Mi., 07.09.2016

Interview mit Gereon Heuft Wissenschaftliche Arbeit belegt : Not lehrt nicht beten

Menschen in Not trifft Professor Gereon Heuft täglich. Er hat sie für eine Doktorarbeit befragt und herausgefunden, dass Not – anders als im Volksmund vermutet – Betroffene nicht dazu bringt, mehr zu beten.

Menschen in Not trifft Professor Gereon Heuft täglich. Er hat sie für eine Doktorarbeit befragt und herausgefunden, dass Not – anders als im Volksmund vermutet – Betroffene nicht dazu bringt, mehr zu beten. Foto: dpa

Münster - 

Als Direktor der Uniklinik für Psychosomatik und Psychotherapie hört Gereon Heuft von viel Not und Elend. Nun hat der Professor einen zweiten Doktortitel erworben – – in Theologie. In seiner Promotion geht der Arzt der Frage nach, ob Not tatsächlich beten lehrt. Nein, das tut sie nicht, hat er herausgefunden. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat ihn nach seinen Erkenntnissen befragt.

Von Stefan Werding

Sind Sie auf dieses Thema gekommen, weil Sie in Ihrer täglichen Arbeit so viel Not erleben?

Heuft : Nein, ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten, die zwar Krebs haben, denen es aber noch gar nicht so schlecht geht, vor mir sitzen und sagen: „Wenn es mir noch schlechter gehen sollte oder ich auf Hilfe angewiesen sein sollte, dann fahre ich in die Schweiz .““ (Anmerkung der Redaktion: Dort ist eine Hilfe zum Selbstmord ohne ärztliche Betreuung erlaubt.) Da habe ich mich gefragt, ob sich Menschen, die das Gefühl bekommen, auf Hilfe anderer angewiesen zu sein, in der heutigen Zeit immer mehr ablehnen. Es ist ein zentrales Moment des menschlichen Lebens, angewiesen zu sein. Vielleicht auch auf eine Transzendenz, weil Menschen nicht alle Fragen beantworten können. Dieses „Angewiesen sein auf“ wird immer weniger wahrgenommen, immer mehr verleugnet.

Verlieren wir die Fähigkeit, Hilfe anzunehmen?

Heuft: Eher die Fähigkeit, sich auch als einen Menschen zu erleben, der Hilfe braucht. Der heutige Mensch ist mehr ein Selbst-Optimierer: immer leistungsfähig, immer gut drauf, die Dinge selbst regelnd, möglichst in allem perfekt funktionieren.

Da passt eine Krankheit überhaupt nichts ins Konzept.

Heuft: Das ist dann die völlige Katastrophe. Da war für mich Ausgangspunkt, Patienten mit psychischen oder somatischen Beschwerden zu fragen und die Antworten mit der allgemeinen Bevölkerung zu vergleichen. Ich habe gesehen, dass Patienten nicht häufiger religiös aktiv sind oder spiritueller sind.

Heuft_Geron_pres

Prof. Gereon Heuft Foto: UKM

Und auch nicht werden?

Heuft: Ich habe niemanden am Anfang und am Ende der Krankheit befragt. Die meisten Patienten waren schon länger krank. Sie hätten also genug Zeit gehabt, religiöser zu werden. Der einzige Unterschied ist, dass kranke Menschen häufiger etwas sagen wie: Ich würde mir wünschen, dass religiöse Fragen eine größere Rolle spielen mögen. Es scheint so zu sein, dass ein bisschen häufiger eine Suche beginnt. Aber wenn jemand bis dahin nicht religiös war, dann weiß er oft gar nicht, was er überhaupt suchen soll.

Hätten sich Ihre Gesprächspartner also gewünscht, religiöser zu sein?

Heuft: Ein gewisser Prozentsatz von Patienten hat auf meine Frage „Würden Sie sich wünschen, dass religiöse Fragen eine etwas häufigere Rolle für Sie spielen mögen?““, häufiger mit „Ja“ geantwortet als die allgemeine Bevölkerung.

