So., 18.06.2017

Bärbel Bösenberg weckt Erinnerungen bei Demenzkranken Märchen gegen das Vergessen

Lebhafter Vortrag in der Tagespflege: Bärbel Bösenberg zieht einmal im Monat Senioren in ihren Bann.

Lebhafter Vortrag in der Tagespflege: Bärbel Bösenberg zieht einmal im Monat Senioren in ihren Bann. Foto: Gunnar A. Pier

Greven - 

Manchmal bewegt ein alter Mensch, der lange nicht gesprochen hat, plötzlich die Lippen und spricht langsam mit. Dann freut Bärbel Bösenberg sich leise, denn sie weiß: Es hat geklappt. Sie hat wieder einen Menschen erreicht.

Von Gunnar A. Pier

Einmal im Monat kommt die ausgebildete Märchenerzählerin in eine Tagespflegeeinrichtung in Greven und erzählt von Rotkäppchen, Schneewittchen und bösen Wölfen. Und das ist mehr als purer Zeitvertreib: Die altbekannten Märchen wecken Erinnerungen bei demenzkranken Menschen.

Eigentlich ist Bärbel Bösenberg sich mit ihrem Engagement nur treu geblieben. Mehr als 20 Jahre hat sie als Altenpflegerin gearbeitet, und Märchen haben sie schon immer umgetrieben. Doch der fordernde Beruf ließ ihr keine Luft, um sich konzentriert damit zu beschäftigen. Als sie vor drei Jahren in den Ruhestand ging, atmete sie kurz durch und nahm direkt neuen Schwung. Seitdem ist sie die Märchentante in der Tagespflege.

Nicht einfach so freilich. Bei der Europäischen Märchengesellschaft in Rheine hat sich die Grevenerin schulen lassen. Ein halbes Jahr lang hat sie immer wieder an Wochenenden in Seminaren gebüffelt – bis zur Prüfung am Ende.

Was sie gelernt hat, setzt die 67-Jährige um, wenn sie sich auf ihre Märchenstunden vorbereitet. „Ich lese das Märchen zunächst immer wieder durch.“ Danach malt Bärbel Bösenberg ein Bild, um für sich klar zu kriegen: Welche Figuren sind wichtig? Welche Szenen markant? „Wenn ich den Text auswendig kenne, stelle ich mich vor den Spiegel und probiere Mimik und Gestik aus.“ Kein Zweifel: „Das ist alles eine ziemlich aufwendige Arbeit.“

Fotostrecke: Bärbel Bösenberg erzählt Märchen in der Tagespflege

Einmal im Monat packt sie dann in der Tagespflege des Grevener Gertrudenstifts ih­re Siebensachen aus. Als „Rotkäppchen“ auf ihrem Plan steht, hat sie als Requisiten Moos, ein Körbchen mit Kuchen und einen Plüsch-Wolf mitgebracht. „Märchen sind Erinnerungsarbeit“, sagt sie. „So lassen sich Reserven wecken.“ Die Gegenstände helfen, diese Erinnerungen zu wecken. Auch dass sie sich an den Originaltext hält, trägt dazu bei, dass ihr Publikum Vertrautes erlebt, wenn Bärbel Bösenberg loslegt.

„Ich möchte eine Situation schaffen, in der sich die Menschen wohlfühlen.“ Dazu gehört, dass sie ihre Zuhörer mit standardisierten, zum Ritual gewordenen Sätzen begrüßt – und offensiv Blickkontakt hält. „Ich möchte jeden mit meinem Blick erreichen.“ Und dann passiert es, dass selbst sonst längst sehr verschlossene Senioren sich plötzlich öffnen, leise mitsprechen und vielleicht gar von ihren Erlebnissen erzählen.

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Märchen sind Erinnerungsarbeit.

Bärbel Bösenberg

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Denn dazu gibt Bärbel Bösenberg im Anschluss an ihren Vortrag ausgiebig Gelegenheit. „Im Idealfall wird das ein Dialog“, erklärt sie und gesteht, dass das nicht immer klappt: „Manchmal gehe ich auch baden und niemand reagiert.“ Das trägt sie mit Fassung – die lange Erfahrung in der Altenpflege zahlt sich da aus.

Bei der Wahl der Geschichten bleibt sie übrigens nicht stur bei den Gebrüdern Grimm: „Manchmal bereite ich auch russische oder japanische Märchen vor.“ Auch die werden angenommen. Als Bärbel Bösenberg neulich fragte, was sie als nächstes erzählen soll, sagte eine Zuhörerin: „Etwas aus fernen Landen – das war so schön!"

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