Wissenschaftliche Nachbetrachtung
Die einzigartige Entdeckung des Gronausaurus

Gronau -

Nach 101 Jahren ist es seit kurzem amtlich: Das 1912 im Gronauer Tonschlamm entdeckte Saurierskelett ist das einzigartige Exemplar der Saurierart Gronausaurus wegneri. Eine wissenschaftliche Nachbetrachtung.

Samstag, 01.06.2013, 15:06 Uhr

Einhundert Jahre nach der Entdeckung im Gronauer Tonschlamm im Jahr 1912, nach einem Jahrhundert wissenschaftlich behütetem Schlaf in einer Schublade und zwei Jahrzehnte nach einem mehrjährigem Gastspiel im Gronauer Drilandmuseum ist es nun amtlich und offiziell: Das Skelett gehörte dem besonderen und bis jetzt einzigartigen Exemplar einer Saurierart, die international nun ab sofort als Gronausaurus wegneri bezeichnet wird. Damit schließt Gronausaurus heute zu seinen wissenschaftlichen Bruder auf, dem zwei Jahre zuvor 1910 an derselben Stelle entdeckten Brancasaurus brancai, der aber schon damals als einziges vollständig erhaltenes Skelett dieser Art weltweite Beachtung fand.

Die beiden Schwimmsaurier lebten vor zirka 138 Millionen Jahren im Meerwasser einer tropischen Küstenregion, die sich im Laufe von über einhundert Millionen Jahren zu unserer heutigen Landschaft entwickelte. Ihre Entdeckung und zudem die einer beachtlichen Reihe weiterer urzeitlicher Lebewesen verdanken wir zunächst dem vor 100 Jahren in der sogenannten Gerdemannschen Ziegelei bis in 40 Meter Erdtiefe betriebenen Tonabbau, darüber hinaus aber auch und unter anderem dem bemerkenswerten Engagement Gronauer Forscher und Förderer. 

Die Gerdemannsche Tongrube, heute die Schieferkuhle, war noch 1907 zusammen mit der angeschlossenen Dampfziegelei eine Produktionsstätte für Tonziegel erster Güte. Internationale Bekanntheit erlangte sie jedoch als Fundstätte für Fossilien, darunter auch der Gronausaurus

Die Gerdemannsche Tongrube, heute die Schieferkuhle, war noch 1907 zusammen mit der angeschlossenen Dampfziegelei eine Produktionsstätte für Tonziegel erster Güte. Internationale Bekanntheit erlangte sie jedoch als Fundstätte für Fossilien, darunter auch der Gronausaurus:

Die Gerdemannsche Tongrube, heute die Schieferkuhle, war noch 1907 zusammen mit der angeschlossenen Dampfziegelei eine Produktionsstätte für Tonziegel erster Güte. Internationale Bekanntheit erlangte sie jedoch als Fundstätte für Fossilien, darunter auch der Gronausaurus

Gronau war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine aufstrebende Industriestadt, deren Entwicklung bis zum ersten Weltkrieg eine Blütezeit durchlief. Fast alle weiterführenden Gronauer Bildungseinrichtungen entstanden in diesen gut zehn Jahren, auch die Realschule und das Gymnasium. Deren Lehrerschaft beteiligte sich oft aktiv an der Erforschung, der Aufarbeitung und der Vermittlung des historischen und naturkundlichen Wissens über Gronau und seine Region. Ein ganz besonderes Interesse und viel Aufmerksamkeit galt der Erdgeschichte, die in Gronau nicht nur theoretisch angelesen und im Unterricht gelehrt wurde. Lehrer wie der Direktor der früheren Mädchenschule und späteren Realschule Arnold Hasenow, ein leidenschaftlicher Geologe, Zoologe und Botaniker, zogen sowohl allein als auch mit Schülern in die Natur und nahmen kleinere Ausgrabungen vor, präparierten die Funde und stellten sie in Aufsätzen der Öffentlichkeit vor.

