Sa., 12.08.2017

Fragwürdige Begriffe und Formulierungen "Viewpoint of the Week": Nicht jeden Blödsinn mitmachen

Ganz schön lästig, diese Denglisch-Vokabeln aus Marketing-Agenturen und Management-Etagen . . .

Ganz schön lästig, diese Denglisch-Vokabeln aus Marketing-Agenturen und Management-Etagen . . . Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Gronau - 

Beim Gronauer Stadtfestival gibt es erstmalig eine Just-for-Kids-Area, beim Street-Food-Market ist Pulled Pork ein Highlight und die KFD St. Agatha hat zu Fronleichnam ein besonderes Event organisiert: „Open Church“! Dies sind drei von unzähligen Beispielen aus meinem Arbeitsalltag, wie wir Deutschen uns selbst das Leben mit unserer Sprache schwer machen. 

Von Frank Zimmermann

Insbesondere Marketing-Strategen, Reklame-Fachwarte und sonstige Interessenvertreter (Lobbyisten) streuen allerlei Aufbauschvokabular – meist aus dem Englischen – in ihre Texte ein. Und wer – wie wir bei der Zeitungsredaktion – die Sprache als ein wichtige „Handwerkszeug“ täglich nutzt, muss sich damit rumschlagen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin kein Sprachpurist, kein Deutschtümler, der jedes Fremdwort tilgen will. Im Gegenteil: Ich habe Sprachwissenschaften studiert und weiß, dass die Sprache lebendig ist und sich ständig verändert. Ich weiß von vielen Bereicherungen aus anderen Sprachen. Und ich habe gelernt, dass die Fehler von heute die Regeln von morgen sind und die Grammatik die Regeln nicht vorgibt, sondern die in der Sprache enthaltene Regelhaftigkeit nur beschreibt.

Weil Sprachpuristen sich gegen diese Regelhaftigkeit stemmten – oft nationalistisch motiviert – wirkt so mancher Versuch des Eindeutschens ziemlich lächerlich: Aus der „Mumie“ – ein Wort mit persischen Wurzeln – wollten die Altvorderen eine „Dörrleiche“ machen, aus dem „Fenster“ (lat. fenestra) einen „Tageslichtleuchter“...

Sprachliche Verschwurbelungen

Trotzdem finde ich es schade, dass wir uns die ganzen sprachlichen Verschwurbelungen, die marktschreierischen Steigerungen und manchmal auch wahrheitsvernebelnden Schönredereien nicht nur aufdrängen lassen, sondern den Quatsch auch noch begeistert nachplappern. Von vielen Gründen für meine Haltung möchte ich zwei ein bisschen näher ausführen: Erstens finde ich es schade, wenn die schöpferische Kraft unserer Muttersprache zunehmend verloren geht. Zweitens machen wir uns selbst das Leben schwer und sorgen für allerlei Missverständnisse.

Wenn mir bei der Arbeit einer dieser unnützen Reklame-Begriffe begegnet, versuche ich stets, ihn durch ein deutsches Wort auszutauschen oder einfach zu streichen. Denn einerseits klingt Glanzlicht doch mindestens genauso schön wie Highlight, und andererseits ist nicht jedes Pfarrfest gleich ein Event.

Immer wieder komme ich mit meinem Bemühen aber an Grenzen, denn längst haben sich englische Wortschöpfungen alternativlos etabliert. Dafür ist Street-Food ein gutes Beispiel. Dabei kommt der Trend nicht mal aus dem englischsprachigen Raum. Mobile Garküchen, Imbiss-Buden oder Häppchen, die aus einem Bauchladen heraus verkauft werden, haben eine lange Tradition.

Umgekehrt gibt es Trends, die zwar aus den USA zu uns rüberschwappen, an deren Bezeichnung wir uns aber die Zunge abbrechen und die richtige Schreibweise häufig nachschlagen müssen: Stand-up-Comedian ist so ein Wort. Was spricht denn gegen Stegreif-Komiker. Oder auch das gerade so beliebte E-Bike. Was hindert uns daran, das Fahrrad mit Elektromotor kurz E-Rad zu nennen? In der Schweiz heißt es Strom-Velo – eine schöne Schöpfung aus zwei der Landessprachen.

Formulierungen werden nicht hinterfragt

Warum sagen wir Computer – ein Wort, an dem sich mein Opa zeitlebens einen abgebrochen hat – wenn Rechner doch eine sehr präzise Bezeichnung ist und uns noch dazu viel leichter über die Zunge geht? Wo wir gerade im Jubiläumsjahr der Reformation sind: Martin Luther ist in dieser Hinsicht ein tolles Vorbild!

Manche Formulierungen sind auch nur zu ertragen, weil wir sie nicht hinterfragen. Oder würden Sie sagen: Ich mache heute Heim-Büro? Furchtbar! Aber Home-Office machen viele, dabei könnten sie auch einfach zu Hause arbeiten . . . Noch so ein Blödsinn ist der Aufruf: „Save the Date!“ Soll heißen: „Merken Sie sich den Termin vor.“

Drohende Gefahr

Aber wer im Englischen nicht sicher ist – und das ist die Mehrheit der Deutschen – könnte sich auch Fragen, warum er das Datum retten soll. Oder, weil ein Date ja auch eine amouröse Verabredung ist, könnte er sich fragen, warum das Techtelmechtel in Gefahr ist . . . Ich glaube auch, das Outlet-Center und Sale nur Vokabeln sind, die uns satte Rabatte nur vorgaukeln, während die Waren, vom Handel scharf kalkuliert, im Wortsinn bestenfalls preiswert sind.

Und hätte sich das Trendspielzeug Fidget Spinner so gut verkauf, wenn wir wüssten, dass das übersetzt Zappelphilipp-Schleuder heißt. Dabei klingt Handkreisel doch auch ganz nett. In den 70ern gab es dagegen noch einen kreativen Kopf, der Rubik’s Cube dankenswerter Weise „Zauberwürfel“ getauft hat.

Fazit: Wenn wir unsere Sprache nicht ein bisschen pflegen und auch kreativ damit umgehen, neue Begriffe für neue Dinge erfinden, wird das Deutsche zunehmend abgehängt und für uns wird es schwerer, die Welt zu verstehen. Ist es vielleicht genau das, was Werbeleute, Lobbyisten und am Ende auch Politiker wollen, weil wir ihnen dann schneller auf den Leim gehen?

Auch dem gebürtigen Ahauser und CDU-Bundespolitiker Jens Spahn geht es mit dem Englischen in Deutschland zurzeit etwas zu weit...:

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