Debatte um Homöopathie
Konter auf die Kügelchen-Kritik

Münster -

Eine Gruppe aus ­Ärzten, Ethikern, Juristen und Philosophen mit dem Namen „Münsteraner Kreis“ will durchsetzen, dass Mediziner nicht mehr die Zu­satzbezeichnung „Homöopathie“ tragen dürfen. Homöopathische Ärzte wehren sich nun gegen die Attacke. Ein Streitgespräch.

Mittwoch, 21.03.2018, 06:03 Uhr

Schulmedizin oder Homöopathie: Die Befürworter beider Richtungen führen zurzeit einen erbitterten Streit.
Schulmedizin oder Homöopathie: Die Befürworter beider Richtungen führen zurzeit einen erbitterten Streit. Foto: Colourbox.de

Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, lehnt die alternative Medizin zwar ebenfalls ab („Ich bin der Meinung, man muss die Homöopathie von Patienten weghalten.“), meint aber ­anders als der Münsteraner Kreis: Wenn schon Homöopathie, dann wenigstens in den Händen von approbierten Ärzten.

Wir dürfen die Homöopathie nicht in die Hände von Scharlatanen geben.

Theodor Windhorst. Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe

Im Gespräch mit unserer Zeitung meinte er: „Wir dürfen die Homöopathie nicht in die Hände von Scharlatanen geben.“ Wenn ausgebildete Mediziner homöopathisch arbeiten, würde das zumindest mit einem ärzt­lichen Hintergrund geschehen. „Da hat man immer noch jemanden, der den Rest der Medizin im Blick hat – anders als Heilpraktiker“, sagte er. Zusätzlich hofft Windhorst auf eine Regelung, dass Krankenkassen homöopathische Behandlungen nicht länger bezahlen, „weil sonst der Eindruck vermittelt wird, dass das ein super therapeutisches Mittel“ ist.

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Dr. Theodor Windthorst, Praesident der Aerztekammer Westfalen-Lippe. Foto: Matthias Ahlke

Trotzdem hat die Homöopathie in der Weiterbildungsordnung der Ärztekammer einen festen Platz. In ihr wird zum Beispiel geregelt, dass sich Fachärzte in sechs Monaten, in einem 100-stündigen Fallseminar mit Supervision oder in einem 160-Stunden-Kurs die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ aneignen können. Genau das möchten die Kritiker rund um die münsterische Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert beenden. Darum wollen sie während des Ärztetags in Erfurt vom 8. bis 11. Mai die Weiter­bildungsordnung so ändern, dass die Zusatzbezeichnung nicht mehr vergeben wird.

„Münsteraner Kreis“ spricht von esoterischer Heils­lehre

Der Münsteraner Kreis hält die Homöopathie für wirkungslos und bezeichnet sie als „esoterische Heils­lehre“. Die Arzneien würden so stark verdünnt, dass der Wirkstoff oft überhaupt nicht mehr nachweisbar sei. Unwirksame Verfahren seien aber unethisch. Sonst könnte man Ärzten nach entsprechender Weiterbildung auch eine Zusatzbezeichnung „Gesundbeten“ zubilligen, zitiert die dpa die münsterischen Kritiker. Es gebe Hunderte Studien zur Homöopathie, sie alle hielten ernsthaften wissenschaftlichen Anforderungen an die statistische Beweisführung und Wiederholbarkeit aber nicht stand. Mit einer solchen Zusatz­bezeichnung für Ärzte werde das Patientenvertrauen untergraben. Denn der Titel gebe der homöopathischen Lehre den Anstrich wissenschaft­licher Seriosität.

Wir fühlen uns durch die Vorstöße existenziell bedroht und sehr ins Abseits gestellt.

Andreas Holling, Allgemeinmediziner, Mitglied der Vereinigung homöopathischer Ärztinnen und Ärzte

Andreas Holling gehört zur Vereinigung homöopathischer Ärztinnen und Ärzte in Münster und dem Münsterland. Er ist Arzt für Allgemeinmedizin mit der Zusatzbezeichnung „Homöopathie“. Er sagt: „Wir fühlen uns durch die Vorstöße existenziell bedroht und sehr ins Abseits gestellt.“ Laut Vereinigung führen in der Bundesrepublik zurzeit rund 7000 Ärzte die Zusatz­bezeichnung „Homöopathie“.

