Sa., 14.06.2014

Blick hinters Schlaraffenland Uli Westphal stellt in der Villa van Delden aus

Ahaus - 

Wenn Uli Westphal in Berlin über den Wochenmarkt geht, sucht er gezielt nach Gemüse und Obst, das sonst keiner haben will: krumm und schief gewachsene Gurken, krüppelige Kartoffeln und Karotten, die an Krankentiere erinnern.

Von Christiane Nitsche

„Wenn ich sowas sehe, kaufe ich es, fotografiere es – und anschließend koche ich.“ Westphal lacht. Mehr als 1000 „Mutatoes“ haben im Laufe der Jahre ihren Weg durch seine Hände gefunden – angefangen mit der fünfköpfigen Aubergine, die ihn 2005 zu der Fotoserie inspirierte.

Auf Aluminium gezogen, bilden die Mutatoes einen Schwerpunkt der Ausstellung, mit der der in Ahaus aufgewachsene und heute in Berlin lebende Künstler ab dem heutigen Samstag in der Villa van Delden gastiert. Mit ihnen dokumentiert der 34-Jährige das, was er „Schattendiversität“ nennt: Obst und Gemüse, die den Weg in den Supermarkt üblicherweise nicht schaffen, weil sie nicht den Normen der Lebensmittelindustrie genügen. Dabei sind es nicht nur die vermeintlich mutierten Früchte, die es Westphal angetan haben. In großformatigen Fotocollagen zeigt er auch, welche Sortenvielfalt manches Obst und Gemüse aufweist – vorausgesetzt, sie wird genutzt und somit aufrechterhalten.

„Es gibt 75 000 registrierte Tomatensorten“, erklärt er. Zu sehen – und zu essen – bekommen wir indes nur einen Bruchteil davon. „Der größte Teil der Sortenvielfalt ist ausgestorben“, sagt Westphal. „Unser System bietet 24 Stunden am Tag Lebensmittel .“ Das Schlaraffenland , das dieser Umstand suggeriert, sei aber auch „eine Illusion, eine Utopie“. Gleichzeitig bleibe dahinter verdeckt eine Nahrungsvielfalt, „die eigentlich auch ein Schlaraffenland ist“.

Das Bild des Schlaraffenlands, das in Supermärkten gezeigt wird, entlarvt Westphal, indem er in Installationen deutlich macht, mit welchen Tricks diese Illusion produziert wird. „Eternal Summer“ (ewiger Sommer) etwa verdeutlicht, wie der Einsatz von Spiegeln Nahrung im Überfluss vorgaukelt. „Shelf Life“ (Regalleben) zeigt nackte Neonröhren, deren unterschiedliches Spektrum beim jeweils eingesetztem Lebensmittel den Eindruck besonderes Frische erzeugt. „Ultraviolet Schnitzel“ schließlich führt drastisch vor Augen, welchen Effekt verschiedene Farbtöne von Ultraviolett bis Azurblau auf die Appetitlichkeit eines Schnitzels haben.

Natur ist im Supermarkt eher von übernatürlicher Art. Auch dies zeigt die Ausstellung: „Supernatural“ heißt die Serie von illuminierten Collagen aus stereotypen Verpackungselementen, mit denen Discounter für „natürliche“ Produkte werben.

„Weil man abgesondert ist von der Produktion der Lebensmittel, hat man das Vertrauen in die eigenen Sinne verloren“, hat Westphal festgestellt. Darum, und weil die psychologischen Tricks in Supermärkten „von uralten Instinkten Gebrauch machen“, landen Früchte, und letztlich sogar ganze Sorten, auf dem Müll. Doch auch hier hat der Künstler einen Anstoß zur Umkehr parat: „A Pocket Guide to Supermarkt Psychology“ heißt der so informative wie augenzwinkernd-unterhaltsame Taschenführer, den Westphal produziert hat. Auch er ist Teil der Ausstellung.

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