Do., 30.10.2014

Ehemaliger Stasi-Gefangener Peter Keud berichtet „Ich war Nummer 13-1“

Gut gefüllt waren die Räume im beim Vortrag von Peter Keup, zu dem Volkshochschule und Driland-Kolleg am Dienstagabend eingeladen hatten. Das Publikum hörte gespannt zu – und stellte am Ende reichlich Fragen.

Gut gefüllt waren die Räume im beim Vortrag von Peter Keup, zu dem Volkshochschule und Driland-Kolleg am Dienstagabend eingeladen hatten. Das Publikum hörte gespannt zu – und stellte am Ende reichlich Fragen. Foto: Lukas Wiedau

Gronau - 

In einem eindrucksvollen Vortrag berichtete Zeitzeuge Peter Keud am Dienstagabend von seinem Leben in der DDR, seinem gescheiterten Fluchtversuch, beklemmenden Lebensabschnitten in Stasi-Gefangenschaft und seiner Ankunft in der BRD.

Von Lukas Wiedau

Wie er die psychische Belastung der Stasi-Gefangenschaft verarbeite, war eine der viele Fragen nach dem mitunter beklemmend intensiven Vortrag von Peter Keup. „Durch Vorträge dieser Art“, gab der Referent zurück. Das war zu spüren.

Von der BRD in die DDR

Keup, Jahrgang ´58, berichtete eindringlich vom System DDR und dem Schicksal, das ihn damit verbindet. Die Eltern stammen aus Essen, der Vater, überzeugter Kommunist, verlies die BRD 1956, als die KPD verboten wurde, Keups Mutter folgte ihm ein Jahr später. Seine ersten Erinnerungen gehen auf die anfangs noch möglichen Besuche der Großeltern zurück – und die tränenreichen Verabschiedungen, dem Unwissen geschuldet, ob Besuche weiterhin möglich sein würden.

Leben in der DDR

Während der Schulzeit wurde Keup erstmalig wirklich bewusst, dass ihm der Staat die Welt anders zu erklären versuchte, als er sie aus den Erzählungen seiner Großeltern kannte. Die Mauer als anti-imperialistischer Schutzwall, die BRD als Klassenfeind – was zunächst plausibel klang, stellte ihn zunehmend vor Fragen. Spätestens in der Pubertät konnte er den Zustand nicht mehr hinnehmen. Doch „aufbegehren gegen das System, das ging nicht“.

Peter Keud.

Peter Keud. Foto: Lukas Wiedau

In den 1970er Jahren wurden den Großeltern die Besuche mit all den Kontrollen und schikanierenden Wartezeiten zu strapaziös. Umgekehrt wurden Besuchsanträge für die BRD abgelehnt. Ebenso wie der mütterliche Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft.

Ein Ausreiseantrag wurde gestellt – mit schwerwiegenden Folgen. Nach Bekanntwerden dieses „Wunsches“ wurde er in der Schule des „Verrats“ bezichtigt, ihm nahegelegt, dass er keinen Abschluss machen könne, es sei denn, er ließe sich von einer anderen Familie adoptieren.

Peter Keud fasst einen Entschluss

Auch Sport durfte er auf den öffentlichen Anlagen nicht mehr treiben. Er verlegte das exzessive Hobby in den privaten, in den apolitischen Raum. Durchaus erfolgreich. Ein dritter Platz bei einer Tanz-Nationalmeisterschaft sicherte ihm den Platz in der DDR-Nationalmannschaft. Eigentlich. Bekommen hätte er ihn nur, wenn der Ausreiseantrag zurückgezogen worden wäre. Keine Schule, kein Studium, kein Sport. Ab hier war für Keup klar: „Ich darf hier nichts, stoße immer wieder an die vom Staat gezogenen Grenzen. Ich hau´ ab!“ Nur die Mutter erfährt davon. Und ihr Bekannter, der seinerseits an Fluchtplänen gearbeitet und ein Stück der ungarisch-österreichischen Grenzen observiert hatte. Hier sollte es über einen Fluss in die Freiheit gehen.

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Ich darf hier nichts, stoße immer wieder an die vom Staat gezogenen Grenzen. Ich hau´ ab!

