Do., 08.11.2012

„Gold für einen Klumpen Stein“ Bürgerverein „Dinkelaue“ legt Augenmerk auf die Neubewertung des Rathauses

„Gold für einen Klumpen Stein“ : Bürgerverein „Dinkelaue“ legt Augenmerk auf die Neubewertung des Rathauses

Stefan Rethfeld arbeitete in seinem Vortrag das Besondere und Unverwechselbare des Deilmann-Stils hervor. Foto: swb

Gronau - 

Ist das Gronauer Rathaus nur eine marode, abbruchreife Energieschleuder oder ein erhaltenswertes Gesamtkunstwerk? Im Februar hatte der Rat den Abriss beschlossen. Einen kollektiven Aufschrei des Entsetzens aus der Bevölkerung verursachte diese Entscheidung nicht. Blieb es ruhig, „weil das Rathaus nie im Herzen der Gronauer angekommen ist?“, wie der stellvertretende Bürgermeister Rainer Doetkotte mutmaßte. Oder liegt es daran, dass Gebäude der Väter- und Großvätergeneration nie beliebt gewesen seien. Das jedenfalls gab ein Besucher der vom Bürgerverein „Dinkelaue“ als Anstoß zur Rathausneubewertung initiierten Veranstaltung zu bedenken. Die Kunstgeschichte, meinte er, kenne viele solcher Beispiele, daher gelte es jetzt, besonnen abzuwarten. In Gronau seien Gebäudeabrisse schließlich schon häufiger bedauert worden.

Von Sigrid Winkler-Borck

Auch der Bürgerverein möchte noch abwarten und hat, so Vorsitzende Anke Engels, sein Hauptaugenmerk erst einmal auf die Neubewertung des Gebäudes gelegt. Dass das von Architekt Harald Deilmann (1920 – 2008) Anfang der 70er-Jahre geplante Rathaus bauliche Mängel hat und eine „energetische Katastrophe“ ist, bleibt für Engels unbestritten. Dennoch legt sie nahe, über eine Weiterentwicklung aus dem Bestand heraus nachzudenken. Was Gronau eigentlich an seinem Rathaus hat, darüber referierte der Architekt und Journalist Stefan Rethfeld . Er ist ein profunder Kenner des Deilmann‘schen Werkes. Zurzeit arbeitet er an seiner Promotion über den münsterischen Architekten. Anhand zahlreicher Beispiele arbeitete Rethfeld detailliert das Besondere, Unverwechselbare des Deilmann-Stils heraus. „Damals in einem utopiereichen Umfeld entstanden, wirkt es heute wie aus einer fernen Zeit.“ Es waren die Boomjahrzehnte. Beim heutigen pragmatischen Realismus bleibe wenig Raum für Poesie und Experiment, meinte der Referent. Überhaupt, ließ Rethfeld wissen, sind in der Fachwelt aktuell Gebäude der 60/70er-Jahre in ihrer großen Bandbreite und mit ihren uneinheitlichen Einflüssen wichtige Themen. Jene nicht mehr rein funktionalen Gebäude mit ihrem neuen Raumverständnis, bei denen unverwechselbare Architektur und bauzeitliche Ausstattung zusammengehören wie beim Gronauer Rathaus, rücken immer stärker in den Fokus. Rethfelds Ausführungen ließen das Rathaus in einem neuen Licht erscheinen. Dagegen setzte Rainer Doetkotte, dass das Gebäude nie abgenommen worden ist. „Die baulichen Mängel hat man nie in den Griff bekommen“, sagte er. Gegen den Deilmannbau spräche auch, dass die Großraumbüros nicht mit dem erforderlichen Datenschutz vereinbar seien und das Gebäude für die Gesamtheit der städtischen Ämter zu klein sei. „Es gibt einen Renovierungsstau“, gab Doet­kotte unumwunden zu. Da aber auch ein finanzielles Fiasko vermieden werden soll, ist für Doetkotte der Abriss des Rathauses zurzeit keine unumstößliche Tatsache. Rethfeld entkräftete das oft vorgebrachte Argument, aus Urheberschutzgründen dürfe das Rathaus von außen nicht verändert werden. Er glaube, dass die Deilmann-Erben einem Anbau im Sinne Deilmanns zustimmen würden. Nach den ursprünglichen Plänen hätten zu dem Komplex schließlich auch eine Stadthalle und eine Polizeiwache gehört. Der Architekt und gebürtige Eperaner Thomas Knüvener betonte, dass nachhaltiges Bauen auch Arbeit mit dem vorhandenen Gebäudebestand und Besinnung auf das Erbe bedeute. Er bemängelte das für den Ratsbeschluss entscheidende Gutachten, das in erster Linie die Kosten zugrunde legt, aber „nicht auf den kulturellen Wert des Gebäudes eingeht“. Auch aus dem Publikum wurde kritisiert, dass es nur ein einziges Gutachten gibt, auf dem eine so weitreichende Entscheidung wie der Abriss des Rathauses basiert. Die Gronauer gäben mit dem Abriss des Rathauses „Gold für einen Klumpen Stein“, so Rethfeld. Er empfahl zunächst einen Antrag auf Weiterentwicklung des Rathauses bei der Regionale 2016 einzureichen. Baurat Vetter, so Rethfeld, sei doch Regionale-Beauftragter.

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