Do., 14.09.2017

„Ich bin einfach losgefahren“ Südkoreaner nach 24.000 Kilometern in Steinfurt

„Ich bin einfach losgefahren“: Südkoreaner nach 24.000 Kilometern in Steinfurt

24.000 Kilometer hat Hyuntae Ju mit seinem kleinen Motorrad durch Asien und Europa schon zurückgelegt. Wohin ihn die nächsten Etappen noch bringen werden, weiß der Globetrotter heute noch nicht. Foto: Hyuntae Ju

Burgsteinfurt - 

Hyuntae Jus Traum – jeder hat ihn schon geträumt. Die Brocken hinschmeißen, alles hinter sich lassen und raus ins große Abenteuer. Was den Südkoreaner von den vielen anderen Träumern unterscheidet: Er ist seiner Sehnsucht gefolgt.

Von Axel Roll

Auf den kleinen Ballonreifen seiner Achtelliter-Honda. Die haben ihn in vier Monaten 24.000 Kilometer weit bis zur Luisenstraße gebracht. Hier, bei Schornsteinfegermeister Claus Muchow, weiß der 24-Jährige nur so viel: Endstation ist in Burgsteinfurt noch lange nicht. Wohin es geht? „Keine Ahnung, das entscheide ich, wenn ich losfahre.“

Der Weltreisende

Der Zwischenstopp bei Steinfurts bekanntestem Schornsteinfeger hat natürlich eine Vorgeschichte. Muchow selbst ist begeisterter Motorradfahrer und kann das Fernweh seines jungen Freundes darum nur zu gut verstehen. Er tourt im Sattel seiner Reise-BMW am liebsten durch Osteuropa – und kreuzte dort an der Kurischen Nehrung gleich zweimal den Weg des südkoreanischen Globetrotters. Wie das unter Motorradfahrern so ist – man kam schnell ins Gespräch und Claus Muchow bot dem Weltreisenden an: „Wenn Du mal durch Deutschland kommst, komm‘ vorbei.“ Und am Mittwochmorgen klingelte das Telefon. Hyuntae Ju war gerade in Stuttgart: „Heute Abend bin ich bei Dir.“

„Autos so schnell wie Kanonenkugeln“

War er dann tatsächlich, obwohl er bei der Fahrt über die Autobahn mehr Angst hatte als bei den einsamen Etappen durch die mongolische Steppe. „Autos so schnell wie Kanonenkugeln“ ließen den Motorradreisenden aus Fernost immer wieder hinter dem kleinen Windschild – ein Geschenk russischer Biker – zusammenzucken. Der Abend war dann der Burgsteinfurter Altstadt vorbehalten. Die Eindrücke kann Hyuntae Ju schwer in Worte fassen. „Bei uns gibt es nur Hochhäuser“, erzählt der Koreaner.

Für ihn unglaublich: „Dass das Schloss wirklich von einem Fürsten bewohnt wird.“ Vier Monate ist es jetzt her, dass der Motorrad-Fan in den Sattel stieg und sein altes Leben als Datenauswerter in einer Mobilfunkfirma hinter sich ließ. Natürlich unter heftigen Protesten seiner Mutter. „Das kann es nicht gewesen sein“, war sich der junge Koreaner sicher. Wie er sich vorbereitet hat auf die Tour? „Gar nicht. Ich bin einfach losgefahren.“ Schnell war er in Wladiwostok.

„Ich habe so viel erlebt, ich kann das noch gar nicht sortieren“

Und von dort ging es nur noch in eine Richtung: westwärts. „Ich habe so viel erlebt, ich kann das noch gar nicht sortieren“, gibt sich Hyuntae Ju zurückhaltend. Er ist sich aber sicher: „Ohne die Hilfsbereitschaft der vielen Motorradfahrer unterwegs wäre ich heute nicht hier.“ Gerade in Russland und in der Mongolei erlebte Ju eine für Deutschland unglaubliche Gastfreundschaft. Beispiel: Als er in tiefster russischer Abgeschiedenheit mit seiner 125er Honda liegen blieb und zwei Wochen auf Ersatzteile warten musste, kam er in einem kleinen Restaurant unter, konnte dort arbeiten und schlafen, bis das Motorrad wieder fit war. Überhaupt: Benötigte der 24-Jährige einen Platz für die Nacht, klopfte er oft an fremde Türen – und wurde nie abgewiesen.

Pure Freiheit

War die grobe Richtung Westen, so tuckerte das Ballonreifen-Moped in einem Fall 500 Kilometer wieder zurück in Richtung Heimat. In der Nähe von Moskau hatte sich der Weltenbummler in eine russische Schönheit verliebt, war dann trotzdem weitergefahren, um nach einem Tag umzukehren, um seine Liebste noch einmal in die Arme zu nehmen. Das ist das, was Hyuntae Ju am Reisen auf zwei Rädern so mag: „Du bist nicht festgelegt, musst keine Termine einhalten und kannst so die ganz große Freiheit genießen.“

Die könnte ihn vielleicht noch ein Zeitchen in Steinfurt halten. Claus Muchows Gast würde gern ein Praktikum in einem handwerklichen Beruf machen: „Schreibtischarbeit ist nichts für mich. Wenn ich mein Motorrad repariert habe, sehe ich, was ich getan habe.“

Der ebenfalls welterfahrene Schornsteinfegermeister hat sich die Geschichte seines Gastes natürlich nur zu gerne angehört. Und sieht sich in seiner Sicht auf die Dinge bestätigt: „So schlecht wie viele behaupten, ist unsere Welt doch nicht.“

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