Verkehr
Kein Reinkommen: Pendler brauchen in Münster Zeit und Geduld

Münster -

Münster ist eine Stadt der Fahrradfahrer. Das ist viel gelobt und gut so. Münster ist aber auch Oberzentrum des Münsterlandes und damit regionale Hochburg der Pendler. Wer als solcher das Pech hat, auf ein Au­to angewiesen und zu Stoßzeiten unterwegs zu sein, ist arm dran. Münster fordert dann zweierlei: Zeit und Nerven wie Drahtseile.

Montag, 24.04.2017, 06:04 Uhr

Morgens auf dem Albersloher Weg in Münster. Die Ampel zeigt zwar grün, voran geht es aber trotzdem nicht.
Morgens auf dem Albersloher Weg in Münster. Die Ampel zeigt zwar grün, voran geht es aber trotzdem nicht. Foto: Elmar Ries

Täglich knapp 300 000 in die Stadt einfahrende oder sie verlassende Pkw hat die Verwaltung gezählt. Die Zahl stammt aus 2013. Es ist die aktuellste, über die Dietmar König , Fachstellenleiter Verkehrsplanung, verfügt. 300 000 sind ziemlich viel. In Stoßzeiten zu viel. Knapp 90 000 davon, sagt König, gehören zur Leidensgruppe der Berufspendler.

Stresstests zu Stoßzeiten

Die Zahlen sind nicht nur hoch, sie steigen auch kontinuierlich; bis 2007 um fast zwei Prozent jährlich, seitdem um rund ein Prozent pro Jahr, sagt König. Das Plus bedeutet auch: Das Problem wird größer.

Exemplarische Stresstests morgens vor acht: Die Fahrt geht vom Autobahnkreuz Münster-Süd über die B51 und den Albersloher Weg bis zur Stubengasse: Spitzenreiter war eine fast 50-minütige Stauschau auf dem Weg in die Innenstadt. Kein Unfall, der bremst, keine Baustelle, die behindert. Auf anderen Routen – sei es vom Autobahnkreuz Münster Nord über die Steinfurter Straße, oder die Warendorfer bzw. Wolbecker Straße geht es zwar schneller, aber nicht wirklich besser.

In Münster fehlt ein Masterplan Verkehr

Karl-Friedrich Schulte-Uebbing

Pendlerstaus sind in vielen Städten an der Tagesordnung. Warum also die Aufregung? „In Münster fehlt ein Masterplan Verkehr“, kritisiert Karl-Friedrich Schulte-Uebbing, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordwestfalen. Anstatt nach großen Lösungen zu suchen, werde permanent im Klein-Klein gestochert.

Auf Veränderung nicht reagiert

Prof. Gernot Sieg , Direktor des Instituts für Verkehrswissenschaft der Uni Münster, schränkt zunächst ein – und geht dann einen Schritt weiter. „Grundsätzlich lösen kann man das Problem nicht“, sagt er. „Ich wundere mich aber darüber, wie ausgelastet die Verkehrsinfrastruktur in der Stadt ist. Münster habe „auf die sich ändernden Situationen nicht ausreichend reagiert“, sagt Sieg.

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„Eine Stadt, die wachse, müsse dafür sorgen, „dass Wohngebiete ebenso entwickelt werden wie die Verkehrsinfrastruktur“. Glück für die Verantwortlichen: Pendler haben sich ihr Pendlerdasein in der Regel selbst ausgesucht. Darum haben sie den Faktor Zeit eingepreist und beschweren sich in der Regel nicht.

Pendler-Rekordzahl in Deutschland

Nach einer Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn ist die Zahl der Pendler in Deutschland auf einen Rekordwert gestiegen. 2016 pendelten bundesweit 60 Prozent aller Arbeitnehmer zum Job in ei­ne andere Gemeinde.

Es stimmt nicht, dass wir das Problem nicht auf dem Schirm haben

Dietmar König

Im Jahr 2000 waren es 53 Prozent. Gestiegen ist und weiter steigen wird aber nicht nur die Zahl der Pendler, auch der Weg zum Arbeitsplatz ist länger geworden: von durchschnittlich 14,6 Kilometer im Jahr 2000 auf 16,8 Kilometer im Jahr 2015.

„Es stimmt nicht, dass wir das Problem nicht auf dem Schirm haben“, sagt Dietmar König von der Stadt. „Uns fehlt aber die Ad-hoc-Lösung.“ Der Fachbereichsleiter setzt auf die Kombination aus Einzelprojekten.

Einzelprojekte als Lösung?

Angefangen bei Park-and-Ri­de- Plätzen im Umland über 13 neue Velorouten in die Umlandgemeinden bis hin zu der vom Oberbürgermeister propagierten Stadtbahn, die übrigens nicht nur als Bahn auf Schienen rollen müsse, sondern auch als Bus auf Rädern fahren könne.

Ob das das Stop-and-Go-Problem zur Stoßzeit lindert? Das Münsterland will künftig als NRW-Modellregion den Nahverkehr im ländlichen Raum neu erfinden und so zukunftsfähig machen. Vielleicht könnte die Agenda um den Pendler-Aspekt ergänzt werden.

Pendler-Erfahrungen

Gehören Sie auch zu den rund 90 000 Münster-Pendlern, die auf ihrem täglichen Weg in die Stadt oder aus ihr heraus im innerstädtischen Stop-and-Go viel Zeit investieren? Dann schreiben Sie uns an regio@zgm-muensterland.de. Wie lange dauert Ihre Fahrt zum Arbeitsplatz? Wo stehen Sie im Stau, wo geht es immer nur langsam voran? Ärgern Sie sich darüber oder reagieren sie eher gleichmütig? Und: Was könnte aus Ihrer Sicht besser laufen?

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