Geschichtliche Nachbetrachtung, 2. Teil
Die Entdeckung des Gronausaurus

Gronau -

Vor einem Jahrhundert war die heutige Schieferkuhle eine offene tiefe Grube, in der für die angrenzende Dampfziegelei der Unternehmer Gerdemann und Bertelsmann Ton abgebaut wurde. Die dort zutage tretenden Erdschichten erwiesen sich aufgrund zahlreicher, manchmal spektakulärer Fossilienfunde als bedeutendes Fenster in einen Abschnitt der Erdgeschichte, der bis zu 140 Millionen Jahre zurückliegt. Das 1912 dort gefundene fast vollständige Skelett des Brancasaurus, ein über drei Meter langer Schlangenhalssaurier, war lange Zeit das Top-Ausstellungsstück des Geologischen Museums in Münster, und auch andere hiesige Funde machten vor 100 Jahren in der wissenschaftlichen Welt der Paläontologen von sich reden. In Gronau entstand vor dem Ersten Weltkrieg ein Museum mit einem geologisch-paläontologischen Schwerpunkt, welches in der aufstrebenden Industriestadt durchaus auf Interesse stieß. Für lange Zeit kaum beachtet, wurde im Geologischen Institut in Münster 1912 ein weiterer Gronauer Saurier-Skelettfund: der nun seit 2013 offiziell als solcher bezeichnete Gronausaurus.

Sonntag, 09.06.2013, 10:06 Uhr

Es folgten der Erste Weltkrieg und die Anfänge der Weimarer Republik, die zunächst einmal durch die Wirtschaftskrise des Deutschen Reichs geprägt waren. In Gronau fristete das nun völlig unterfinanzierte Museum, bis zum ersten Weltkrieg der Stolz der Gronauer Bürgerschaft, ein Schattendasein. Die geologisch-paläontologische „Versteinerungssammlung“ in insgesamt neun Vitrinen wanderte zunächst auf die Gallerie der städtischen Turnhalle und 1926 in einen Flur der Oberrealschule. Dann war man auch in Gronau in den „Goldenen Zwanzigern“ angekommen, und nun schauten die Stadtoberen beeindruckt auf den Ausbau von Museen, insbesondere Heimatmuseen in anderen westfälischen Städten, und bemerkten, dass „Kunst und Wissenschaft, weil sie der Allgemeinheit dienen“, auch in Gronau gefördert werden sollten.

1930 bot sich die Gelegenheit, die von der Evangelischen Kirche als solche aufgegebene Schillerschule im Stadtzentrum als Museum einzurichten, und als dieses im Oktober 1931 mit einem Schwerpunkt im Bereich der „Bodenaltertümer“ fertiggestellt war, konnten schon am Eröffnungstag über 1000 Besucher verzeichnet werden. Leider mussten diese Räumlichkeiten bereits 1937 geräumt werden, womit für die musealen Bestände eine desaströse Odyssee über die Dachböden verschiedener Gronauer Schulen eingeleitet wurde, die letztendlich ein halbes Jahrhundert andauern sollte.

Es war daher schon ein kleines Wunder, dass insbesondere die fossilen Bestände den zerstörerischen Zweiten Weltkrieg und den kaum weniger verheerenden Umgang mit den Museums- und Archivbeständen bis in die 80er-Jahre vermutlich vollständig überdauerten. Seit den 50er-Jahren drängte und pochte der Heimatverein immer wieder auf die Einrichtung einer städtischen Institution für Archiv und Museum, man verwies zurecht auf den sich ständig verschlechternden Zustand des Materials. Aber in Gronau sah man sich bald vor andere Aufgaben gestellt, zunächst die, eine zwar marode, aber sicherlich aus heutiger Sicht nicht wertlose historisch gewachsene Innenstadt samt (ehemaligem) Schloss und alter Kirche einzuebnen und komplett zu ersetzen. Immerhin kam es bei der Ausschachtung der großen Baugruben zu weiteren beachtlichen Bodenfunden, die zum Teil heute im Drilandmuseum ausgestellt sind.

Letzteres entwickelte sich dann doch auf Betreiben des Heimatvereins und mit fachlicher und finanzieller Hilfe der Museums- und Archivämter (LWL) in Münster in den 80er-Jahren zu einem Projekt der Stadt Gronau, nachdem der Rat 1980 die Errichtung eines Museums mit den Schwerpunkten Heimatkunde und Geologie beschlossen hatte. Bis 1988 entstand im Bereich des ehemaligen Rathauses, zum ersten Mal in der Geschichte Gronaus, ein „echtes“ Museum mit einer fachgerechten Ausstellungsstruktur und mit zumindest über einige Jahre fest angestelltem Fachpersonal. Der Schwerpunkt lag folgerichtig wieder im geologisch-paläontologischen Bereich, und jetzt stand der Brancasaurus in ganzer Pracht als lebensechte Nachbildung im Mittelpunkt der Dauerausstellung. Die treibende Kraft für diese Konzeption war der Gronauer Geologe Dr. Lennart Schleicher , der sich damals bereits seit Jahrzehnten und mit wertvollen Ergebnissen der Gronauer Stadtarchäologie verschrieben hatte. Überdies mit paläontologischer Kompetenz ausgestattet, befasste auch er sich mit den Lebenswelten der Unterkreide und selbstverständlich mit den Gronauer Schwimmsauriern.