Peter Keud

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Im Zug scheitert sein Fluchtversuch - Keud wird verhört

In der Elbe („damals eine Kloake“) trainierten sie und reisten getrennt ab. Als 22-Jähriger setzte Keup sich in einen Zug Richtung Ungarn, um sich bis zur verabredeten Zeit an den vereinbarten Treffpunkt durchzuschlagen. Eine fehlende Rückfahrkarte wird ihm auf dem Weg nach Ungarn zum Verhängnis. Aus dem Zug wurde er in einen dunklen Raum geführt, zwei Tage verhört – von wechselndem Personal mit der immer gleiche Frage gelöchert: „Wollten sie die DDR ungesetzlich verlassen?“ Schlaflosigkeit und Durst trieben ihn zum Geständnis. In Handschellen ging es per Lieferwagen an einen unbekannten Ort. „Ich wurde nur noch mit einer Nummer angesprochen, ich war 13-1 und wurde behandelt, als wäre ich gar nicht da.“ Fragen wurden nicht beantwortet.

Ein Film mit starken Bildern

An dieser Stelle lässt Keup einen Film sprechen (Youtube, Stichwort: „Peter Keup - Ich wollte weg“), der 2009 bei seinem Besuch im Dresdener Stasi-Gefängnis gedreht wurde. Äußerst sensibel, informativ und offen erzählt er von Isolationshaft, kleinen Außenhöfen, dem Verlust von Schamgefühl nach wiederkehrenden Leibesvisitationen und davon, wie ihn der Blick auf ein kleines Stück Himmel an die Existenz des Lebens außerhalb der Gefangenschaft erinnerte. Die Besuche der Mutter brachten ein kleines Stück Normalität, berühren durften sich die beiden aber nicht, ebenso wenig durfte sie Keup sagen, wo er sich befindet.

Weil er in Filmen gesehen hatte, dass Gefangene oft einen Anwalt verlangen, dachte er: „Das probiere ich auch mal“ und bekam einen Tag vor seiner Verhandlung einen Pflichtverteidiger gestellt, dem er alles überlassen sollte. Die Tat sei verabscheuungswürdig, sagte dieser, doch in Anbetracht der Tatsache, dass Keup noch nie straffällig geworden war, sollte man ihn milde behandeln. Das Ergebnis: zehn Monate Strafvollzug. „Bis zu sechs Jahre wären für einen Fluchtversuch theoretisch möglich gewesen.“

Isolationshaft, Leibesvisitationen und überheizte Zellen

Für den Strafvollzug ging es nach Cottbus. Dort herrschten Chaos, überfüllte Räume und ein lautes, aggressives Durcheinander. Das komplette Gegenteil der bisherigen Gefangenschaft.

Dann ging es wieder an einen ihm unbekannten Ort, Karl-Marx-Stadt bzw. Chemnitz, wie er heute weiß. Dort saß er mit vier Mithäftlingen auf engstem Raum, ohne Freigang, bei permanentem Licht in einer überheizten Zelle. Weil die Gefangenen das Geld ausgeben mussten, dass sie bei der Arbeit verdient hatten, kauften sie Zigaretten und rauchten in der Zelle – immer dann, wenn sie nicht versuchten, zu schlafen. Das Essen sei fettig gewesen. Wohl deshalb, damit er bei einem Verkauf an die BRD einigermaßen „vorzeigbar“ aussehe. Über 56 Kilo schaffte er es aber nicht.

Das Ende der Haftstrafe: Ein „West-Bus“ in die BRD

Gegen Ende seiner Haftstrafe wurde er dann vor die Wahl gestellt: Wiedereingliederung oder Staatenlosigkeit und Ausreise. „Das war ein unbehagliches Gefühl“, schilderte er seine Ängste. Trotzdem unterschrieb er für die Staatenlosigkeit. Auf dem Hof wartete ein „West-Bus“ mit Dr. Wolfgang Vogel, der Keup in den Grenzbereich brachte. Die mitfahrenden Stasi-Beamten stiegen erst kurz vor der Grenze aus, die Schlagbäume „öffneten sich wie von Geisterhand“, und plötzlich war Keup im Westen, bekam Begrüßungsgeld und Kleidung und wurde von den westlichen Geheimdiensten gecheckt. 100 000 D-Mark zahlte die BRD für seine Freiheit.

Beim ersten Telefonat mit der Oma flossen Tränen. Bis Keup sagte: „Oma, lass uns aufhören, koch lieber etwas Leckeres. Ich steige jetzt in den Zug und bis in zweieinhalb Stunden in Essen.“ Dort sahen sie sich wieder. Und dort wohnt Keup noch heute. Weit weg, von den Geschehnissen, wie er sagt. Sein schlimmster Albtraum: Dass die Mauer eines Morgens wieder da ist, und er auf der „falschen“ Seite aufwacht.

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