Di., 26.09.2017

Lebenstraum Lydia Kloska hat mit 90 Jahren zum ersten Mal das Meer gesehen

Lydia Kloska hat mit 90 Jahren zum ersten Mal das Meer gesehen. „Das zu erleben, habe ich doch nicht mehr geglaubt“, sagt sie nachher.

Lydia Kloska hat mit 90 Jahren zum ersten Mal das Meer gesehen. „Das zu erleben, habe ich doch nicht mehr geglaubt“, sagt sie nachher. Foto: Stefan Werding

Münster - 

Das Taxi ist für 6.15 Uhr bestellt. Um drei Uhr morgens steht Lydia Kloska auf, um halb fünf ist sie abfahrbereit. „Damit ich mich länger freuen kann“, erklärt sie. 90 Jahre musste die Frau aus Münster-Amelsbüren alt werden, um zum ersten Mal das Meer zu sehen. 

Von Stefan Werding

Und als sie der Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ im August nach Norddeich brachte, „das Wasser so weich und der Sand so warm“, da war ihre Freude so überwältigend, „dass die Tränen rollten“.

Lydia Kloska war zu lange mit dem Überleben beschäftigt, um an Urlaub zu denken. 17 Jahre war sie alt, als russische Soldaten 1945 in ihre damalige Heimatstadt Kattowitz in Schlesien kamen. Wenn Lydia Kloska über die Flucht mit einem beinamputierten Vater („ein wackerer Mann“), einer Mutter und zwei Schwestern spricht, dann auch über das zerbombte Breslau und Berlin, die mit Blumen behängten Balkone in Ritze bei Salzwedel, wo Mädchen die Flüchtlinge bespuckten und sie anschrien, „wir brauchen Euch hier nicht“, das Betteln um Arbeit, die Ehe, die nach zwei Jahren Gewalt und Erniedrigung geschieden wurde und das Glück, Irma zu treffen, die mit ihr ein Geschäft in Bergheim eröffnete. In dem reinigten die beiden Frauen Wäsche, erneuerten Hemdenkragen und -manschetten, reparierten Laufmaschen und sorgten dafür, dass Löcher gestopft wurden. Die beiden wurden nicht reich, aber es reichte.

Fotostrecke: Ein Tag am Meer

Erst 1983, als die beiden nach 25 Jahren das Geschäft aufgaben und zu Irmas Familie nach Münster zogen, bekam Lydia Kloska zum ersten Mal ein eigenes Bett. Bis dahin hatte sie auf Strohsäcken geschlafen. „Wir haben immer in Armut gelebt, aber wir haben es geschafft“, sagt Lydia Kloska heute. „Unsere Eltern haben uns beigebracht, immer abzugeben. Ich weiß: Es kommt immer zurück.“

Und wenn es ein eintägiger Ausflug zum Meer ist.

Die Stadt Münster besucht allein lebenden Senioren über 65, die von Grundsicherung im Alter leben und nicht pflegebedürftig sind. In vier Jahren seien so 581 Münsteraner begleitet worden oder werden noch begleitet. Stellt sich heraus, dass sie zu vereinsamen drohen, versucht die Stadt, mit Stiftungen und dem Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ Angebote zu machen, etwa Englisch- oder Plattdeutschkurse, Gesprächskreise oder ähnliches. Ingrid Frank vom Sozialamt der Stadt betont, dass die Stadt dafür selbst kein Geld ausgibt.

15 Euro Taschengeld

So hat die „Lichtblick Seniorenhilfe“ vom Sozialamt von Lydia Kloska gehört und sie zu der Reise ans Meer eingeladen. Der Verein schießt Betroffenen monatlich 35 Euro zu, von denen sie sich einen Kaffee außer der Reihe, einen Friseurbesuch oder Taschengeld für die Enkel leisten können. Und wenn ein Kühlschrank den Geist aufgibt, springt er auch ein.

Erstmals hat der Verein eine Reise zum Meer organisiert. An einem Rastplatz tanzen die Senioren zur Akkordeon-Musik Walzer. „Da waren alle Sorgen für den Moment weg“, sagt Andrea Moraldo von der Seniorenhilfe.

„Das zu erleben, habe ich doch nicht mehr geglaubt“ sagt Lydia Kloska. Obwohl ihre Schultern nicht mehr in Ordnung sind, bekommt sie beim Jubeln die Arme so hoch, dass ihr Hausarzt schwer beeindruckt ist, als er die Fotos sieht. Dass sie sogar noch 15 Euro Taschengeld für die Fahrt geschenkt bekam, ging über ihre Vorstellungskraft hinaus. Deswegen wollte sie auf der Rückfahrt das Geld zurückgeben. „Ich habe es ja nicht gebraucht“, erklärt sie. „Es war ja für alles gesorgt.“ Aber das Geld durfte sie behalten.

Armutsrisiko

In NRW ist das Risiko, im Rentenalter zu verarmen, höher als im Bund. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor. Bei den über 65-Jährigen waren 2005 demnach 9,7 Prozent von Armut gefährdet, 2016 bereits 15,8 Prozent. Bundesweit erhöhte sich die Quote im selben Zeitraum nur von elf auf 14,8 Prozent. Die Risikoquoten beziehen sich auf den Anteil derer, die ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnitts haben.

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