Di., 15.11.2016

Reaktor Lingen wird abgerissen Besuch in einem Uralt-Kraftwerk

Winzig wirkt das Atomkraftwerk Lingen (Kreis) im Vergleich zum Erdgaskraftwerk (zwei Kühltürme) und dem Kernkraftwerk Emsland.

Winzig wirkt das Atomkraftwerk Lingen (Kreis) im Vergleich zum Erdgaskraftwerk (zwei Kühltürme) und dem Kernkraftwerk Emsland. Foto: RWE Generation SE

Lingen - 

Diese Panzertür könnte auch in einer Bank sein: 80 Zentimeter ist sie dick. Ulrich Priesmeyer kurbelt an einem Drehrad, zieht an der Stahlkonstruktion, dann schwingt sie auf. „Oh, leider kein Licht“, sagt der Ingenieur. Er leitet den Rückbau des Kernkraftwerks Lingen, der seit September läuft. Besucher können nur von einem Gang aus einen Blick in den Kraftwerk-Dinosaurier werfen, der einem Gewölbe gleicht und in dem Rohre, Druckmesser und Schläuche hängen.

Von dpa

Die Besichtigung des Uralt-Kernkraftwerks ist ein Ausflug in eine andere Zeit. Als die Anlage gebaut wurde, galt Atomkraft als die Energiequelle der Zukunft. Heute ist der Atomausstieg in Deutschland beschlossene Sache. Ende 2022 sollen die letzten Meiler vom Netz.

Auf dem Gelände, das mit seinen Dampfwolken schon von weitem zu sehen ist, stehen drei Kraftwerke: das AtomkraftwerkLingen “, das zurzeit abgerissen wird, das Erdgaskraftwerk „Emsland“ und das „Atomkraftwerk Emsland“, das zu den letzten seiner Art gehören wird und 2022 vom Netz gehen soll.

Der Rückbau von Atomanlagen sei beherrschbar, sagt Priesmeyer. Für den Energiekonzern RWE , dem das Kraftwerk Lingen gehört, sei der sichere Abbau von Atommeilern „geübte Praxis“, ergänzt Jürgen Haag , Leiter der beiden Atomkraftwerke in Lingen.

Fotostrecke: Das ehemalige Kernkraftwerk Lingen

Viele Atommeiler werden abgebaut

In Deutschland werden in den nächsten Jahrzehnten viele Atommeiler abgebaut. „Die eigentliche Erfahrung, was große Leistungsreaktoren angeht, steht noch aus“, sagt der Atomexperte des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (Bund), Thorben Becker . Acht Kernkraftwerke sind derzeit noch in Betrieb, neun sind endgültig abgeschaltet, und 16 werden zurückgebaut. 21 Milliarden Euro haben die Betreiber für den Rückbau und die Konditionierung der Altteile vorgesehen, sagt Nicolas Wendler, Pressesprecher des Deutschen Atomforums, der Lobbyorganisation der Kernenergiewirtschaft.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen

Die Sicherheits- und Strahlenschutzstandards beim Rückbau seien hoch, sagen die RWE-Experten Haag und Priesmeyer. Zwei Prozent des noch vorhandenen Baumaterials müssten als leicht- und mittelradioaktives Material endgelagert werden. Aber ein Großteil könne gereinigt und dekontaminiert werden. Von den 59 000 Tonnen Gesamtmasse des Kernkraftwerks Lingen müssten gerade einmal 1500 Tonnen endgelagert werden.

Das Atomkraftwerk „Lingen“

► Das Kernkraftwerk Lingen wurde von 1964 bis 1968 gebaut. Damit gehörte es zur ersten Generation kommerzieller Atommeiler in der Bundesrepublik.

► Abgeschaltet wurde es schon 1977.

► 1983 wurden die hoch radioaktiven Brennelemente entfernt.

► 1988 wurde der Reaktor im Prinzip zugesperrt.

► In den 90er Jahren wurden die konventionellen Anlagenteile abgerissen, seitdem steht nur noch das Reaktorgebäude.

► 2008 wurde der Antrag zum Abbau gestellt.

► 2015 hat den das niedersächsische Umweltministerium genehmigt.

► Sommer 2016: Beginn des Rückbaus, geplanter Abschluss: 2030. (werd)

Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte von Greenpeace, widerspricht: Das aufgearbeitete Restmaterial sei nicht komplett strahlungsfrei. Zwar seien die Grenzwerte, über die man spreche, sehr gering, und für kleine Mengen seien diese Freigrenzen auch ausreichend. „Was passiert, wenn viele hundert Tonnen mit gerade noch akzeptabler Radioaktivität auf eine Deponie kommen“, fragt er.

Das größte Risiko bei Atomkraftwerken gehe allerdings von den hochradioaktiven Brennelementen aus, sagt Bund-Experte Becker. „Da ist es notwendig, dass die beim Rückbau aus den Anlagen herauskommen und sicher gelagert werden.“ Dass die Probleme beim Rückbau technisch lösbar seien, sei im Prinzip richtig: „Das heißt aber nicht, dass ein Rückbau völlig problemlos ist.“

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