Die ungewöhnliche Lebensgeschichte eines Vadrupers
Sommer verliebt sich im Winter

Telgte -

Der Vadruper Helmut Sommer ist Briefzusteller, Archivar, Forscher und Sänger in Personalunion. Das allein schon ist außergewöhnlich. Doch wer sich die bewegende Lebensgeschichte des heute 55-Jährigen anhört, der kann nur staunen. Das einstige Heimkind hat eine Menge erlebt.

Montag, 12.02.2018, 20:02 Uhr

Die Natur schätzt Briefzusteller Helmut Sommer sehr, besonders im Sommer: „Da bin ich Frühaufsteher.“
Die Natur schätzt Briefzusteller Helmut Sommer sehr, besonders im Sommer: „Da bin ich Frühaufsteher.“ Foto: Peter Sauer

Wenn bei Regen die Leute an der Tür zu ihm sagen, dass er aber kein gutes Wetter bestellt habe, dann zeigt Helmut Sommer sofort auf sein Namensschild. Deutlich steht am Revers seiner gelbschwarzen Jacke, die keine Rückschlüsse auf einen Fußballverein zulassen soll, der Name: „Sommer“. Und viel Sommer-Stimmung ist auch drin, egal wie gut es Petrus mit uns meint. Denn Helmut Sommer hat ein sonniges Gemüt. Und das Gute ist, es ist wunderbar ansteckend, wie das Gespräch mit ihm zeigt.

Und das obwohl oder gerade weil er eine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen weiß: Geboren im Winter 1962 nachts gegen 23 Uhr in Duisburg-Balsum. Sein wahres Lebensglück beginnt aber erst im Alter von fünf Jahren. Da lebte er in einem Heim des Vinzenzwerks in Handorf und hieß mit Nachnamen noch nicht Sommer.

Auf den Bauernhof von Clemens und Josepha Sommer am Voßhaar in Vadrup kam der Fünfjährige zur Erholung – zuerst nur am Wochenende. „Dort fühlte ich mich von Anfang an wohl“, erinnert sich Helmut Sommer heute rückblickend. Wenn er wieder abgeholt wurde, wollte Klein-Helmut partout nicht zurück nach Handorf. Clemens und Josepha Sommer fällten eine Entscheidung aus dem tiefen Herzen heraus und adoptierten 1968 den Jungen.

Was für eine Freude sie damit dem ehemaligen Heimkind Helmut machten zeigte dieser 2004. Damals errichtete Helmut Sommer auf dem elterlichen Hof in der Bauerschaft Voßhaar ein Hofkreuz. „Ich habe es aus Dankbarkeit aufgestellt, weil ich auf diesem Hof eine Heimat gefunden habe.“

Lange war er Junggeselle. „Wenn ich heirate, stelle ich auf dem Hof ein Kreuz auf“, sagte er früher oft zu seiner Mutter. 2004 erfüllte sich sein großer Traum. Er heiratete Ehefrau Kati . Der seltene Zufall: Seine Frau teilt sein Schicksal. Sie lebte als Kind ebenfalls in einem Waisenhaus, allerdings in Südkorea. 1973 wurde sie als Fünfjährige von deutschen Eltern adoptiert. Als sie Helmut Sommer heiratete, fand auch sie in der Bauerschaft Voßhaar eine neue Heimat.

Kennengelernt hat „Mister Sommer“ seine große Liebe Kati über eine Zeitungsannonce. Im Winter. Dabei half das Glück gleich doppelt mit. „Die Anzeige war eigentlich gar nicht für sie gedacht, sondern für die Schwägerin.“ Aber Amors Pfeile trafen auch über einen kleinen Umweg ins Schwarze. „Ich bin sehr glücklich“, schwärmt Sommer.

Das Hofkreuz übrigens hat Sommer von einem früheren Besitzer. Der hatte es abgebaut, auch weil es bei Straßenbauarbeiten im Weg stand. Eine Zeit lang lag das zierliche Kreuz mit dem bronzenen Korpus bei dem Westbeverner Hobby-Restaurator Hubert Rotthove im Schuppen. Niemand interessierte sich dafür, bis Helmut Sommer es holte. Gesegnet wurde das Kreuz am Hochzeitstag von Helmut und Kati Sommer durch den Telgter Diakon Thomas Schröder.

Helmut Sommer ist als Briefzusteller in fünf Telgter Bezirken mit seinem E-Trike unterwegs – bei Wind und Wetter: „Ich friere nicht, habe ja schließlich Sommer im Herzen.“ In seiner Freizeit setzt er auf die Heimatforschung. So interessiert den heute 55-Jährigen zum Beispiel, warum Bildstöcke, Hof- oder Wegekreuze eigentlich erbaut worden sind: „Jedes Denkmal hat eine eigene Geschichte.“

Seit 25 Jahren pflegt er – in der Nachfolge von Alfons Schwarte – die Pfarrchronik in Westbevern. Auch die Chronik des MGV Eintracht Vadrup betreibt er (seit 2015, vorher 1989 bis 1998): „Für meine Forschung bin ich auch immer auf Zeitungsartikel angewiesen. Da unterstützt mich die Redaktion der WN sehr.“ Wenn Vertreter der Landjugend, des MGV Cäcilia, der Frauengemeinschaft oder andere Leute zu ihm kommen, hilft der Hobbychronist gerne. Auch den eigenen Familienstammbaum erforscht er, ist bislang schon bis 1850 zurückgegangen – über Brock und Brochterbeck bis hin zu einem frühen USA-Auswanderer.

Nach frühen Jahren im Fanfarenkorps Westbevern singt Sommer gerne beim MGV. „Ich habe als Erster Bass angefangen und bin jetzt Erster Tenor.“

Seinen Führerschein hat Helmut Sommer im Winter gemacht. „Kein Witz, im Auto war noch ein weiblicher Prüfling mit dabei: Stefanie Herbst aus Telgte.“

Grundsätzlich ist der Vadruper aber Sommer-Fan. „Da bin ich Frühaufsteher und nutze den Tag, fahre mit dem Rad oder gehe zum Schwimmen. Ich habe auch Glück, weil ich immer Sommer-Urlaub kriege, da in unserer Zustellergruppe keiner schulpflichtige Kinder hat.“

Er wir etwas ernst. „Der Sommer draußen ist längst nicht mehr das, was er mal war.“ Helmut Sommer weiß es sehr gut. „Wir hatten bis vor 20 Jahren Landwirtschaft. Da spielte das Wetter eine wichtige Rolle.“ Der Vadruper erinnert sich noch gut, wie es vor der Klimaveränderung war: „Früher hatten wir zwei bis drei Wochen schönes Wetter mit ganzen Tagen wolkenloser Himmel.“

Die gute Nachricht: Der Klimawandel hat für Helmut Sommer bislang keine Folgen: Seine Laune ist auch im Winter sonnig. Nicht selten hört man beim Einwurf seiner Post: „Hier kommt der Sommer!“ Und das wärmt gut von innen.

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