Mittlerweile war in Münster der 1912 als Glanzstück des Geologischen Museums so prächtig aufgestellte Brancasaurus in 2000 Stücke zerfallen, wurde von 1952 bis 1954 aber technisch besser und noch beeindruckender wieder zusammengesetzt und in eine Vitrine gehängt. Beschrieben wurde Brancasaurus in seiner neuen Präsentation 1961 noch einmal von dem Museumsmitarbeiter Paul Siegfried, der dann den Gronauer Schubladensaurus (heute Gronausaurus) eher beiläufig als gleichartigen Brancasaurus einordnete. Als solcher zog das Skelett 1991 für ein zweijähriges Gastspiel in das Gronauer Drilandmuseum ein und wurde dort eher im Schatten des „großen“ Brancasaurus präsentiert.

1995 holte Dr. Schleicher den heutigen Gronausaurus noch einmal in das Drilandmuseum und diesmal auch gleich den Bonner Paläontologen und Leiter des dortigen Museums Prof. Dr. Martin Sander mit zwei weiteren Kollegen, um neue Untersuchungen an dem Skelett zu betreiben. Auslöser war die Vermutung Dr. Schleichers, dass es sich eben nicht um ein Exemplar der Art Brancasaurus handelte, die dieser dann auch in mehreren kleinen Schriften vertrat. Auch wenn damals keine neue Klassifikation dieses Sauriers erfolgte, wurde das Interesse daran geweckt und die offene Frage zur Klärung in den wissenschaftlichen Raum gestellt. Der Experte für paläontologische Wirbeltiere des Naturkundemuseums Berlin, Dr. Oliver Hampe, führte auf Basis eigener Untersuchungen in Münster den Nachweis einer eigenständigen Art und benannte diese als „Gronausaurus wegneri“ nach dem Fundort und dem Entdecker, dem Paläontologen Theodor Wegner. Die Publikation der Expertise enthält auch einen Verweis auf Dr. Schleicher und dessen Untersuchungsergebnisse.

Von 1991 bis 1993 und dann noch einmal 1995 „besuchte“ der heutige Gronausaurus seinen Heimatort. Im Bild Dr. Lennart Schleicher, der im Drilandmuseum der Stadt Gronau das Exemplar untersuchte.

Von 1991 bis 1993 und dann noch einmal 1995 „besuchte“ der heutige Gronausaurus seinen Heimatort. Im Bild Dr. Lennart Schleicher, der im Drilandmuseum der Stadt Gronau das Exemplar untersuchte. Foto: Klaus Wiedau

So blieb der Stadt Gronau mit ihrer über 100-jährigen und manchmal durchaus ruhmreichen geologisch-paläontologischen Forschungsgeschichte zunächst einmal ein See, der dieses einst bedeutende, jetzt versunkene Fenster in die Erdgeschichte bedeckt. Die Schieferkuhle ist seit 1990 eines der wichtigsten der insgesamt 47 paläontologischen Bodendenkmale im westfälisch-lippischen Raum und als solches unter Schutz gestellt, der formell und fachlich durch das LWL-Museum für Naturkunde in Münster sichergestellt wird. Mittlerweile lässt sich im Internet besichtigen, was sich im Laufe der Jahrzehnte noch alles auf dem tiefen Grund angesammelt hat.

Ein zweites Vermächtnis dieser Gronauer Forschungsgeschichte ist das seit 2001 wieder vom Heimatverein Gronau betreute Drilandmuseum, in dem heute den Gronauer Schülern neben stadtgeschichtlichen Themen sehr anschaulich erklärt werden kann, warum sich immer noch Krokodile, Haifische, Schildkröten und Saurier in der Gronauer Erde befinden, und sicherlich nicht nur das. Leider ist die einstige Förderung dieser Bildungsstätte nach und nach ausgeblieben, was für die Verwaltung der Bestände und die weitere Entwicklung der Ausstellungskonzeption kaum förderlich ist.

Und zu guter Letzt nun, dank des wissenschaftlichen Vorstoß’ Dr. Hampes, hat die Stadt ihren Gronausaurus. Dessen Name erinnert, ebenfalls dank des Paläontologen, nun für immer auch an eine eigenständige Tradition der Forschung und Wissensvermittlung in dieser Stadt. Der Gronausaurus wird in den kommenden Wochen und Monaten sowohl in Gronau wie auch ringsumher als wissenschaftlicher Neuzugang noch von sich reden machen. Die Frage ist, ob wir ihn danach wieder in die Schieferkuhle schicken oder aber mit ihm, in welcher Form auch immer, das Interesse für über Gronau weit hinausreichende geschichtlich-naturkundliche Themenfelder hier vor Ort wecken und fördern, wie eigentlich schon vor einem Jahrhundert geschehen.

Die Gronauer Schieferkuhle ist seit 1990 ein Paläontologisches Bodendenkmal, das als wichtigste Fundstätte für Wirbeltiere aus der Wende vom Jura zur Kreidezeit unter Schutz gestellt wurde.

Die Gronauer Schieferkuhle ist seit 1990 ein Paläontologisches Bodendenkmal, das als wichtigste Fundstätte für Wirbeltiere aus der Wende vom Jura zur Kreidezeit unter Schutz gestellt wurde. Foto: Gerhard Lippert

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