Blickpunkt der Woche: Orgel für die Ev. Stadtkirche
Es grenzt fast an ein Wunder

Der 500. Jahrestag des Thesenanschlags durch Martin Luther wäre ein schönes Datum für die Einweihung der Orgel in der Ev. Stadtkirche gewesen. Dass der Wunschtermin Reformationstag 2017 nicht eingehalten werden kann, stellt wirklich den einzigen, kleinen Wermutstropfen in der Geschichte des Orgelprojekts der Ev. Kirchengemeinde Gronau dar. Denn die Ankündigung, dass die historische Sauer-Orgel aus der entwidmeten Elias-Kirche in Dortmund-Dorstfeld nach Gronau umsiedeln darf, grenzt fast an ein Wunder. Eine angemessene Reaktion auf dieses Ereignis wäre ein kräftiges Halleluja.

Samstag, 14.01.2017, 09:01 Uhr

Vor der Leistung von Tamás Szöcs verneigen sich sogar die Orgelpfeifen.
Vor der Leistung von Tamás Szöcs verneigen sich sogar die Orgelpfeifen. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Die Nachricht ist das Ergebnis eines hartnäckigen Dicke-Bretter-Bohrens, dessen Erfolg bis zuletzt an einem seidenen Faden hing. Die Denkmalbehörde in Dortmund und das Denkmalschutzamt des Landschaftsverbandes waren nämlich zunächst einem Ausbau der Orgel eher abgeneigt. Sie sahen in dem Instrument einen festen Bestandteil der denkmalgeschützten Elias-Kirche. Trotz eines für Gronau positiven Gutachtens ließ eine Entscheidung auf sich warten. Dabei drängte die Zeit: Bis zum Jahresende musste eine Entscheidung her – sonst wären avisierte Fördermittel verfallen.

Die Zusage erfolgte auf den letzten Drücker. Kantor und Orgelprojekt-Leiter Tamás Szöcs dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein. Gerade er hatte sich wie kein anderer dafür eingesetzt, dass die Stadtkirche eine für ihre Größe und Bedeutung angemessene Orgel erhält. Seit Jahren trommelt er – zusätzlich zu seinen Aufgaben als Kirchenmusiker und Kreiskantor – unermüdlich für dieses Ziel. Er stand an der Wiege des Orgelvereins, gewann Mitstreiter. Szöcs gelang es, durch seine freundlich-humorvolle, aber hartnäckige Art, Spenden zu generieren: Er verkaufte „Orgelwein“ und „Klangpralinen“, deren Reinerlös dem Orgel-Konto zugute kamen. Er motivierte Chöre, Musiker und Orchester, Vereine und Verbände, sich für die Orgel einzusetzen. Er bat Prominente um Unterstützung. Er regte Anlassspenden an und ging selbst mit gutem Beispiel voran, organisierte Solidaritätskonzerte und verzichte auf persönliche Geburtstagsgeschenke.

Ende 2015 waren gut 350 000 Euro auf dem Orgel-Konto; im vergangenen Jahr kamen weitere gut 60 000 Euro allein an Spenden hinzu. Und das Glück ist mit den Tüchtigen: Die 164 000 Euro aus dem Bundesprogramm zur Sanierung und Modernisierung national bedeutsamer Orgeln kamen zur richtigen Zeit. Dieser Betrag zusammen mit weiteren Fördergeldern versetzt die Gronauer in die Lage, die historische Sauer-Orgel zu erwerben und sanieren zu lassen, die Orgelempore in Gronau zu verstärken und das Instrument einzubauen.

Damit werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Erstens: Die orgelfreie Zeit in der Stadtkirche ist in absehbarer Zeit beendet. Zweitens: Die 1904 gebaute Orgel wird von einem unwürdigen Dasein als Dekostück bewahrt. Der ehemalige Kirchenraum in Dorstfeld wird nämlich zu einem Eventcenter umgebaut. Dort wäre das Instrument – der eigentlichen Funktion beraubt – auf Dauer dem Verfall anheimgefallen. Das wäre mehr als schade gewesen. Denn die Instrumente des Orgelbauers Wilhelm Sauer gelten als qualitativ hervorragend. In Sauers Werkstatt in Frankfurt (Oder) entstanden 1100 Orgeln, unter anderem für den Berliner Dom, die Leipziger Thomaskirche und die Himmelfahrtkirche in Jerusalem.

Die Orgel aus Dorstfeld wird nach der Sanierung von einer qualifizierten Firma im Winter 2018/19 in der Stadtkirche eingebaut. Dann – so die Erwartung – werden alle Renovierungsarbeiten am Kirchengebäude abgeschlossen sein, so dass das Instrument nicht gleich mit Baustaub konfrontiert wird. Und dann wird das Instrument seine auf den Kirchenraum abgestimmte Klangpracht entfalten können. Darauf dürfen sich Musikfreunde schon jetzt freuen.

Und eine ganze Reihe von Unterstützern, an der Spitze Tamás Szöcs, darf stolz auf sich sein, ein Stück Kultur bewahrt zu haben.

 

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