Lehrer: „Der Markt ist komplett leer gefegt“
Grundschulen arbeiten „auf Naht“

Lüdinghausen -

Freie Lehrerstellen im Primar-Bereich sind schwer oder auch gar nicht zu besetzten. Lüdinghausen und Seppenrade werden von dieser Problematik nicht verschont. Was denken die hiesigen Grundschulleiter? Was läuft falsch?

Freitag, 09.02.2018, 10:02 Uhr

Der Lehrermangel hat die Grundschulen erreicht. In Lüdinghausen sei die Situation allerdings längst nicht so angespannt wie etwa im Ruhrgebiet, so Schulamtsdirektorin Walburga Henry.
Der Lehrermangel hat die Grundschulen erreicht. In Lüdinghausen sei die Situation allerdings längst nicht so angespannt wie etwa im Ruhrgebiet, so Schulamtsdirektorin Walburga Henry. Foto: Colourbox

Auf Naht – so könnte man die aktuelle Situation an den Grundschulen in NRW beschreiben, wenn es um die personelle Ausstattung in den Lehrerkollegien geht. Während im nahen Ruhrgebiet ganz offiziell bereits der Notstand ausgebrochen ist, die Landesregierung darüber nachdenkt, Lehramtsstudenten noch vor ihrem Examen an Schulen unterrichten zu lassen und mit einem Quereinsteigerprogramm Lücken gestopft werden sollen, sieht die Lage im Münsterland noch „vergleichsweise gut“ aus, wie Dr. Walburga Henry , Schulamtsdirektorin im Kreis Coesfeld und für die insgesamt 35 Grundschulen im Kreis zuständig, jetzt auf Nachfrage der WN sagte.

Martin Flügel

Martin Flügel Foto: wer

Als ein Beispiel nennt Henry den Umstand, dass sich auf die zwei vakanten Konrektorenstellen an Ludgeri- und Ostwallschule immerhin jeweils ein Bewerber gemeldet hat. „Davon träumen die Grundschulen in Recklinghausen oder Gelsenkirchen. Dort bleibt ein Drittel aller leitenden Stellen an den Grundschulen unbesetzt, häufig muss ein Rektor zwei Schulen parallel leiten“, so Henry.

Ursula Hüvel

Ursula Hüvel Foto: privat

Doch selbst wenn in Lüdinghausen und Seppenrade noch bessere Bedingungen herrschen: Die Auswirkungen des akuten Lehrermangels sind auch hier längst zu spüren. „Wir können den minimalen Stundenspiegel, den die Bezirksregierung Münster vorgegeben hat, so gerade einhalten“, erzählt Martin Flügel , Leiter der Marienschule. Das funktioniere aber auch nur, „wenn alle an Bord sind.“ Krankheitsfälle brächten dann schon große Probleme. „Weil wir einfach keinen Puffer mehr haben, um sie aufzufangen.“ Und wo früher über das Schulamt problemlos eine Vertretung zu bekommen gewesen sei, gehe jetzt fast nichts mehr. „Der Markt ist komplett leer gefegt“, so Flügel. Den Grund für den Lehrermangel sieht der Schulleiter unter anderem in einer verfehlten Hochschulpolitik. „Die Einführung eines Numerus clausus für das Lehramtsstudium im Primar-Bereich war ein großer Fehler.“ Damit habe man viele Bewerber abgeschreckt. „Wer ein Einser-Abitur hat, überlegt sich genau, ob er Grundschullehrer werden will“, verweist Flügel auf die Gehaltsunterschiede zwischen Lehrkräften an Grund- und weiterführenden Schulen. Die personellen Löcher mit Quereinsteigern zu stopfen, sieht Flügel sehr kritisch. „Das darf nur die absolute Ausnahme sein. Jeder Lehrer absolviert nicht umsonst eine umfassende Ausbildung. Wenn dann jemand in die Schule geschickt wird, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, müssen das die gelernten Kollegen auch noch mit auffangen.“

Tanja Grewe

Tanja Grewe Foto: wer

Ursula Hüvel, Leiterin der Ostwallschule, zeigt sich aktuell erleichtert, dass sie zumindest für einen Kollegen, der zum Halbjahr in den Ruhestand verabschiedet wurde, kurzfristig eine Vertretung bekommen hat. „Erstmal nur bis zum Sommer, danach müssen wir weitersehen.“ Hüvel lobt dabei ausdrücklich die Zusammenarbeit mit dem Schulamt in Coesfeld: „Die versuchen wirklich alles.“ Aber: „Auch das Schulamt kann keine Lehrkräfte herzaubern, wo keine sind.“ Zum Glück habe sie ein ausgesprochen motiviertes Kollegium, das mitdenke, das immer bemüht sei, das Beste für ihre Schüler rauszuholen.

Walburga Henry

Walburga Henry Foto: Kreis Coesfeld

Das Beste für ihre Schüler hat auch Tanja Grewe, Leiterin der Ludgerischule, im Sinn, wenn sie ihre Zweifel am neuen Quereinsteigerprogramm anmeldet. „Man lässt doch auch keinen Ingenieur eine Brücke bauen, der seine Ausbildung noch gar nicht abgeschlossen hat, und hofft dann, dass sie schon halten wird.“ Ausgerechnet bei der Bildung der Kinder so vorzugehen, bereite ihr „große Bauchschmerzen“. Und auch bei den neuen Lehramtsanwärtern sieht sie Probleme. „Durch die Verkürzung des Referendariates auf nur noch 18 Monate fehlt den jungen Menschen Zeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Dabei sind die so wichtig für ein gutes Standing später im Unterricht.“

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