Fr., 21.04.2017

Chantal Sophie Martin hat im Reenactment ihre Leidenschaft gefunden Die Liebe zur historischen „Kledage“

Chantal Sophie Martin hat viele Stunden an ihrer Kleidung gearbeitet. Alles ist handgenäht. Ihr Lebenspartner teilt die Leidenschaft für das Schlüpfen in historische Kleider und die dazugehörigen Rollen.

Chantal Sophie Martin hat viele Stunden an ihrer Kleidung gearbeitet. Alles ist handgenäht. Ihr Lebenspartner teilt die Leidenschaft für das Schlüpfen in historische Kleider und die dazugehörigen Rollen. Foto: Susanne Menzel

Ahaus - 

„Wenn man sich selbst das Korsett anziehen muss, weiß man, warum die Menschen damals Dienstmädchen hatten“, murmelt Chantal Sophie Martin und zuppelt leicht verzweifelt an dem strammen Stoffteil herum, das sie um ihren Oberkörper legen will. Ihr Freund Rogier van der Meij springt ihr hilfreich zur Seite, zurrt das Rückenteil zusammen.

Von Susanne Menzel

„Ich kriege kaum noch Luft“, japst die 24-Jährige. Unter dem Mieder trägt die junge Frau bereits mehrere Stoffschichten: Unterwäsche und –rock, darüber kommen jetzt noch Bluse und Jacke. Chantal Sophie Martin sieht aus, als wäre sie gerade einer anderen Welt entsprungen, auf einer Zeitreise vom 18. ins 21. Jahrhundert versetzt worden.

„Ein wenig ist das ja auch so“, bestätigt die junge Frau. „Mein Hobby ist das Re-enactment. Das heißt: Ich stelle mit Freunden konkrete geschichtliche Ereignisse in möglichst authentischer Weise nach. Dabei habe ich mich auf den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und die Stilepoche des Rokoko spezialisiert.“

Und darin hat sie nicht nur ein Hobby, sondern 2014 bei einem historischen Kostümfest auf Schloss Eichenzell in Fulda auch ihre große Liebe gefunden. Seit eineinhalb Jahren lebt das Paar zusammen. Während Rogier van der Meij als Lehrer in Enschede arbeitet, betreut sie im „Haus der Integration“ in Diensten des Ahauser Berufsorientierungszentrums junge Flüchtlinge.

„Es ist nicht nur eine gute Möglichkeit, sich intensiv mit den geschichtlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, man kann auch sehr gut abschalten“, sagt Chantal Sophie Martin. „Es gab damals keine Handys, keine Dauerberieselung durch Medien, keine CDs und keinen Autolärm. Die Welt war wesentlich stiller. Man hatte ganz andere Sorgen als heute. Etwa jene, wie man einen abgesprungenen Knopf wieder angenäht bekam.“

Gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen, miteinander zu musizieren oder zu tanzen, das macht für Chantal Sophie und Rogier den Reiz dieses Abtauchens aus.

„Damals war vieles handgemacht. Von der Kleidung bis zur Musik“, erzählt das Paar. Und so haben auch sie ihre Kostüme nicht etwa im Internet bestellt oder dafür die Nähmaschine rattern lassen. „Ich habe allein an dem Korsett ein halbes Jahr genäht“, grinst Chantal Sophie Martin. Oft abends vor dem Fernseher.

Drei Rokoko-Kostüme hat die 24-Jährige inzwischen. Die passenden Schnallenschuhe hat sie sich aus Amerika mitbringen lassen. „Viel mehr Kledage hatten die Frauen im 18. Jahrhundert auch nicht. Selbst der Adel war da recht bescheiden.“ Blusen, Röcke, Westen – alles wurde sorgsam und solange getragen, bis der Stoff nicht mehr brauchbar war. „Ein Riss oder ein Loch waren kein Grund, ein Kleidungsstück wegzuwerfen. Anders als heute, wo Massenproduktion kaum mehr zu Wiederverwertung anregt, wurden die Stücke damals geflickt und genäht. Oder aufgetrennt und dann wurde etwas Neues daraus gearbeitet“, berichtet Chantal Sophie Martin.

Drei bis vier Mal im Jahr gab es dann die großen, jeweils eine Woche dauernden Waschtage. Die Baumwoll- und Leinenstücke wurden ausgekocht, in Seife eingelegt – und zum Trocknen aufgehängt. Zumindest die Sachen der Frauen. „Die Männer trugen vieles aus Wolle. Diese Stücke wurden nicht gewaschen, sondern lediglich ausgeklopft“, weiß Rogier van der Meij.

Mehrfach fährt das Paar zu großen Reenactment-Treffen. „Man sitzt und kocht zusammen, spielt geschichtliche Stationen nach – und praktiziert auch Völkerverständigung. Denn unter den 900 bis 1000 Teilnehmern allein in Fulda sind viele Gäste aus Amerika oder England. Es ist stets wie ein großes Familientreffen.“

Schade findet es Chantal Sophie Martin, „dass es in Ahaus noch kein solches Treffen gibt. Die Schlossanlage mitten in der Stadt – sie wäre eine wahrhaft geeignete Kulisse.“

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