Interview mit Sylvia Löhrmann
Nach einem Jahr Inklusion zieht Schulministerin positive Bilanz

Düsseldorf -

Ruckelig, hakelig, ungeschliffen – dass der seit einem Jahr geltende Rechtsanspruch für behinderte Kinder auf Unterricht an einer allgemeinen Schule einen langen Anpassungsprozess benötigt, hält NRW-Schulminister Sylvia Löhrmann für völlig normal. Im Gespräch mit Fabian Klask und Hilmar Riemenschneider zieht sie nach einem Jahr Inklusion eine Bilanz.

Samstag, 27.06.2015, 14:06 Uhr

Frau Löhrmann , auch nach einem Jahr Rechtsanspruch ist es in der Inklusionsdebatte nicht ruhiger geworden. Überrascht Sie das?

Löhrmann: Überhaupt nicht. Inklusion führt ja zu großen Veränderungen in unserer Schullandschaft. Da sind Debatten ganz normal. Inklusion ist der endgültige Abschied von einem altbekannten Leitbild, das da hieß: Wir sortieren so lange, bis wir eine Gruppe ungefähr gleich aufgestellter Schülerinnen und Schüler haben und die unterrichten wir dann. Dieses Leitbild war aber schon längst durchbrochen. Inklusion ist quasi die Vollendung des Anspruchs individueller Förderung. Als Lehrerin weiß ich, dass Veränderungen in der Schule ihre Zeit brauchen. Inklusion ist eine Generationenaufgabe.

Ihre Kritiker sind nicht überzeugt: Die Inklusion komme zu überstürzt, es gebe zu wenige Fortbildungen und Sonderschullehrer an den Regelschulen, heißt es. Alles falsch?

Löhrmann: Natürlich gibt es vor Ort Unruhe, wie übrigens in jedem Bundesland, das die Inklusion umsetzt. Manche Dinge müssen sich einpendeln. Es geht um eine Veränderung im laufenden Prozess. Der Rechtsanspruch gilt deshalb ja auch nicht ab sofort für das gesamte System, sondern wächst schrittweise beginnend mit der ersten und fünften Klasse auf. Das Tempo folgt dem Elternwillen.

Gehen wir mal auf konkrete Kritikpunkte ein: Viele Lehrer, die jetzt integrativ arbeiten sollen, fühlen sich schlecht vorbereitet.

Löhrmann: Das A und O ist eine gute Fortbildung, und allein im vergangenen Jahr haben 28 000 Lehrkräfte eine solche Schulung besucht. Ich ermuntere die Schulen und Lehrkräfte, die Fortbildung offensiv zu nutzen.

Gibt es tatsächlich genug Lehrer, um Kindern mit und ohne Förderbedarf im Unterricht gerecht zu werden?

Löhrmann: Wir haben jetzt 1000 Stellen mehr im System. Die von manchen pauschal geforderte Doppelbesetzung in jeder Lerngruppe ist nicht durchgängig nötig, weil es sehr unterschiedliche Kinder gibt und auch unterschiedliche Zusammensetzungen der Lerngruppen. Zum Beispiel müssen nicht für drei Kinder, die eine motorische Behinderung haben, die Klassen doppelt besetzen werden.

Sie haben Stellenabbau bei den Lehrern nur bis 2015 ausgeschlossen. Fangen Sie jetzt an zu kürzen?

Löhrmann: Nein, im Gegenteil: Die Aufgaben wachsen ja weiter. Wir brauchen mehr Lehrkräfte für Flüchtlinge, für den Ausbau des Ganztags. Zudem sinken die Schülerzahlen nicht so stark wie prognostiziert. Deshalb haben wir in diesem Jahr 1000 Stellen mehr geschaffen, als ursprünglich geplant. Und auch der Haushalts-Entwurf für 2016 sieht einen Zuwachs vor. Bei der Bildung wird nicht gespart.

Sonderpädagogen klagen über immer größere Klassen an den Förderschulen, an den Regelschulen vermisst man Lehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung.

Löhrmann: Diese Situation ist dem Übergangsprozess geschuldet. Es dauert einfach, bis sich herauskristallisiert hat, welche Förderschulen erhalten bleiben und welche Lehrer komplett an einer Regelschule arbeiten werden. Entscheidend ist der Elternwille: Wir zwingen ja niemanden zum Wechsel an die Regelschule. Es werden wohl am ehesten die Förderschulen ein Problem mit ihrer Mindestgröße bekommen. Zudem gibt es ja noch die Möglichkeit, Förderschulen im Verbund zu bilden, oder mehrere Förderschulen zu einer größeren mit Teilstandorten zusammenzulegen.

Sind Sie enttäuscht, dass ausgerechnet das Bildungsflaggschiff Gymnasium nur wenige Kinder mit Handicap unterrichtet? Zuletzt waren es knapp drei Prozent . 

Löhrmann: Das ist mehr als in anderen Ländern. Inklusion geht alle an. Es gibt zum Teil eine gewisse Sorge, dass die Bildungsqualität durch Inklusion verwässert würde, was aber nicht richtig ist. Auf der anderen Seite erlebe ich inzwischen aber sogar Gymnasien, die richtig stolz auf ihre Integrationsleistung sind. Eine Schulleiterin hat mir neulich gesagt: „Wer Hochbegabte kann, der kann auch Inklusion.“ Diese Haltung muss Schule machen.

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