Professor Hermann Quantz , ein von 1904 bis 1932 am Gymnasium lehrender Naturkundler, war ein Universalgelehrter der Kaiserzeit, dessen Ausbildung und Lehrtätigkeit die Fächer Botanik, Zoologie, Chemie, Mineralogie, Physik, Chemie, Erdkunde und Französisch umfasste. Er betreute naturwissenschaftliche Sammlungen und war Sachverständiger für Pflanzenuntersuchungen der Stadt Gronau, einen Teil seiner Freizeit verbrachte er mit der Erforschung und Veröffentlichung von Urkunden aus der Stadtgeschichte. Als Konservator des 1910 gegründeten Stadtmuseums sorgte er unter anderem für die Aufbereitung und Ausstellung zahlreicher Gronauer Bodenfunde, deren Umfang und Qualität man schon bald ringsumher, aber auch in der Universitätsstadt Münster mit zunehmender Aufmerksamkeit und Anerkennung begegnete.

Die Naturkunde, die Erdgeschichte wie auch die Stadtgeschichte selbst erlangten im Gronau der Kaiserzeit eine gewisse Popularität, welche die Grenzen des Bildungsbürgertums durchaus überschritt. Knochenfunde und Versteinerungen, die auf die Existenz von „Schlangenhalsdrachen“ und andere urzeitliche Wesen hindeuteten, der gewaltige Kieferzahn eines Mammuts, und auch mancherlei exotische Exponate aus aller Welt wurden im Städtischen Museum von tausenden Gronauern respektvoll bestaunt. Der Unterhalt und die Förderung dieses Museums und seiner Ausstellungen oblag daher nicht der Stadt allein, es fanden sich Sponsoren in der Unternehmerschaft, an erster Stelle Hendrik van Delden, dessen Zuwendung speziell den urgeschichtlichen Grabungsfunden galt.

Das Skelett des 1910 in Gronau geborgenen Brancasaurus wurde in einer fast zweijährigen Arbeit montiert.

Das Skelett des 1910 in Gronau geborgenen Brancasaurus wurde in einer fast zweijährigen Arbeit montiert. Foto: Stadtarchiv Gronau

Dieses Interesse teilte er mit den Herren Gerdemann und Bertelsmann , den Eigentümern der „Gronauer Tonwerke“, deren Firma im Gronauer Glanerfeld seit 1883 den Abbau von Ton und die Fabrikation von Ziegelsteinen betrieb, und zwar von einer außerordentlichen und weithin bekannten Güte. Wahrscheinlich wurde dort schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Ton abgetragen, und so entstand in den Jahrzehnten bis zum ersten Weltkrieg eine zirka 1,5 bis 2 Hektar große, bis zu mehr als 40 Meter tiefe Kuhle, die 1917 aufgegeben wurde und sich dann mit Wasser auffüllte.

Die in dieser Kuhle aufgelassenen (zu Tage tretenden) Schichten erwiesen sich als ein ergiebiges, schon bald darauf recht genau datiertes Fenster zur Erdgeschichte. Sie enthielten Spuren, versteinerte Pflanzen- und Tierreste (Fossilien) aus einer Welt, die vor zirka 135 bis 141 Millionen Jahren existierte, als die Kontinente noch nicht ihre heutige Position auf dem Globus erreicht hatten. Der Gronauer Boden bzw. jene Schichten lagen zu der Zeit zirka 1500 Kilometer weiter südlich in einem weitaus wärmeren Klima, und die Besonderheit dieses Gebiets war die Küstenlinie, die sich von Alstätte her über Gronau nach Ochtrup zog und Mündungsabschnitte von Flüssen enthielt. Weite Teile Niedersachsens und der Niederlande waren vom Meer überzogen, welches sich teilweise und in Phasen zu flachen Binnengewässern mit minderem Salzgehalt entwickelte. Die Landschaft war, abgesehen von wenigen trockenen Gebieten, überwiegend von Sümpfen, Mooren, Seen und Lagunen durchzogen, üppig bewachsen mit Moosen, Farnen und palmartigen Bäumen.

