Tröten statt Schranken
Unterwegs mit der Eurobahn von Münster nach Warendorf

Münster/Telgte/Warendorf -

Die Bahnstrecke von Münster nach Warendorf ist berüchtigt: Immer wieder kommt es zu Unfällen, da an den meisten Bahnübergängen Schranken fehlen. Stattdessen fordern Schilder mit einem großen „P“ die Lokführer auf, rechtzeitig mit einem Pfeifton zu warnen. Wir sind mitgefahren.

Mittwoch, 22.11.2017, 16:11 Uhr

Langsam zuckelt der Zug an der Bundesstraße entlang Richtung Warendorf. Viele Bahnübergänge sind nicht durch Schranken gesichert, deshalb müssen Lokführer an jedem „P“-Schild einen Warnton abgeben.
Langsam zuckelt der Zug an der Bundesstraße entlang Richtung Warendorf. Viele Bahnübergänge sind nicht durch Schranken gesichert, deshalb müssen Lokführer an jedem „P“-Schild einen Warnton abgeben. Foto: Gunnar A. Pier

Am Schild mit dem großen „P“ tritt Bernd Büschking auf die Tröte. „Pfeife“, heißt die in Bahn-Kreisen. Ein paar Meter später noch ein „P“, Büschking lässt es noch mal pfeifen. Dann zuckelt der Zug über einen kleinen Bahnübergang. Er wird – wie die meisten Bahnübergänge zwischen Münster und Warendorf – nicht durch Schranken gesichert Deshalb gilt die­ Strecke als eine der gefährlichsten in Deutschland, die besondere Herausforderungen an Lokführer wie Bernd Büschking stellt.

Die Bahnstrecke Münster-Telgte-Warendorf

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  • Die meisten Bahnübergängen an der Strecke haben keine Schranken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Immer wieder kommt es deshalb an der Strecke zu teils schweren Unfälle - wie hier im Februar 2017.

    Foto: Andreas Engbert
  • An jedem "P"-Schild, die Bahnmitarbeiter sagen "Pfeiftafel", müssen die Lokführer tröten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die Fahrt von Münster bis Warendorf dauert etwa eine halbe Stunde.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • In Raesfeld stieß im Oktober 2017 ein Lastwagen mit einem Zug zusammen.

    Foto: Stefan Flockert
  • Nicht immer können die Lokführer die Strecke so gut übersehen wie in dieser Szene.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Tim Kösterschier ist Teamleiter der Triebfahrzeugführer bei der Eurobahn in Bielefeld.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die Bahn fährt meistens parallel zur Bundesstraße.

    Foto: Jörg Pastoor
  • Im Januar 2017 riss am Osttor in Warendorf ein Zug einen Lastwagen regelrecht in zwei Teile.

    Foto: Joachim Edler
  • Im Januar 2017 riss am Osttor in Warendorf ein Zug einen Lastwagen regelrecht in zwei Teile.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Oft die einzige Sicherung an der Strecke: Andreaskreuze.

    Foto: Björn Meyer
  • Februar 2017

    Foto: Andreas Engbert
  • Bahnhof Warendorf

    Foto: Lins

Abfahrt um kurz nach 10 Uhr

Ein Donnerstag im November: Gegen 10 Uhr rollt ein Zug der Eurobahn auf Gleis 17 des münsterischen Hauptbahnhofs. Bernd Büschking schaut auf die Uhr: „Noch 14 Minuten“, sagt er. Dann geht‘s los über Telgte und Warendorf in Richtung Rahden. Mit maximal Tempo 60 ist der 90 Tonnen schwere Zug unterwegs. ­Sicherheit geht vor.

Die Strecke, die Büschking an diesem Tag gleich zweimal fährt, ist berüchtigt: Die meisten Abzweige, die von der parallel verlaufenden Bundes­ straße über die Gleise führen, sind nicht mit Schranken gesichert. So kommt es immer wieder zu schweren Verkehrsunfällen.

In Echtzeit: Fahrt mit der Eurobahn von Münster nach Warendorf

Drei Beinahe-Unfälle

„Ich habe hier schon drei Beinahe-Unfälle erlebt“, berichtet Büschking. Mit einer Schnellbremsung konnte er bisher stets Schlimmeres verhindern.

Oft sind es unaufmerk­same Autofahrer, die auf die Gleise abbiegen, obwohl ein trötender – pardon: pfeifender – Zug naht. Dann wird es eng: Je nach Witterung braucht der Lokführer zwischen 100 und 200 Metern, um den Zug zu stoppen.

An jedem "P"-Schild müssen die Lokführer "Pfeifen", erklärt Teamleiter Tim Kösterschier.

An jedem "P"-Schild müssen die Lokführer "Pfeifen", erklärt Teamleiter Tim Kösterschier. Foto: Gunnar A. Pier

Die Strecke soll sicherer werden

Die Gefahren der Bahnstrecke von Münster Richtung Ostwestfalen mit ihren vielen unbeschrankten Bahnübergängen sind erkannt. Deshalb laufen die Planungen auf Hochtouren: Nahezu alle unbeschrankten Bahnübergänge sollen in den kommenden Jahren verschwinden, die Wege gebündelt werden und der Verkehr an weniger, dafür mit Schranken gesicherten Bahnübergängen die Gleise kreuzen. Für die Umwege werden teilweise Entschädigungen gezahlt. (gap)

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Seit neun Jahren bei der Eurobahn

Bernd Büschking stammt aus einer Eisenbahner-Familie. Schon sein Vater war bei der Bundesbahn, er selbst machte dort zunächst eine Ausbildung zum Maschinenschlosser, schlug später die Lokführer-Laufbahn ein. Nach drei Jahren verließ er den Führerstand. Doch 2008 kam er zurück, seitdem ist er Triebfahrzeugführer bei der Eurobahn. Und pfeift zweimal vor jedem unbeschrankten Bahnübergang. Etwa 90 Mal zwischen Münster und Rahden.

