Sa., 24.12.2016

Antonius-Kapelle in Horstmar Lichtblick auf dem Berg

Ein Ort der Ruhe:Die Kapelle an der Straße zwischen Horstmar und Schöppingen wirkt auch in der Dunkelheit einladend und heimelig. Wilfried Gerharz

Ein Ort der Ruhe:Die Kapelle an der Straße zwischen Horstmar und Schöppingen wirkt auch in der Dunkelheit einladend und heimelig. Wilfried Gerharz

Der Wind treibt schmutzig graue Wolken über den Schöppinger Berg und lässt die Flügel der Windkrafträder rotieren. Symbole umweltschonender Effizienz, wie Flanken angeordnet, fast so, als müssten sie wie aufrecht in den Himmel erhobene Zeigefinger auf das Herzstück ihres Bergs hinweisen. 

Von Annegret Schwegmann

Ihr Herzstück – das ist die Antonius-Kapelle. Erbaut in einer Zeit, in der die Menschen den Gedanken an Strom so abstrus gefunden hätten wie die Vorstellung, dass die ganze Orte auslöschende Pest irgendwann überwunden sein könnte.

Pest, Kriege, Krankheiten, Angst vor Tod und Komplikationen bei Geburten, Sorgen um die Familie, um das Glück der Kinder: Die Antonius-Kapelle auf dem Schöppinger Berg in Horstmar ist in ihrer langen Geschichte zu einem Ort geworden, in dem Tausende von Menschen versucht haben, wieder zur Ruhe zu kommen.

Beten, innehalten, Danke sagen – eine kleine Kapelle als Inbegriff der Hoffnung.

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Ich war hier, wenn unsere Kinder und Enkelkinder geboren wurden.

Heinz Schütte

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Eine Frau lenkt ihren Wagen auf den Parkplatz, schlingt fröstelnd einen Schal um ihren Hals und betritt rasch den Vorraum. Sie ist nicht zum ersten Mal hier. Sie weiß, dass die Kerze, die sie entzünden will, 50 Cent kostet und auf der Fensterbank das Buch liegt, in dem Gäste ihre Bitten notieren.

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Innehalten: 13.000 Kerzen werden jährlich in der Antonius-Kapelle entzündet. Foto: Wilfried Gerharz

 „Lieber Gott, beschütze meinen geliebten Mann.“

Heinz Schütte tauscht die Bücher, wenn die letzten Seiten beschrieben sind, seit Jahren gegen neue aus. Zu Hause verwahrt der Vorsitzende der Antonius-Bruderschaft einen beachtlichen Stapel dieser Bücher. Und ab und zu liest er darin und hat dabei den Eindruck, tief in das Seelenleben der Menschen sehen zu können. 13 000 Kerzen flackern im Laufe des Jahres in der Kapelle. 13 000 Kerzen für 13 000 Bitten. Das Geld stiftet die Bruderschaft für gute Zwecke.

 „Lieber Gott, hilf mir morgen bei der Englisch-Arbeit. Danke, Dein Alex“

Seit 18 Jahren steht Heinz Schütte an der Spitze der Bruderschaft, der er sich, wie er sagt, „mit Leib und Seele“ verbunden fühlt. Allein das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, die 1652 nach den Erschütterungen des Dreißigjährigen Krieges entstand und sich seitdem dem Erhalt des Glaubens und der Mitmenschlichkeit verbunden fühlt, ist für ihn kaum zu beschreiben. Schon wenige Jahre nach der Gründung legten die Männer der Bruderschaft das Gelöbnis ab, eine Kapelle auf dem Schöppinger Berg zu errichten, wenn es gelingen sollte, die Pest nicht von Schöppingen nach Horstmar gelangen zu lassen. Eine Inschrift auf dem Türsturz weist 1770 als Baujahr aus. Höchst­wahrscheinlich ist der Vorläufer der heutigen Kapelle jedoch viel älter.

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Hoffnung: Tausende von Menschen haben in der Kapelle gebetet und nachgedacht. Foto: Wilfried Gerharz

Ein Mann, jünger als der 69-jährige Schütte und wie er Mitglied der Bruderschaft, kratzt den Wachs der Kerzen aus den Halterungen und legt das Gästebuch aus. Weil der Horstmarer der Gemeinschaft erst seit kurzer Zeit angehört, steht er ihr – so will es die Satzung – zunächst als Kirchenmeister zur Verfügung. In den vergangenen Tagen hat er alle Mitglieder und die Witwen der verstorbenen Antoniusbrüder besucht und um Spenden gebeten. Die sind – wie immer – großzügig ausgefallen und werden – wie immer – Bedürftigen zur Verfügung gestellt. Der Kirchenmeister wirft einen letzten prüfenden Blick auf den Kerzenstapel. Für den heutigen Tag dürfte er reichen. „Lieber Gott, mach, dass sich unsere Kinder richtig entscheiden. Egal wie, wir halten zu ihnen.“

Eigentlich sollten der Bruderschaft nur 33 Mitglieder angehören – exakt so viele, wie Sankt Antonius in seinem Kloster um sich gesammelt hatte. Weil die Männer aber immer älter wurden und der Baldachin, den sie zur Prozes­sion im Mai zum Berg tragen, gewiss nicht leichter wird, entschied sich die Gemeinschaft, neue Mitglieder aufzunehmen. „Heute sind wir 40“, erzählt Schütte.

Ausschließlich Männer – doch im Prinzip ist das so nicht richtig. Die Frauen der Antoniusbrüder dekorieren die Kapelle, unterstützen die Kirchenmeister bei der Pflege des Gebäudes.

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Der barocke Altar ist das Herzstück der Kapelle. Als besonders wertvoll gilt die Antoniusfigur aus dem Jahr 1420. Foto: Wilfried Gerharz

Nur Mitglieder dürfen sie nicht werden. Und das nur, weil sich die Bruderschaft im frühen 19. Jahrhundert einige Entgleisungen leistete. Alte Schriften lassen ausgelassene Feste vermuten, mit frisch gebrautem Bier, für dessen Herstellung die sogenannten Scheffen verantwortlich waren, und in Anwesenheit von Frauen, die sich wie die Männer als Mitglieder bezeichneten. Und als dann auch noch Schützenfeste gefeiert wurden, erließ der Bischof 1848 eine Neuordnung, die die Bruderschaft zu ihrem eigentlichen Zweck zurückführen sollte. Gelebte Nächstenliebe, Achtsamkeit für die Mitmenschen und nicht Feste feiernd, für die eigens ein Wirt gewählt wurde. „Lieber Gott, hilf meiner Ela, dass sie wieder gesund wird. Danke für alles.“

Heinz Schütte kann nicht sagen, wie oft er schon als Privatmann zur Kapelle gefahren ist. „Ich war hier, wenn unsere Kinder und Enkelkinder geboren wurden, wenn Prüfungen während der Ausbildung anstanden.“ Und manchmal einfach nur, weil ihm partout nicht einfiel, wo er seinen Haustürschlüssel abgelegt hatte.

„Und ich muss sagen, es hat immer geholfen.“

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