In dieser tropischen Wasser- und Landwelt tummelten sich Krokodile, Schildkröten, Krebse, Schnecken, urzeitliche Fische, Haie und Insekten.Schon die ersten fossilen Funde aus der Gronauer Schieferkuhle beeindruckten die Fachwelt. Rektor Hasenow übersandte bereits am Ende des 19. Jahrhunderts versteinerte Saurierknochen zur wissenschaftlichen Untersuchung und Bestimmung nach Münster, sein Sohn 1903 den Zahn einer ausgestorbenen Krokodilart. An den damaligen Miteigentümer der Ziegelei, Herrn Bertelsmann, erinnert die Artenbezeichnung der Schildkröte „Desmemys Bertelsmanni“, deren Vergabe 1911 auch als „gebührender Dank“ für ein Abkommen der Ziegeleibesitzer mit dem mineralogisch-geologischen Museum der Universität Münster gesehen wurde, sowohl dieses Stück wie auch folgende Funde dem Museum zu überlassen. All diese Entdeckungen fanden zudem Eingang in die wissenschaftlich anerkannten Fachzeitschriften, in denen sie als immer wieder zitierte Referenzen für spätere Klassifizierungen noch heute nachzulesen sind.

Bald waren die Arbeiter der Tongrube für die Wahrnehmung entsprechender Spuren sensibilisiert. Die immer häufiger auftretenden Funde gelangten keineswegs nur nach Münster, sondern unter anderen in das Naturmuseum in Enschede und auch in die von Professor Quantz gepflegten Sammlungen des Stadtmuseums in Gronau selbst. Trotzdem war die Grube alles andere als eine wissenschaftliche Grabungsstätte, sondern eben ein kommerzielles Ton-Abbaugebiet, und die zur Lockerung des Bodens notwendigen Sprengungen rissen oft auch spektakuläre Funde in Stücke. 

Aufnahme der Schieferkuhle aus den 20er-Jahren.

Aufnahme der Schieferkuhle aus den 20er-Jahren.:

Aufnahme der Schieferkuhle aus den 20er-Jahren.

So erging es 1910 dem nach wie vor bekanntesten Gronauer Vertreter der Paläontologie, dem Schwimmsaurier Brancasaurus brancai. Dem sofort verständigten Wissenschaftler der Universität Münster, Professor Theodor Wegner, blieb nur die Möglichkeit, die Trümmer des „Seeungeheuers“ bzw. „Schwimmdrachen“, so die Pressemeldungen aus der Zeit, in sein Institut zu retten und zu sortieren. Da es dort zu der Zeit noch keine Präparatorstelle gab, sahen sich nun die Gronauer Herren Bertelsmann und Hendrik van Delden in der Verantwortung, für 18 Monate eine entsprechende Fachkraft in Münster zu finanzieren. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: der weltweit einzige fast vollständig erhaltene Plesiosaurus wurde 1912, in seiner ganzen Länge von 3,25 Metern zusammengesetzt und auf Ständer montiert, der Öffentlichkeit präsentiert. Die wissenschaftliche Beschreibung und Vorstellung unternahm Prof. Wegner 1914.

Als dann 1912 in Gronau das Skelett eines weiteren Schwimmsauriers, diesmal ohne Kopf und Hals geborgen wurde, vermutete Prof. Wegner zwar eine andere Spezies als den zuvor klassifizierten Brancasaurus, bearbeitete aber dieses Exemplar nicht weiter. Der heutige Gronausaurus war der Gerdemannschen Tongrube in Fundstellung, also der originalen Anordnung der Knochen im Boden entnommen und verschwand in dieser Position für lange Zeit mehr oder weniger unbeachtet in einer Schublade des Münsteraner Instituts. 

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