Fortschritte durch Exoskelett
Querschnittsgelähmter Landwirt lernt das Laufen zum zweiten Mal

Tecklenburger Land -

Es sind nur kleine Schritte, die Dieter Bäumer da tut. Ein Fuß vor den anderen. Aber für den Landwirt sind es Riesenschritte, bis vor einem Jahr noch unvorstellbar. Er ist ab dem Bauchnabel abwärts gelähmt. Nun lernt er wieder aufzustehen und zu gehen – mit einem Exoskelett. „Ich bin wieder auf Augenhöhe“, sagt der 57-Jährige.

Samstag, 14.07.2018, 14:57 Uhr

Ein besonderer Moment: Dieter Bäumer lernt wieder gehen, obwohl er querschnittsgelähmt ist. Noch steuert Anne-Carina Lampe mit einer Art Uhr am Handgelenk das Exoskelett. Stabilisiert wird Bäumer von Jonas Hilgefort.
Ein besonderer Moment: Dieter Bäumer lernt wieder gehen, obwohl er querschnittsgelähmt ist. Noch steuert Anne-Carina Lampe mit einer Art Uhr am Handgelenk das Exoskelett. Stabilisiert wird Bäumer von Jonas Hilgefort. Foto: Daniel Meier

Vor acht Jahren, nach einem Sturz vom Dach auf dem eigenen landwirtschaftlichen Hof, nach Koma und vier Monaten Krankenhaus in Hamburg, da war die Welt verdammt klein, erzählt er.

Dieter Bäumer nimmt sein Schicksal an, will nach vorn blicken. „Das Leben geht weiter.“ Erst lernt er Autofahren, dann geht der Trecker kaputt. Nach einigen Schwierigkeiten wird der behindertengerechte Umbau eines neuen Treckers genehmigt. In dieser Woche hat er noch Erdbeeren gepflanzt. „So wurde die Welt wieder ein Stückchen größer.“

Anfang des Jahres hört er von dem Exoskelett, einer äußeren Stützstruktur für die Beine. Er macht sich kundig, muss eine Woche dafür ins Krankenhaus nach Duisburg. Hat er zu weiche Knochen durch die lange Zeit im Rollstuhl, macht sein Kreislauf mit, ist er fit genug für so ein Experiment? Das Ganze ist kein Pappenstiel. Das Exoskelett kostet inklusive der Schulungen für die Therapeuten rund 100 000 Euro.

Seine Beine fühlt er nicht

Die Unfallkasse gibt grünes Licht, er wird Pilot-Patient. Bäumer wendet sich ans Gesundheitszentrum Medicos in Osnabrück, in dem er schon lange Kunde ist. Die ihn begleitenden Physiotherapeuten Anne-Carina Lampe und Jonas Hilgefort sind begeistert, absolvieren die notwendigen Schulungen.

Noch sind sie es, die die Bewegung steuern. Sie achten auf die Haltung, geben Tipps, halten Bäumer, damit er nicht umfällt. Denn seine Beine fühlt er nicht. „Der Oberkörper tanzt auf einer Seifenblase“, beschreibt Physiotherapeutin Anne-Carina Lampe den Vorgang. Die Maschine bewegt seine Beine, Bäumer ist darin eingespannt, von den Füßen bis zur Brust. Ganz wichtig: Gleichgewichtsgefühl und Kraft. Wenn sich sein Bein bewegen soll, muss er das Becken leicht anheben. Ist diese Bewegung zu kurz, tritt er in den Boden.

Bäumer hat Ehrgeiz

Seit Juni trainiert er mehrmals die Woche, heute ist es das zehnte Mal. Dieter Bäumer hat Ehrgeiz. „Das letzte Mal war katastrophal“, sagt er. Nichts passte zusammen. Es funktionierte einfach nicht. Heute läuft er den Flur entlang, etwas hölzern, aber es sind 15 Schritte.

Pause.

Kraft schöpfen.

Konzentration aufbauen.

Langsam dreht er um, gestützt von Jonas Hilgefort. Es ist ein langer Weg, das weiß Bäumer. Bis er ohne Unterstützung der Therapeuten laufen kann, vergeht in der Regel ein Jahr. Es braucht viel Disziplin, Willen, die Fitness muss stimmen.

Nicht für alle Fälle geeignet

Dr. Daniel Landwehr, Ärztlicher Leiter und leitender Arzt der Orthopädie im Medicos, ist begeistert von der Erfindung. „Eine gute Investition, wenn man bedenkt, dass das System auch medizinisch diverse Vorteile mit sich bringt.“ Sich auf Augenhöhe zu begegnen habe zudem eine große psychologische Bedeutung. Aber er dämpft auch die Euphorie. Das System sei längst nicht für alle querschnittsgelähmten Menschen geeignet.

Als Dieter Bäumer damals verunglückte, übernahm Sohn Daniel den Hof. Ein Glücksfall, sagt Bäumer. Aber irgendwann würde er auch gerne wieder in seinem Hofladen auf dem Dickenberg Eier verkaufen. Und er kann sich vorstellen, vielleicht Schulklassen über den Hof zu führen, um sie mit dem Landleben vertraut zu machen. Dann würde er gerne mit dem Exoskelett vorausgehen.

"ReWalk-System"

Die Gelenke des rund 27 Kilogramm schweren Außenskeletts „ReWalk-System“ sind den menschlichen Hüft-, Knie- und Fußgelenken nachempfunden. Sie werden durch Antriebsmotoren bewegt. Wie die Bewegung ablaufen soll, ermitteln zahlreiche Sensoren. Sie stellen Informationen über die beabsichtigten Bewegungen zusammen und leiten sie an einen Computer weiter. Dieser analysiert sie und steuert die Bewegungsabläufe. Die Batterieleistung reicht für rund vier Stunden. Mit einer Fernbedienung am Handgelenk kann man programmieren, ob man sitzen, stehen, gehen oder Treppen steigen möchte. 

...
Anzeige
Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5904618?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F
Bagatellfälle in der Notaufnahme
Viele Patienten suchen die Notfallsprechstunde im Krankenhaus auf, obwohl sie auch gut beim niedergelassenen Arzt hätten behandelt werden können.
Nachrichten-Ticker