Wohnserie
Gute Nachbarschaft bleibt das A und O für das Wohlfühlen im Wohnumfeld

Münster -

Welche Rolle spielt die Nachbarschaft für das gelungene Wohnumfeld? Mit der Raumplanerin und Nachbarschaftsexpertin Dr. Ruth Rohr-Zänker aus Hannover sprach unser Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel.

Montag, 13.08.2018, 07:00 Uhr

Die meisten Menschen in Deutschland haben ein großes Interesse daran, gut mit ihren Nachbarn klarzukommen. Der Streit ist daher eher die Ausnahme, meint Expertin Ruth Rohr-Zänker.
Die meisten Menschen in Deutschland haben ein großes Interesse daran, gut mit ihren Nachbarn klarzukommen. Der Streit ist daher eher die Ausnahme, meint Expertin Ruth Rohr-Zänker. Foto: imago/Thomas Trutschel

Individualisierung hin, Mobilität her: Warum bleiben Nachbarschaften wichtiger sozialer Bezugspunkt?

Rohr-Zänker: Die Rolle von Nachbarschaften bleibt wichtig. Es geht seltener um Traditionspflege. Es gibt oft rein funktionale Gründe. Die Menschen verreisen öfter, sind wegen ihrer Jobs nicht zu Hause. Gleichzeitig steigt die Zahl von Paketlieferungen. Gute Nachbarschaften sind deshalb eine große Alltagserleichterung. Sie schaffen zudem Nähe, Vertrautheit und Sicherheit: Das sind ganz zeitlose Themen.

Nachbarschaften sind ja auch Testlabor für gesellschaftliche Projekte. Man hat den Eindruck, dass das innovative Potenzial zunehmend auch auf dem Land genutzt wird.

Rohr-Zänker: Das stimmt. Zum einen gibt es dort Raum für Experimente. So ziehen Menschen, die gemeinschaftlich leben wollen, nicht selten von der Stadt aufs Land. Zum anderen führt der Verlust von Versorgungseinrichtungen auf dem Lande nicht nur zur Resignation. Immer öfter schließen sich Menschen zusammen, um etwas auf die Beine zu stellen: Busverkehr, selbst organisierte Kinderbetreuung, Dorfläden. So etwas erhöht die Wohnqualität und Identifikation. Diese Projekte kommen zumeist von Familien und „jüngeren“ Rentnern. Sie setzen sich am meisten dafür ein, dass das Leben vor Ort funktioniert, und sind besonders bodenständig.

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Tut die Politik genug für Nachbarschaften?

Rohr-Zänker: Alle wissen, dass gelungene Nachbarschaften Raum brauchen. Alle Bürgermeister reden davon. Es gibt aber eine große Diskrepanz zur Wirklichkeit. Kommunikationsfreundliche Straßenzüge und differenzierte Wohnstrukturen fehlen. Am Ende mündet beispielsweise das Wohnen auf dem Land zum Großteil in das normale Einfamilienhaus mit großem Grundstück. Dabei braucht man auch dort gemischte Strukturen, um in allen Lebensphasen gut klarzukommen.

Prägt der klassische Nachbarschaftsstreit um Kleinigkeiten wirklich den Alltag?

Rohr-Zänker: Man hört oft davon, doch wirklich feindselige Streitigkeiten sind selten. Die meisten Menschen wollen entspannt in ihrer Nachbarschaft leben und verhalten sich entsprechend zurückhaltend und tolerant. Schlechte Nachbarschaftsbeziehungen lösen viel Stress aus, wenn man zum Beispiel dauernd Leuten aus dem Weg gehen muss. Problem: Viele Menschen sind gezwungen, wegen hoher Mietpreise in Nachbarschaften zu ziehen, die sie nicht mögen.

Wie sollte man sich in einer neuen Nachbarschaft verhalten?

Rohr-Zänker: Man sollte sich vorstellen. Damit signalisiert man: Ich bin nachbarschaftsbereit. Mehr sollte man zu Anfang nicht machen. Man kann sich dann durch Smalltalk langsam vortasten. Interessanterweise wünschen sich viele Menschen etwas engere Kontakte zu ihren Nachbarn, werden aber nicht selber aktiv.

Kann die digitale Nachbarschaft im Netz die traditionelle ersetzen?

Rohr-Zänker: Plattformen etc. bieten Service. Doch Nachbarschaften funktionieren dauerhaft nur durch direkten persönlichen Kontakt, über kleine Gespräche, Straßenfeste etc. Das hält alles zusammen. Auch Jugendliche scheinen den Reiz der Nachbarschaft wiederzuentdecken. Sie gärtnern, kümmern sich um Gemeinschaftsprojekte. Ganz klar ein Gegentrend zur Mobilität und zum Netz, wo die Aktionsradien sehr groß werden. Nähe, tagtäglich Bindungen pflegen – das ist wichtig für jeden. Das leistet vor allem die Nachbarschaft.

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