Mi., 19.10.2016

Prozess um Zugunglück in Laggenbeck Traktorfahrer: „Es tut mir wahnsinnig leid“

Prozess um Zugunglück in Laggenbeck : Traktorfahrer: „Es tut mir wahnsinnig leid“

Der Angeklagte muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten: Beim Rangieren auf einem Bahnübergang war ein Zug in seinen Anhänger gekracht. Foto: Henning Meyer-Veer

Münster/Laggenbeck - 

Er hatte nicht überprüft, ob sein Anhänger korrekt durch einen Bolzen gesichert war und so ein schweres Bahnunglück ausgelöst: Seit Mittwoch steht ein 25-jähriger Ibbenbürener unter anderem wegen des Vorwurfs der zweifachen fahrlässigen Tötung und 15-fachen fahrlässigen Körperverletzung vor Gericht. Er soll im Mai vergangenen Jahres den schweren Zugunfall in Laggenbeck verursacht haben, weil sich an dem Traktor, den er fuhr, ein angehängtes Güllefass löste und auf einem Bahnübergang stehen blieb. Minuten später rauschte ein Personenzug der Westfalenbahn mit mehr als 120 km/h Geschwindigkeit in das Fass. Zwei Menschen starben durch den Unfall, etliche wurden verletzt.

Von Florentine Dame (dpa) , Henning Meyer-Veer

Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit fahre er über den Bahnübergang. Jeden Tag habe er die Katastrophe wieder vor Augen. Das sagt der 25 Jahre alte Traktorfahrer aus Ibbenbüren. Er sitzt an diesem Mittwoch als Angeklagter vor Gericht, weil ihm der Staatsanwalt vorwirft, durch seine Fahrlässigkeit verantwortlich für den tödlichen Zusammenstoß von einer Regionalbahn und einem leeren Güllewagen vor eineinhalb Jahren zu sein. Der Anhänger mit dem Güllefass war nicht richtig gesichert. Der Fahrer hatte sich nicht vergewissert, ob der Sicherungsbolzen an der Kupplung vorgeschoben war.

Fotostrecke: Zugunglück in Ibbenbüren

Zum Auftakt berichtet der Mann, wie er sich an das Unglück erinnert, bei dem der Lokführer und eine 18-Jährige starben sowie 15 weitere Menschen verletzt wurden. Er schildert, wie es einen Knall gab, als er mit seinem Traktorgespann über einen Bahnübergang fuhr; wie er sich umdrehte und sah, dass der leere Güllewagen aus der Kupplung gesprungen war und jetzt weit auf die Gleise ragte; wie er alles versuchte den Anhänger aus dem Weg zu räumen, obwohl die Räder blockierten; wie sich Minuten später schon die Schranken senkten.

Zuvor hatte er einen Notruf abgesetzt („Die Züge müssen gestoppt werden“), Bekannte eines nahegelegenen Hofes alarmiert, sie mögen mit Ketten kommen und den Anhänger wegschleppen. Dann rannte er der Bahn entgegen, um den Lokführer zu warnen. Vergebens. Die Notbremsung kam zu spät: Mit einer Geschwindigkeit von 127 Stundenkilometern krachte der Zug in das Hindernis. Die Fahrerkabine wurde zerdrückt, seitlich riss der Zug auf. Fahrgäste wurden durch den Waggon geschleudert, Gülle spritzte, Glas splitterte.

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Der junge Ibbenbürener, der auf dem Hof einer befreundeten Familie („Die sind wie zweite Eltern für mich“) ausgeholfen hatte, räumte mit stockender Stimme ein, die entscheidende Sicherung des Anhängers durch einen Bolzen an besagtem Samstagmorgen nicht mehr überprüft zu haben, bevor er mit den Gülletransporten zu einer nahen Biogasanlage begonnen habe. Der ausgebildete Nutzfahrzeugmechatroniker bestand aber darauf, den Anhänger nicht selbst angekoppelt zu haben, sondern das Gespann angekoppelt übernommen zu haben. „Ich war davon ausgegangen, dass das Gespann ordnungsgemäß gesichert war.“ Alle anderen Verbindungen habe er vor der Fahrt überprüft.

