahrzehnte aufgebaut habe. Weshalb er die Pfeife im Stutenkerl für „total verfehlt“ hält.

Dass die Tabaklobby ihre Finger im Spiel gehabt haben könnte, als der Stutenkerl mit einer Pfeife ausgestattet wurde, glaubt Dr. Martin Kügler – um es vorsichtig zu sagen – eher nicht. Der Autor der Doktorarbeit mit dem Titel „Die Pfeifenbäckerei im Westerwald “ sagt, dass „sich nicht genau feststellen“ lässt, wann und wie die Pfeife zum ersten Mal aufgetaucht ist. Der Stutenkerl habe eigentlich einen Bischof darstellen sollen. Irgendwann hat irgendjemand auf den Hirtenstab gepfiffen und stattdessen die Pfeife in den Teig gedrückt – „als Spielzeug für die Kinder“, sagt Kügler. Er vermutet, dass das „rund um 1860 oder 1870 passiert ist.

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Wann und wie die Pfeife zum ersten Mal beim Stutenkerl aufgetaucht ist, lässt sich nicht genau feststellen.

Dr. Martin Kügler

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Martin Klauer betreibt in der Töpferstadt Ransbach-Baumbach in Rheinland-Pfalz die Tonwaren- und Tonpfeifen-Vertriebs GmbH. Dort ist der 66-Jährige mit bis zu sechs Mitarbeiterinnen das ganze Jahr damit beschäftigt, die Pfeifen zu produzieren. Pro Jahr entstehen so sieben bis acht Millionen Exemplare. Klauers Vater hat sage und schreibe 70 Jahre in dem Betrieb gearbeitet, bevor er das Unternehmen vor gut zehn Jahren seinem Sohn vererbt hat. Bundesweit werden nur noch an einem anderen Standort Tonpfeifen produziert.

Die Pfeife im Stutenkerl hat nach den Worten von Martin Klauer noch nie jemandem geschadet. Und wer als Kind selbst seine ersten Rauchversuche mit der Tonpfeife gemacht und den Qualm von brennendem Papier eingeatmet hat, der lasse wahrscheinlich sogar später eher die Finger von einer Zigarette als andere. Martin Klauer jedenfalls ist trotz seines Jobs Nichtraucher. Die, die Stutenkerle ohne Tonpfeife fordern, hält er für Pfeifenköppe, oder wie er es formuliert, für „Dummschwätzer“, denn schließlich sei „Brauchtum Brauchtum“.

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Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen kennt keinen Beleg in der Literatur, dass der Stutenkerl mal eine Bischofsfigur gewesen sein soll. Sie vermutet, dass die Pfeife die Figur als Mann kennzeichnete. Aber in Westfalen gebe es viele Traditionen rund um St. Martin und Nikolaus, Teig zu Figuren zu formen: In Mettingen etwa gebe es die Hähnchen – genauso wie im sauerländischen Attendorn. Und Reiter seien auch in großen Teilen des Sauerlands Teil der Nikolaus-Bäckerei. Nach Cantauws Worten gibt es eine Theorie, nach der die Vielfalt der Figuren einst viel größer war und Hähnchen, Stutenkerl und Reiter lediglich die traurigen Überbleibsel sind, die es bis in die Gegenwart geschafft haben.

Und wer je mit seinen Kindern Hefeteig gebacken hat, der weiß, dass man nicht besonders pfiffig sein muss, um auf die Idee zu kommen, aus Teig Figuren zu formen. Wer jeden Tag viele Hühner um sich hat, backt wahrscheinlich auch Hühner aus Teig, sagt Cantauw.

Nur: Die rauchen nicht.

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