So., 13.08.2017

Fahrstall Goldbusch in Ibbenbüren Auf der Kutsche unterwegs mit einer Pferdestärke

Die Leinen im Griff: Harald Gilke weiß aus langjähriger Erfahrung, wie er sein Pferd in die gewünschte Richtung lenkt.

Die Leinen im Griff: Harald Gilke weiß aus langjähriger Erfahrung, wie er sein Pferd in die gewünschte Richtung lenkt. Foto: Wilfried Gerharz

Harald Gilke schnalzt, Allegro wechselt von Schritt in den Trab. Den Wagen zieht der Haflinger ohne Ruck hinter sich her. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Dabei ist der 64-Jährige nur selten auf dem Pferderücken unterwegs.

Von Mareike Katerkamp

Harald Gilke schnalzt, Allegro wechselt von Schritt in den Trab. Der Marathonwagen ruckelt, etwa zwölf Stundenkilometer ist das Gespann nun schnell. Vor Allegro liegt eine Rechtskurve, mit den gespannten Leinen in den Händen steuert Gilke den Haflinger in die gewünschte Richtung. Die linke Leine gibt er einige Zentimeter vor, die rechte nimmt er an. Allegro schaut nach rechts und trabt in die gleiche Richtung. Den Wagen zieht der Haflinger ohne Ruck hinter sich her. Die nächste Gerade liegt vor Fahrer und Pferd.

Seit mehr als 20 Jahren kennen sich Harald Gilke und Allegro, sie sind ein eingespieltes Team. Dabei ist der 64-jährige Mann nur selten auf dem Pferderücken unterwegs, er hält am liebsten Leinen in den Händen. Seine Leidenschaft ist der Fahrsport.

Der Fahrsport packte ihn

Harald Gilke ist nur schwer zu stoppen, wenn er einmal von seinem Hobby erzählt. Pferde ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben des vierfachen Vaters. Als seine älteste Tochter zwölf Jahre alt war, wollte sie reiten. Also machte der Vater mit. Doch für den Sattel fühlte er sich schon zu alt. Stattdessen packte den Mann der Fahrsport. Familie Gilke bekam Pferd Nummer eins, Nummer zwei, Nummer drei – mittlerweile stehen zehn Pferde in dem ehemaligen Rinderstall am Goldbusch in Ibbenbüren. Jedes hat seine eigene Box, in einem kleinen Raum hängen zudem Leinen, Geschirre und Peitschen.

Fotostrecke: Kutschefahren in Ibbenbüren

Einige Meter weiter öffnet Gilke eine Garage, sechs Wagen für den Fahrsport hat er dort deponiert. Unter einer Abdeckung schlummert noch ein weiteres Schätzchen: ein Schlitten aus Dänemark. Mit ihm gefahren ist Gilke aber bislang noch nicht. Es lag nie genug Schnee.

Harald Gilke und seine Frau Angelika wohnen in der Innenstadt, für sie ist der Stall wie ein zweites Zuhause. Morgens, mittags, abends – seit 21 Jahren ist Gilke fast jeden Tag vor Ort. Seine Frau hat in der Zeit ein kleines Gartenparadies rundherum geschaffen, ein Fußweg führt entlang von Blumen und Sträuchern zu einer Hütte hinter dem Stall. Auf dem Regal über der Sitzbank reiht sich Pokal an Pokal. „Auf Kreisebene im Fahrsport war ich relativ erfolgreich“, sagt Gilke nicht ohne Stolz.

Als Ausbilder und Trainer aktiv

Mittlerweile ist er auf andere Weise im Fahrsport aktiv: als Ausbilder und Trainer. 2006 machte Gilke eine Ausbildung zum Fahrlehrer, seitdem hat er immer wieder Fahrschüler am Stall zu Gast. Aus der nahen Umgebung ebenso wie aus dem Ruhrgebiet. Drei seiner Haflinger sind derzeit für ihn als Schulpferde im Einsatz. Allegro ist einer von ihnen. Der 24 Jahre alte Wallach ist erfahren, auch bei Anfängern bleibt das Tier gelassen. „Junger Fahrer, altes Pferd. Alter Fahrer, junges Pferd“, lautet Gilkes Formel. Entweder bringt das Pferd dem Fahrer etwas bei – oder umgekehrt.

Seine Schüler sind in den meisten Fällen Schülerinnen. Mal sind es Mutter und Tochter, die gemeinsam fahren wollen, mal Senioren, die geritten haben und im Alter vom Pferderücken auf den Kutschbock umsteigen wollen. Auch einer Neunjährigen hat Gilke schon das Fahren beigebracht.

Trockenübungen auf de Plastikstuhl

Direkt auf die Kutsche steigen seine Schüler aber nicht. Zunächst gibt es Theorie und Trockenübungen – auf dem Plastikstuhl vor dem Fahrlehrgerät. Dort sind mehrere Fahrleinen an der Wand montiert. Mit denen demonstriert Gilke genau, welche Finger wie die Leinen festhalten. Diese geben dem Fahrer die Verbindung zum Gebiss im Pferdemaul. Gelenkt wird, indem der Fahrer die Leinen annimmt oder nachgibt. Es gibt mehrere Griffe zum Verkürzen wie Verlängern der Leine. Die Griffe müssen sitzen, wenn der Fahrer den Wagen steuern will. Und zwar ohne Hingucken.

Von der Theorie geht es dann zur Praxis. Allegro darf aus seiner Box. Bevor Gilke ihn vor den Wagen spannt, greifen seine Frau und er zum Putzzeug. Sie kratzen die Hufe aus und striegeln das Fell des Tieres. Warum? „Damit das Pferd sauber ist, damit man sieht, ob es Verletzungen hat, und als Massage“, sagt Gilke. Und schiebt noch einen Punkt hinterher. „Um Vertrauen aufzubauen. Fahrer und Pferd müssen eine Einheit bilden.“

„Das Pferd läuft für den Fahrer“

Gilke holt das Einspänner-Brustblattgeschirr, es ist speziell auf Allegro eingestellt. Einige Minuten später sitzt alles und Gilke spannt das Pferd vor den Wagen. Der Haflinger lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ob sich das Tier freut? „Ich glaube, wenn die Pferde richtig ausgebildet sind, auf jeden Fall“, sagt der 64-Jährige. „Dann laufen sie für den Fahrer.“

Auf Kommando legt Allegro los. Schritt, Trab, Abbiegen, Anhalten, Wenden – für Fahrer und Pferd kein Problem, Gilke weiß genau, wie er den Wallach genau dahin steuert, wo er hin soll.

Fahrer und Pferd bilden eine Einheit

Was das Tolle am Fahrsport ist? „Das Einssein mit dem Pferd, das Fahren in der Natur und das Wissen darüber, wie das eigene Pferd tickt“, meint Gilke. Er erzählt vom Adrenalin, das einem in den Körper schießt, wenn man auf Turnieren ist. „Da muss man fit sein.“ Auch im Kopf.

Nach der Ausfahrt steht am Abend wieder alles an seinem Platz. Allegro ist abgeschirrt, zufrieden ruht er in der Box. Mit dem Kopf schaut der Haflinger noch einmal über die Holzlatten und stupst Gilke gegen den Rücken. Der Mann grinst und streicht dem Haflinger übers Fell. Nun haben beide Feierabend.

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