Suchen Betroffene etwas anderes als Religiosität?

Heuft: Das kann ich nicht beantworten. Mag sein. Die Gefahr ist, dass Menschen zu radikalen und gewalttätigen Lösungen neigen, wenn sie sich angewiesen fühlen. Ein amerikanischer Theologe hat auf die Frage, an was wir glauben, gesagt: „Wir glauben an die erlösende Macht der Gewalt.““ An der wird weniger gezweifelt als an der erlösenden Macht einer Transzendenz. Wer an die erlösende Macht der Gewalt glaubt, der fährt in die Schweiz, wenn er alt und hilflos wird. In Gesellschaften, in denen ein ordentlicher Mensch der ist, der keine Ressourcen mehr in Anspruch nimmt, obwohl der Hilfe braucht, sondern quasi „ausscheidet“, entsteht ein Klima, in dem gewalttätige Lösungen die Oberhand gewinnen. Dort sickert der Druck ein, dass es besser wäre, den Erbfall herzustellen ...

Resilienz

Als Resilienz bezeichnen Fachleute die Fähigkeit von Menschen, aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Ihnen kann es gelingen, ihr Wohlbefinden nach einem Schicksalsschlag, der nachfolgenden Krise und Erholung sogar noch zu steigern. Sogenannte Resilienz-Faktoren, die dabei helfen, sind unter anderem Humor, Optimismus, ein soziales Netz, Religiosität, die Fähigkeit, Probleme anzupacken oder flexibel auf Veränderungen zu reagieren.

Wie Menschen aus Schicksalsschlägen lernen können: Vor einiger Zeit berichteten wir über eine Frau, die bei einem Unfall vor acht Jahren ihren vierjährigen Sohn verloren hatte. Das Kind, das sie damals in ihrem Bauch trug, wurde so schwer verletzt, dass es heute behindert ist. Und trotzdem strahlt die Mutter mehr Zuversicht und Glück aus als die meisten anderen Menschen.

Den Erbfall herzustellen? Wie reagieren Sie auf die, die sagen: „Dann gehe ich in die Schweiz“?

Heuft: Das ist außerhalb der Studie. Dann gucke ich die an und sage: „Sie sagen das so entschieden. Möchten Sie, dass ich dazu irgendetwas sage?“ Das hört sich ja sehr abschließend an.“ Meistens verschränken sie dabei die Arme vor der Brust. Da stellt sich für uns als Ärzte die Frage: „Haben wir überhaupt eine Erlaubnis, da weiter zu fragen?“ Wenn er sagt: „Darüber möchte ich nicht weiter mit ihnen reden,“ muss ich das zur Kenntnis nehmen.

Sie sind auch Diakon. Würden Sie sich wünschen, dass Ihre Gesprächspartner in der Not beten würden?

Heuft: Das kann ich nicht mit „Ja“ beantworten, weil ich nicht weiß, was für andere Menschen gut ist. Ich selber kann nur von meiner Warte aus vermuten, dass es für Menschen, die in Not sind, eine zusätzliche Ressource sein könnte, mit dieser Not umzugehen. Ich sage nicht, das wäre für jeden auf jeden Fall besser.

Dann wäre doch die Herausforderung aus Ihrer Untersuchung, zu lernen, dass wir nicht perfekt sind.

Heuft: Ja, mit Begrenztheit und Angewiesenheit zu leben. Das Bewusstsein zu bewahren, dass ich als Mensch immer angewiesen bin. Das geht den Selbst-Optimierern rapide verloren.

Zum Thema

Die Doktorarbeit mit dem Titel „Not lehrt (nicht) beten“ wird demnächst im Verlag Aschendorff in der Reihe „Studien zur Praktischen Theologie“ erscheinen.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

flohmarkt.ms Anzeigen

Schnäppchen und Angebote aus Ihrer Umgebung

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4285951?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F