Schwerwiegende Folgen

Die häufigsten Ursachen für Unfälle am Bahnübergang seien Leichtsinn, Unaufmerksamkeit und Unkenntnis, heißt es bei der Deutschen Bahn. Fast immer verhielten sich die Straßenverkehrsteilnehmer falsch, wie auch in diesem Unfall mit einem Zug des Anbieters Westfalenbahn. Die Zahl der Unfälle an Bahnübergängen geht zwar in den vergangenen Jahren zurück - dennoch passieren immer wieder tragische Unglücke. 154 waren es im Jahr 2015. Da unglaubliche Kräfte wirken, sind die Folgen oft verheerend, wie auch beim Unglück von Ibbenbüren.

Tödliche Unfälle an Bahnübergängen

Dutzende Menschen sterben jährlich an deutschen Bahnübergängen. Im Vergleich zum Straßenverkehr ist die Zahl der schweren Unfälle dennoch relativ gering. Häufigste Unfallursache ist mangelnde Vorsicht. Einige Fälle:

September 2016: Eine junge Mutter und zwei Kinder sterben in ihrem Auto an einem unbeschrankten Bahnübergang in Oerel (Niedersachsen). Die Frau hatte den nahenden Zug wegen schlechter Sicht übersehen.

August 2016: Eine Regionalbahn erfasst in Unterwellenborn (Thüringen) mehrere Jugendliche. Der Fahrer hatte die Schranken missachtet. Die traurige Bilanz: zwei Tote, zwei Schwerverletzte.

Juli 2016: Weil er eine geschlossene Halbschranke umfährt, wird ein Mann in Wiendorf (Mecklenburg-Vorpommern) von einem Regionalzug erfasst und stirbt.

Mai 2016: Bei Fischen im Allgäu stirbt ein 56 Jahre alter Radfahrer an einem unbeschrankten Bahnübergang. Der Urlauber hatte den Zug übersehen.

September 2015: Fünf junge Männer sterben, als ein Regionalzug auf einem Bahnübergang bei Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) in ihr Auto rast. Nach Angaben der Ermittler waren die Halbschranken geschlossen.

Februar 2015: Mit einem technischen Defekt bleibt in Niedersachsen ein Traktor mit Gülle-Anhänger auf einem beschrankten Bahnübergang stehen. Ein Autozug rammt das Gespann, der Fahrer kommt ums Leben.

Zum Prozessauftakt schildern mehrere Unfallopfer, warum sie bis heute nicht mehr Zug fahren können, sie sprechen von Alpträumen und von ihren Verletzungen. Im Gericht sitzen auch die Eltern der getöteten jungen Frau. Sie sei gerade 18 geworden, „hatte noch so viele Pläne“, sagt ihre Anwältin am Rande der Verhandlung. Für die Eltern sei es wichtig, mit dem Angeklagten ins Gespräch zu kommen. Bis jetzt habe es keine persönliche Entschuldigung gegeben.

Angeklagter ist verzweifelt

Vor dem Amtsgericht fällt es dem Angeklagten sichtlich schwer, sich an die Hinterbliebenen zu wenden. Er kämpft mit seiner Stimme und den Tränen als er sagt: „Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, dass das Ganze passiert ist.“ Glaubwürdig ist die Verzweiflung schon: Er bedauerte die Geschehnisse ausdrücklich. Es tue ihm wahnsinnig leid, was passiert sei. „Wenn ich könnte, würde ich es gerne rückgängig machen“, so der 25-Jährige, der nach eigenen Angaben seit seinem 16. Lebensjahr solche Gespanne fährt. Doch zurückdrehen kann er die Zeit nicht.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Dann sollen wahrscheinlich auch schon die Plädoyers von Anklage und Verteidigung sowie der Urteilsspruch folgen. Der Prozess war wegen des großen öffentlichen Interesses vom zuständigen Amtsgericht in Ibbenbüren in die Räumlichkeiten des Landgerichts Münster verlegt worden.

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