Mi., 03.01.2018

Alle zehn Minuten ein Hilferuf Praatpaal geht, Notrufsäule bleibt

In Deutschland steht die Notrufsäule nicht zur Debatte. Die Versicherer möchten sie sogar zum Rückgrat fürs vernetzte Fahren ausbauen.

In Deutschland steht die Notrufsäule nicht zur Debatte. Die Versicherer möchten sie sogar zum Rückgrat fürs vernetzte Fahren ausbauen. Foto: Wilfried Gerharz

Münster - 

In Zeiten des Handys scheint die Notrufsäule am Straßenrand wie alte Technik. Die Niederlande haben den "Praatpaal" abgeschafft - doch in Deutschland haben die orangefarbenen Säulen eine Zukunft - vielleicht gar demnächst mit neuen Funktionen.

Von Stefan Werding

Die Niederlande haben den letzten Praatpaal vom Netz genommen, doch die deutsche Notrufsäule bietet dem Handy weiter unbeirrt die Stirn. 2016 klingelte beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) alle zehn Minuten das Telefon. „Bei Unfällen sind Leute oft so durcheinander, dass sie sogar ihr Handy vergessen, um anzurufen“, sagt Michael Feldbinder von Straßen-NRW.

Und Jens Bartenwerfer vom GDV sagt: „Wenn es darum geht, schnell und präzise professionelle Hilfe zu organisieren, sind die Autobahnnotrufsäulen trotz aller Smartphones und anderer mobiler Kommunikationsmittel weiterhin unverzichtbar.“ Die Notrufsäule hat einen unschlagbaren Vorteil: Helfer wissen bei jedem Anruf, wo genau Hilfe gebraucht wird. Das ist bei einem Handy nicht immer so. Und deswegen ist die orangefarbene Säule laut Bundesverkehrsministerium „ein wichtiges Element der Verkehrssicherheit“.

In den Niederlanden sind die Notrufsäulen im Jahr 2017 abgeschafft worden.

In den Niederlanden sind die Notrufsäulen im Jahr 2017 abgeschafft worden. Foto: Rijkswaterstaat

Nutzung geht zurück

Trotzdem geht die Zahl der Notrufe kontinuierlich zurück: Während 2012 noch alle sieben Minuten ein Notruf beim GDV einging, klingelt es mittlerweile nur noch alle zehn Minuten. Bis mindestens 2019 werden die Versicherer die Notrufsäulen noch betreuen.

Grund für einen Anruf muss nicht immer ein schwerer Unfall oder eine Panne sein. Es kann auch die ausgesetzte Frau bei einem Beziehungsstreit sein; Kinder, die beim Wohnmobilurlaub auf der Raststätte vergessen wurden, oder Menschen, die sich auf Parkplätzen aus dem Auto ausgesperrt haben – und ihr Handy von draußen auf der Mittelkonsole liegen sehen. „Die Notrufsäulen geben immer noch die Sicherheit, im Fall der Fälle auch gleich Hilfe zu bekommen“, sagt Bahlmann.

Denkbare Alternative auf Rädern

Michael Feldbinder von Straßen-NRW hängt nicht an den 1,90 Meter großen Telefonen. Er sagt: „Wir brauchen eine Notruf-Funktionalität“ – also eine Technik, die bei einem Unfall Kontakt zu Helfern herstellt. Für ihn ist eine Technik, die neue Autos mit einer Sim-Karte ausstattet und sie so zu einem Handy auf vier Rädern macht, eine denkbare Alternative. Zudem ist laut GDV ab 2018 „eCall“, ein fest eingebautes Notrufsystem für Neuwagen, Pflicht. Dann nehmen solche Wagen nach einem Unfall automatisch Kontakt zur nächsten Rettungsleitstelle auf.

Neue Pläne für die Säulen

Wenn es nach dem Willen des GDV geht, sollen die Notrufsäulen Rückgrat fürs vernetzte Fahren werden. Das werde zurzeit geprüft. Die Idee: Alle Notrufsäulen werden mit einem Sender ähnlich einem WLAN-Hotspot ausgerüstet, um so Daten über das Verkehrsaufkommen, Tempolimits, Staus, Falschfahrer oder liegen gebliebene Fahrzeuge an vorbeifahrende Autos zu funken. Das soll die Verkehrssicherheit verbessern.

Notrufsäulen in Zahlen

17 204 Mal haben Autofahrer 2016 per Notrufsäule vor Gegenständen auf der Fahrbahn, Böschungsbränden, Falschfahrern oder Fußgängern und Radfahrern gewarnt.

190 Mal am Tag wurde Autofahrern in Deutschland nach einem Anruf per Notrufsäule geholfen.

16 899 Notrufsäulen stehen an den 12 993-Autobahnen-Kilometern.

12 670 von ihnen wurden 2016 mindestens ein Mal genutzt – also drei von vier.

263 Mal wurde im vergangenen Jahr Notrufsäule Nummer „16178“ an der A 5 von Frankfurt nach Karlsruhe genutzt. Damit war sie die am meisten benutzte Notrufsäule. An ihrem Standort gab es im vergangenen Jahr eine große Dauerbaustelle. (werd)

Da die Säulen ans Stromnetz angeschlossen und über Kupferleitungen miteinander verbunden sind, könnten sie Daten übertragen, ohne dass dafür Bagger anrücken und neue Kabel verlegt werden müssen. Die Säule selbst bietet sich als Funkmastbasis an: Pfeiler könnten der ideale Unterbau für benötigte Funkantennen sein. Wenn alles klappt, könnte das Notrufsäulennetz – und damit das komplette deutsche Autobahnnetz – schon 2022 digital funken.

Der Aufwand für die Notrufsäulen ist nach Feldbinders Worten überschaubar. Ein bis zwei Mal werden sie von Grünzeug freigeschnitten und zusätzlich elektrisch geprüft. Damit hat es sich. Die Hauptprobleme gibt es im Winter, wenn die Fahrer von Schneepflügen sie versehentlich von der Fahrbahn schieben oder wenn schleudernde Autos sie abbrechen.

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