Sa., 24.01.2015

Interview zum Thema Inklusion „Jeder Mensch ist gleich viel wert“

Helmut Seifen an seinem Schreibtisch im Werner-von-Siemens-Gymnasium: „Das mehrgliedrige Schulsystem einschließlich seiner Förderschulen ist das beste Programm der ,individuellen Förderung‘, das es auf der Welt gibt.“

Helmut Seifen an seinem Schreibtisch im Werner-von-Siemens-Gymnasium: „Das mehrgliedrige Schulsystem einschließlich seiner Förderschulen ist das beste Programm der ,individuellen Förderung‘, das es auf der Welt gibt.“ Foto: Laerbusch

Gronau - 

Inklusion ist das Stichwort. Nach wie vor ist es umstritten, ob der gemeinsame Unterricht an einer weiterführenden Schule für Kinder mit und ohne Behinderung der richtige Weg ist. Gibt es überhaupt wirklich gemeinsamen Unterricht? Profitieren die Kinder? Oder ist genau das Gegenteil der Fall? WN-Redakteurin Bettina Laerbusch sprach mit Helmut Seifen, dem Leiter des Werner-von-Siemens-Gymnasiums.

Helmut Seifen leitet das Werner-von-Siemens-Gymnasium. Auch an seiner Schule werden Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf unterrichtet. Inklusion ist das Stichwort. Nach wie vor ist es umstritten, ob der gemeinsame Unterricht an einer weiterführenden Schule für Kinder mit und ohne Behinderung der richtige Weg ist. Gibt es überhaupt wirklich gemeinsamen Unterricht? Profitieren die Kinder? Oder ist genau das Gegenteil der Fall? WN-Redakteurin Bettina Laerbusch sprach mit Helmut Seifen.

Inklusion – welche Schlagworte kommen Ihnen da zuallererst in den Sinn?

Helmut Seifen: Unvernunft und Paradoxie.

Warum diese?

Seifen: Weil der Inklusion eine völlig verquere Vorstellung des Aufklärungs- und Humanitätsgedanken zugrunde liegt.

Was besagt der Aufklärungs- und Humanitätsgedanke denn Ihrer Meinung nach?

Seifen: Dass die Menschen, so wie sie sind, alle die gleiche Würde haben. Jeder hat das Recht, Bildung zu erfahren, die ihn zu einem selbstbestimmten Leben befähigt.

Und das ist mit der Inklusion an weiterführenden Schulen nicht möglich?

Seifen: Nein, die Inklusion geht davon aus, dass alle Menschen denselben Weg gehen sollen. Das verlangt der Humanitätsgedanke überhaupt nicht. Die Verantwortlichen früherer Zeiten haben aus dieser Sicht heraus für unterschiedliche Begabungen unterschiedliche Bildungsgänge entwickelt. Das nicht aus dem Grund, zu diskriminieren oder zu selektieren, sondern sie haben unterschiedlich begabte Schüler lediglich auf Zeit separiert, damit die unterschiedlichen Begabungen zu ihrem Recht kommen. Und zwar aus dem Bewusstsein heraus, dass jeder Mensch, egal welche Schule er besucht und welchen Schulabschluss er hat, gleich viel wert ist und zu einem selbstbestimmten Leben befähigt werden muss.

Ist die Inklusion Ihrer Meinung nach nur an Gymnasien frommer Wunsch oder auch an Real,- Haupt- oder Gesamtschulen?

Seifen: Eine Regelschule schafft Zielgleichheit untereinander, die zum gleichen Abschluss führt. Das gilt für die Haupt- und Realschule, die Gesamt- und Sekundarschule genauso wie für das Gymnasium. Bei körperlicher Einschränkung ist das natürlich überhaupt kein Problem. Doch überall dort, wo der Förderbedarf so hoch ist, dass das Kind auf keinen Fall den Abschluss der jeweiligen Schule erreichen kann, ist es praktisch nicht möglich, diesem Schüler gerecht zu werden. Es macht keinen Sinn, ihn auf einer Regelschule zu unterrichten, weil es unmöglich ist, effizienten Unterricht so breit anzulegen. Wer dies glaubt, hat offensichtlich falsche Vorstellung von dem, was Unterricht zu leisten hat.

Aber es gibt Förderlehrer an den Regelschulen.

Seifen: Ich nenne Ihnen ein Beispiel (zeigt zwei verschiedene Arbeitsblätter, Anm. der Redaktion). Das sind Arbeitsblätter des Faches Biologie für die fünfte Klasse: Die einen Schüler beschäftigen sich mit Populationsgrößen von Tieren in einem bestimmten Raum, beschreiben z. B. anspruchsvolle Diagramme; die anderen haben ein Blatt vor sich, auf dem sie Körperteile eines Tieres benennen. Inklusion bedeutet hier: Die Kinder sitzen gemeinsam in einem Raum, beschäftigen sich zwar auch gemeinsam mit Tieren, vollziehen aber vollkommen andere geistige Prozesse.