Homöopathie-Kritiker zu „wissenschaftsgläubig“

Die Kritik gegen die Homöopathie sei „altbekannt“, die Forderungen sehr radikal, die Haltung dahinter sehr „wissenschaftsgläubig“. Einen Dialog gebe es nicht, dafür eine Atmosphäre, in der sich homöopathische Ärzte entwertet fühlten. „Uns stört, dass wir mit Studien beweisen können, dass die Homöopathie wirkt, und sie von den Kritikern trotzdem stereotyp nicht anerkannt wird“, sagt Holling. In der Medizin gebe es schließlich auch Dinge, die funktionieren, und keiner wisse, warum.

Ratgeber: Schluss mit medizinischen Mythen

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  • Teaser

    Durch Knacken werden die Finger steif, Zahnpasta hilft angeblich gegen Pickel oder Labello-Stifte machen süchtig. Diese und viele weitere medizinischen Alltagsmythen hat unser Redakteur Stefan Werding mal genauer unter die Lupe genommen und bei den entsprechenden Experten nachgefragt: Stimmt das wirklich?

    Foto: dpa
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    Angeblich werden vom Gelenke-Knacken die Finger steif. Professor Martin Langer, Stellvertretender Klinikdirektor für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am UKM, bekommt diese Frage relativ häufig gestellt. Wie er darauf antwortet, hat er unserem Redakteur Stefan Werding mitgeteilt.

    Foto: Wilfried Gerharz
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    Ist Schielen wirklich schädlich?

    Von seiner Oma hat Stefan Werding früher immer zu hören bekommen, dass er besser aufhören sollte zu schielen. "Davon bleiben deine Augen stehen", mahnte sie. Deswegen hat unser Redakteur Dr. Ulrike Grenzebach, leitende Oberärztin der UKM-Augenklinik, gefragt, ob sie schon mal jemanden mit stehen gebliebenen Augen gesehen hätte.

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    Lesen bei schlechtem Licht: Ist das schädlich?

    Man kennt das ja: ein gemütliches, schummriges Plätzchen, dazu ein Buch oder die Zeitung. Endlich mal in Ruhe lesen. Und dann: Fangen die Augen an zu brennen, sie jucken. Ein kurzes Nickerchen statt unterhaltsamer Lektüre. Liegt es vielleicht am Licht? Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat Professorin Nicole Eter, Direktorin der Augenklinik des Universitätsklinikums Münster, gefragt.

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    Heilen Wunden am besten an der Luft?

    Pflaster oder nicht, hat unser Redaktionsmitglied Stefan Werding den Leiter der Abteilung für Wundheilung/Phlebologie am UKM, Privatdozent Dr. Tobias Görge, gefragt.

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    Hilft Zahnpasta gegen Pickel?

    Unter Jugendlichen hält sich das Gerücht, dass Zahnpasta gegen Pickel hilft. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat bei Privatdozent Dr. Jan Ehrchen, Oberarzt der Klinik für Hautkrankheiten am Uniklinikum Münster nachgefragt.

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  • Labello-Sucht

    Gibt es tatsächlich eine Labello-Sucht?

    Angeblich macht der Labello süchtig. Unser Redakteur Stefan Werding hat den Allergologen Professor Dr. Randolf Brehler gefragt, ob das stimmt.

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    „Haben Sie schon mal einen Kloß im Hals gesehen?“, wollte unser Redakteur Stefan Werding von Professor Dr. Gereon Heuft, Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am UKM, wissen.

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    Gegen Hitze hilft nur Kälte. Denkt man. Aber stimmt es eigentlich, dass kalte Getränke den Körper bei großer Hitze abkühlen? Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat Dr. Dr. Ulrich Gerth, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie am UKM, gefragt.

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    Nasensprays sollen helfen, den nervigen Schnupfen erträglich zu machen. Doch ihr Ruf ist schlecht. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat den Leiter der Allgemeinen Ambulanz der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am UKM, Dr. Hendrik Berssenbrügge, gefragt, was er von den Nasensprays hält.

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  • Sauerstoff Konzentration

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    Täglich werden in deutschen Schulen Fenster mit der Begründung aufgerissen, dass zu wenig Sauerstoff die Konzentration störe. „Stimmt das eigentlich“, hat unser Redaktionsmitglied Stefan Werding den Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie am UKM, Professor Heinz Wiendl, gefragt.

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  • Weisheitszähne

    Weisheitszähne: Wann müssen sie raus?

    Wer die Weisheitszähne gezogen bekommt, darf mit jeder Menge Anteilnahme rechnen. Da ergibt sich die Frage: Ist das eigentlich immer nötig? Professor Ariane Hohoff, Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie an der Uniklinik Münster, kennt die Antwort und hat sie unserem Redakteur Stefan Werding verraten.

    Foto: dpa
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