30 Jahre Gladbecker Geiseldrama
Drei Tage im August

Gladbeck -

Wo Brigitte Gräber in ihrem Blumenladen „Grüne Oase“ heute Rosen verkauft, da beginnt vor 30 Jahren eines der spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit: das Gladbecker Geiseldrama. 54 Stunden voller Verzweiflung, Sensationsgier, Medien- und Polizeiversagen nehmen am Morgen des 16. August 1988 in Gladbeck im Kreis Recklinghausen ihren Anfang.

Samstag, 11.08.2018, 16:05 Uhr

Ein Bild schreibt Geschichte: Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l.) und Hans-Jürgen Rösner stehen in dem in Bremen gekaperten Linienbus.
Ein Bild schreibt Geschichte: Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l.) und Hans-Jürgen Rösner stehen in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Foto: dpa

Mit Maschinenpistolen bewaffnet überfallen Hans-Jürgen Rösner (damals 31) und Dieter Degowski (damals 32) im Stadtteil Rentfort-Nord eine Deutsche-Bank-Filiale und nehmen zwei Angestellte als Geiseln. Wenig später umstellt die Polizei die Filiale. Die Gangster geben ein erstes Telefon-Interview.

Als die beiden Männer dann am Abend mit ihren Geiseln flüchten, lassen sie noch in Gladbeck ihre Komplizin Marion Löblich zusteigen. Die Flucht geht Richtung Norden, Polizei und Journalisten bleiben ihnen auf den Fersen. An einer Haltestelle in Bremen-Huckelriede kapern sie einen Nahverkehrsbus. An der Raststätte Grundbergsee dürfen die Bankangestellten gehen. Als die Polizei Löb­lich überwältigt und vorübergehend festhält, tötet Degowski den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi mit einem Kopfschuss.

Nation nimmt am Verbrechen teil

Am Donnerstagmorgen erhalten die Kidnapper in den Niederlanden ein neues Fluchtauto, bis auf zwei junge Frauen werden fast alle Geiseln freigelassen. Am Vormittag erreichen die Verbrecher Köln. Im Gespräch mit Journalisten in einer Fußgängerzone drohen sie, „zu allem entschlossen“ zu sein. Richtung Frankfurt fahren sie am Mittag davon. Auf der A 3 bei Bad Honnef rammt die Polizei das Auto um kurz vor 14 Uhr. Es kommt zu einer Schießerei. Die 18 Jahre alte Silke Bischoff wird dabei von Rösner getötet.

Über live ausgestrahlte Fernseh- und Radiointerviews des Trios, an seiner Seite Geiseln in Todesangst, nahm die Nation am Verbrechen teil. Der Presserat legte später fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf. Der Polizei wurde hinterher vor allem vorgeworfen, die Geiselnahme nicht schon viel eher bei mehreren Gelegenheiten beendet zu haben.

Neue Identitäten nach der Entlassung

Rudolf Esders kann sich gut an das Drama erinnern. Am Landgericht Essen führte er von August 1989 an als Vorsitzender Richter den Strafprozess gegen die drei. Emanuele de Giorgi etwa sei Degowski negativ aufgefallen, „weil er nicht unterwürfig genug war.“ Degowski erklärte, er habe ihn aus Versehen getötet. Esders glaubte ihm nicht: Der Schuss wurde aus zehn Zentimetern Entfernung abgefeuert.

Degowskis lebenslange Haft wurde 2017 zur Bewährung ausgesetzt. Im Februar 2018 wurde er mit neuer Identität aus der Haft entlassen. Rösner, bei dem zusätzlich Sicherungsverwahrung angeordnet worden war, hat ebenfalls einen Antrag auf Entlassung gestellt. Löblich, zu neun Jahren Haft verurteilt, hat ihre Strafe längst abgesessen. Auch sie bekam eine neue Identität.

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