Glauben Sie, dass die Kinder merken, dass sie unterschiedlich behandelt werden, sind sie, sagen wir mal, deshalb traurig?

Seifen: Das weiß ich nicht. Sie werden von den Lehren auf jeden Fall wertschätzend behandelt. Ob das innerhalb der Klassengruppe so ist, kann ich nicht abschließend beurteilen. Klagen habe ich aber noch nicht gehört.

Was sagen Sie Eltern, die gerne möchten, dass ihr Kind mit der Freundin oder dem Freund aus der Grundschule auch zur weiterführenden Schule geht, oder aber, dass es nach wie vor am Wohnort unterrichtet werden soll, an dem es vielleicht gar keine Förderschule gibt?

Seifen: Schule ist letztlich nicht dafür da, ohne Rücksicht auf andere wichtige Entscheidungskriterien, Freundschaften der Kinder zu bewahren. Man beobachtet durchaus, dass Freundschaften aus der Grundschule auseinandergehen, wenn auch die Interessen auseinandergehen. Schule ist auch eine Stätte, in der Leistung erbracht wird. Von den Erwachsenen wird es zu wenig gewürdigt, dass die Schüler richtig viel arbeiten.

Aber es gibt auch Fälle, die zeigen, dass Kinder mit Handicap in einer weiterführenden Schule glücklich sind.

Seifen: Ja, es gibt Einzelfälle, bei denen es positive Verläufe gibt. Eines der Hauptprobleme ist auf der anderen Seite aber, das darf man nicht vergessen, dass Förderschulen geschlossen werden müssen. Eltern haben dann keine Wahl mehr. Und Know-how geht verloren. Denken Sie an die Förderschule in Stadtlohn , die schließen wird. Dort gibt es sogar eine eigene Bäckerei. Die Lehrer haben intensive Kontakte zu Betrieben in der Umgebung, konnten ihre Schüler über die Schule hinaus unterstützen.

Das heißt, der Weg, der schon unter Schulministerin Barbara Sommer 2008 eingeschlagen worden ist, ist falsch?

Seifen: Das ist das Gegenteil von dem, was der Aufklärungs- und Humanitätsgedanke will: jeden nach seiner Leistungsfähigkeit individuell zu fördern – dafür brauchen wir aber nicht mehr die Dorfschule von früher, in der unterschiedslos alle Begabungen in einem Raum zusammensaßen. Das mehrgliedrige Schulsystem einschließlich seiner Förderschulen ist das beste Programm der „individuellen Förderung“, das es auf der Welt gibt. Durch Meinungsführer aus Politik und Wissenschaft wird in den Medien häufig die Ansicht vertreten, dass Ungleichheit auf keinen Fall sein darf, dass jede Trennung in Gruppen etwas Diskriminierendes sei. Diese Leute meinen dann, im Sinne des Aufklärungsgedankens zu handeln. Wahre Aufklärungshaltung bestünde aber darin, diesen Standpunkt, so etwas wie absolute Gleichheit herzustellen, immer wieder in Frage zu stellen. Ich muss überlegen, ob meine Vorstellung nach wie vor richtig ist und nicht die Wirklichkeit ad absurdum oder etwa zu neuen Ungerechtigkeiten und Unfreiheiten führt. Ich bin wahnsinnig traurig, dass das menschenfreundliche, effiziente, mehrgliedrige Schulsystem wegen dieser Gleichheitsidee so schlecht geredet wird.

Da gibt es noch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, die auch Deutschland unterschrieben hat. Diese UN-Konvention fordert Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben.

Seifen: In der UN-Konvention steht unter Paragraf 5 aber auch, dass besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, nicht als Diskriminierung gelten. Die Konvention lässt also besser geeignete Bestimmungen unberührt, und dazu gehören die Förderschulen in Deutschland.

Eltern fürchten oft, dass ihr Kind geschnitten und gemobbt wird, wenn die Nachbarn wissen, es geht „nur“ zur Förderschule. Was sagen Sie denen?

Seifen: Eltern, die ihr Kind lieben – das gilt auch für die ganze Gesellschaft – respektieren es so, wie es mit seinen Begabungen daherkommt. Wir drücken Menschen ständig Etiketten auf. Ich verstehe Eltern deshalb, die nicht wollen, dass ihr Kind zur Förderschule geht. Aber wir alle sind aufgerufen, die Kinder jedweder Schulform genauso wertzuschätzen wie eines, das Abitur machen wird. Das hat etwas mit wahrer Liebe und Humanität zu tun – ich weiß, das sind große Worte. Ich bin überzeugt davon, dass diejenigen, die früher für Schule verantwortlich waren, mit dem mehrgliedrigen Schulsystem nicht menschenverachtend, sondern menschenfreundlich gehandelt haben.

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