Darum ist die Bahnstrecke Münster-Warendorf-Bielefeld so gefährlich

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  • Die eingleisige Nebenbahn von Münster über Warendorf nach Rheda-Wiedenbrück gilt als eine der unfallträchtigsten Bahnstrecken Deutschlands.

    Foto: Rüdiger Wölk, imago
  • An über 40 ungesicherten – offiziell „technisch nicht gesicherten“ genannten – Bahnübergängen kommt es immer wieder zu schweren Zusammenstößen. Oft stehen Autos und Lkws, die auf die parallel zur Bahnlinie verlaufende B 64 abbiegen wollen, noch auf den Gleisen.

    Foto: Rüdiger Wölk, imago
  • Eher die Ausnahme sind Unfälle an beschrankten Bahnübergängen. Zu einem solchen kam es im Januar in Warendorf.

    Foto: Joachim Edler
  • Zwölf Menschen wurden bei dem Zusammenstoß verletzt. es entstand ein Sachschaden in Höhe von etwa 1,7 Millionen Euro.

    Foto: Joachim Edler
  • Die Bahnschranke hatte sich genau zwischen der Zugmaschine und dem Aufleger des Lastwagens gesenkt, so dass der Lokführer grünes Licht, also freie Fahrt, signalisiert bekam.

    Foto: Joachim Edler
  • Die meisten Unfälle passieren jedoch an unbeschrankten Bahnübergängen. Selbst im bundesweiten Vergleich gehört die Bahnstrecke zu denen mit den meisten Unfällen mit Todesfolge. In einem Leserbrief wurde die Strecke deshalb schon einmal als „Westfalentöter“ bezeichnet.

    Foto: Rüdiger Wölk, imago
  • Das Problem ist seit Jahren bekannt. Die zahlreichen ungesicherten Bahnübergänge sollen verschwinden und durch wenige gesicherte ersetzt werden.

    Foto: Rüdiger Wölk, imago
  • 2018 sollen in Telgte die ersten ungesicherten Übergänge geschlossen werden.

    Foto: Rüdiger Wölk, imago

Lokführer müssen die Strecke kennen

„Man muss streckenkundig sein“, erklärt sein Chef Tim Kösterschier. Was für Lokführer generell gilt, ist auf der Strecke zwischen Münster und Warendorf besonders wichtig. Kösterschier, neuerdings Teamleiter der Triebfahrzeugführer beim Eurobahn-Betreiber Keolis in Bielefeld, ist sie selbst oft genug gefahren. „Hier fährt nur einmal im Jahr ein Mähdrescher aufs Feld“, sagt er an einem kleinen Bahnübergang. Ein anderes Mal weiß er, dass an dieser Stelle häufig Lastwagen die Gleise kreuzen. „Wenn hier im Sommer der Mais hoch steht, siehste nichts.“ Solche Hinweise lassen sich kaum in Excel-Tabellen sortieren, deshalb muss jeder neue Lokführer mindestens sechs Fahrten pro Richtung mit einem erfahrenen Kollegen absolvieren.

Im Schnelldurchlauf mit der Eurobahn von Münster nach Warendorf

Wie schnell – oder besser gesagt: wie langsam – der Dieseltriebwagen fahren darf, steht in einem Buch, das stets aufgeschlagen im Führerstand liegt. Daneben das wöchentliche „Verzeichnis der Langsamfahrstellen“, in dem vermerkt ist, wo sich Baustellen oder andere Gefahrenpunkte befinden. Tempolimit-Schilder gibt es nicht. Nur die Tröt-Anweisungen mit dem „P“.

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Gefahr: An den Bahnübergängen im Münsterland spielen sich regelmäßig Dramen ab. Während die Zahl der Unfälle bundesweit auf einem Rekordtief ist, beweist die Strecke von Münster-Warendorf-Rheda, dass sie zurecht berüchtigt ist.

Serie: In nur wenigen Wochen krachte es auf der Bahnstrecke Münster-Warendorf-Bielefeld Anfang des Jahres 2017 gleich dreimal bei der Eurobahn.

Millionenschaden entstand, als ein Zug einen Lastwagen in zwei Hälften riss.

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Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen wie hier im Januar 2017 in Warendorf.

Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen wie hier im Januar 2017 in Warendorf. Foto: Joachim Edler

Unfall als Fahrgast

„Wir müssen hier mehr aufpassen als auf anderen Strecken“, sagt Bernd Büschking. „Auch, wenn wir pfeifen.“ Einen schweren Unfall hat er bei der Arbeit noch nicht erlebt. „Das schlimmste Erlebnis hatte ich als Fahrgast.“ Da saß er mit seiner Familie im Fahrgastraum, als der Zug mit einem Last­wagen kollidierte und entgleiste. Ein Schock. „Ich habe überlegt, ob ich weiter als Triebfahrzeugführer arbeite“, sagt er leise. Und lässt es dann wieder laut pfeifen.

Ausbildung zum Triebfahrzeugführer

Zehn Monate dauert heutzutage die Ausbildung zum Triebwagenführer. Bewerber müssen mindestens 21 Jahre als sein. „Eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein adäquater Abschluss, idealerweise im gewerblich-technischen Bereich, ist wünschenswert“, schreibt Eurobahn-Betreiber Keolis bei den Einstellungsvoraussetzungen. Außerdem müssen verschiedene Tests bestanden werden.

Die Berufsaussichten sind gut, Triebfahrzeugführer sind derzeit bei vielen Bahngesellschaften knapp. Das Einstiegsgehalt liegt bei gut 2800 Euro. (gap)

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