Jürgen Becker begeistert in der Aula
Mo., 30.01.2012
Kirche, Kunst und Karneval
„Jeder Mensch ist ein Künstler“, lautete das Credo Joseph Beuys‘ (links). Jürgen Becker sieht das genauso.
Gronau -
Das schönste aller Bilder gibt‘s zum Schluss: „Es ist noch keinem Künstler gelungen, soviel Schicksal auf einem Bild einzufangen“, sagt Jürgen Becker, als er sich einen leeren Bilderrahmen vors Gesicht hält – verkehrt herum, wohlgemerkt.
|
|
Nach einem zweistündigen Parforce-Ritt durch Kunst-, Kultur- und Religionsgeschichte des Abendlandes, gespickt mit Lebensweisheiten, Zoten und einer satten Portion Katholizismus-Kritik, dreht Becker den Spieß um: Der Mann auf der Bühne macht sich zum Betrachter, im Rahmen sieht er sein Publikum. Mit Grund: „Sie sind das Wichtigste“, erklärt er. „Ohne Sie fällt hier alles aus.“ Kurz gesagt: Ohne Publikum keine Kunst – keine Kleinkunst zumal.
„Der Künstler ist anwesend“, heißt das aktuelle Programm des Kölner Kabarettisten. Dabei bevölkert sich die Bühne neben Becker als Alleinunterhalter im Nu mit großen Namen. 115 Bilder wirft er im Laufe des Abends per Beamer auf eine Leinwand, darunter weltberühmte Gemälde, aber auch Fotos aus den Höhlen von Lascaux und von architektonischen Schätzen – auch wenn sie mitunter zweifelhafter Natur sind, wie etwa das ehemalige Ausflugslokal auf dem Loreley-Felsen. Dass Becker dabei mit erstaunlichen Detailkenntnissen zu Kunst- und Religionshistorie aufwartet, mag überraschen. Dass er praktisch ohne Punkt und Komma „von Hölzchen auf Stöckchen“ redet und sein Publikum mit beidem nahezu übersättigt, merkt er schließlich selbst. „Ach, Sie kommen gar nicht zum Klatschen, ich lass‘ Sie gar nicht zwischen“, entschuldigt er sich irgendwann.
Kunst sei Spielen, erklärt er, ganz im Sinne des 1986 verstorbenen Joseph Beuys. Und: „Spielen heißt immer Überleben-Üben.“ Wer wüsste das besser als Becker selbst, vergegenwärtigt man sich die Biografie des 52-Jährigen, nachzulesen auf seiner Homepage.
Dafür, dass die durchaus ernst gemeinte Botschaft „Jeder Mensch ist ein Künstler“ nicht allzu bierernst rüberkommt, sorgt die Becker eigene Süffisanz rheinischer Prägung, die selbst bei schärfsten Spitzen noch eine weiche Färbung erhält. Etwa, wenn er erklärt, wie die Katholische Kirche beim Konzil von Konstantinopel zum Heiligen Geist kam:
Auf das Trifolium (dreiblättriges Kleeblatt) aus Gott, „Zimmermanns Jupp singe Jung“ und Heiliger Geist sei man verfallen, weil es die alten Griechen und Römer bereits so gemacht hätten: Zeus, Hera und Athene, abgelöst von Jupiter, Juno, Minerva. Im Kölner Karneval heiße das: Prinz, Bauer, Jungfrau. „Und im privaten Bereich ‚Suffe, Poppe, Kaate kloppe‘.“ Der Kölner könne ohnehin nicht zwischen Frühmesse und Frühschoppen unterscheiden, weshalb das umstrittene Richter-Fenster im Kölner Dom wohl auch an die farbigen Butzenscheiben der legendären Szene-Kneipe „Lommerzheim“ erinnere.
Dabei scheut sich Becker nicht, den früheren Kölner Erzbischof „Kanal Meißner“ mit seinem unseligen Kommentar, „Jede Kunst ohne Gottesbezug ist entartet“ zu zitieren oder Bilder zu zeigen, die auch heute noch als obszön wahrgenommen werden, wie „Die Erschaffung der Welt“ von Gustave Corbet mit der großformatigen, naturgetreuen Darstellung eines weiblichen Unterleibs. „Ich würd‘s mir nicht ins Wohnzimmer hängen“, gesteht er. Seine Frau hätte wohl auch etwas dagegen.
Am Ende triumphiere die Kunst doch über die Religion – abzulesen an den Relikten griechischer und römischer Kultur. Die Götter sind tot, die Kunst bevölkert Museen. Oder etwa das 1926 entstandene und damals heftig umstrittene Gemälde des Autodidakten Max Ernst: „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Max Elouard und dem Maler“, brachte Ernst den Ausschluss aus der Kirche ein. Bezeichnenderweise gibt es dieses Bild bei Becker nicht per Beamer, sondern als hochwertige Kopie auf Leinwand. „Das Original kostet heute 55 Millionen Euro.“
Standort
|
|
Inserieren
WN-Jobs Anzeigen
Ihr Jobportal für unbefristete und befristete Stellenangebote aus dem Münsterland
