Sa., 27.06.2015

Spinnerei Deutschland Die letzte Spinnerei vor Ort

Firmengründer Willem Jordaan (r.) an einer Kaffeetafel. Wer die anderen Herren sind, ist nicht bekannt.

Firmengründer Willem Jordaan (r.) an einer Kaffeetafel. Wer die anderen Herren sind, ist nicht bekannt. Foto: Sammlung Vaartjes

Gronau - 

Neben der Baumwollspinnerei Gronau (1890) gab es in Gronau weitere drei Baumwollspinnereien, die mit überwiegend niederländischem Kapital gegründet wurden. Die WN stellen diese Textilbetriebe in einer Serie im Detail vor, um die Ursprünge der textilen Vergangenheit Gronaus lebendig werden zu lassen. In dieser Folge geht es um die im Jahre 1894 gegründete Spinnerei Deutschland.

Von Günter Vaartjes

Eng verbunden mit der Gronauer Textilindustrie sind neben den Familien van Delden die Namen van Heek und Jordaan. So gründete Willem Jordaan – er war beteiligt an der Westfälischen Baumwollspinnerei und der Baumwollspinnerei Gronau (BSG) – am 15. Januar 1896 an der Losserstraße die Spinnerei Deutschland und damit die letzte Spinnerei vor Ort.

Neben seinen vorherigen Tätigkeiten im textilen Geschäft war Willem Jordaan von 1890 bis 1895 zusammen mit Arnold Hermanus Jannink (1890 – 1901) Vorstandsmitglied der Baumwollspinnerei Gronau. Seine Vorstandsposition hatte er bei „Deutschland“ bis zu seinem Tod 1914 inne. Wie auch bei der BSG (Janning) wurde das Werk im Volksmund nach ihm benannt. Belegt ist das durch die damalige Telegrammadresse mit „jordaaan Gronauwestfalen“. Das Gründungskapital betrug 1 100 000 Mark.

Zweite Dampfmaschine

Nach Fertigstellung des ersten Fabrikgebäudes und Anschaffung einer 800 PS starken Dampfmaschine konnte die Produktion mit fast 30 000 Spinnspindeln aufgenommen werden. 300 Mitarbeiter fanden in den unterschiedlichsten Abteilungen – von der Aufbereitung der Baumwolle bis zum fertigen Garn – ihre Beschäftigung. Zehn Jahre später wurde die Spindelzahl auf über 36 000 erhöht. Die Erweiterung machte die Anschaffung einer zweiten Dampfmaschine erforderlich. Das Unternehmen erkannte die Notwendigkeit, auch gezwirnte Garne anzubieten und gliederte der Spinnerei 1913 eine Zwirnerei an. Die ständig wachsenden Investitionen führten 1921 zu einer Kapitalerhöhung um 2 220 000 Mark. Dazu gehörte auch die Umrüstung der Maschinen auf Einzelantriebe.

Auch die Spinnerei Deutschland blieb durch den Ersten Weltkrieg und die anschließende Inflation nicht von Produktionseinbrüchen und Betriebsstillstand verschont.

Laut Beschluss der Hauptversammlung vom 29. November 1924 wurde das Kapital von 3 300 000 Mark auf die neue Währung im Verhältnis 10:3 auf 990 000 Reichsmark umgestellt.

Eine weitere positive Entwicklung gab es 1927 mit dem Neubau eines weiteren modernen Spinnereigebäudes, direkt an der Losserstraße gelegen. Auch für diese Maßnahme war es erforderlich, eine Kapitalerhöhung auf 1 500 000 RM vorzunehmen. 1942 gab es eine Kapitalberichtigung aus Gesellschaftsmitteln um 33,33 Prozent auf 2 000 000 RM. Die Beschäftigtenzahlzahl war auf über 500 angewachsen. Verarbeitet wurde nach wie vor Baumwolle und später auch Zellwolle im groben Garnnummernbereich (z. B. Nm 2,5er).

Zeitweise war die Familie Jordaan durch Derk Jordaan F. Izn., Enschede, und Hendrik Jordaan, Eefde, im Aufsichtsrat vertreten. Die Vorstände lassen sich nach dem Tod von Willem Jordaan namentlich nicht nachvollziehen. Bekannt sind aber Namen wie Paul Unshelm, Anton Fransbach und Heinrich Frey. Das Kapital befand sich etwa 1943 nur noch teilweise in holländischem Besitz. Eng verbunden mit dem Haus war offensichtlich auch Bertha Jordaan-van Heek durch ihre sporadischen Besuche im Gronauer Werk. Sie ist die großzügige Stifterin Rothenberges, des Hauses Welbergen und des Gildehauser Venns.

Krankenkasse und Werkwohnungen

Auf sozialem Gebiet waren die Inhaber ihren Mitarbeitern gegenüber wohlwollend eingestellt: Schon früh wurde eine Betriebskrankenkasse eingerichtet. Es gab eine Pensions- und Sterbekasse. Die Aktionäre ließen die Belegschaft an den Gewinnen teilhaben. Werkwohnungen zu einem günstigen Mietzins standen den Mitarbeitern an der Losser-, Botto- und Emmastraße sowie „An der Schieferkuhle“ zur Verfügung.

Eine repräsentative Villa, umgeben von einer Gräfte, glich einem kleinen münsterländischen Wasserschloss, das den jeweiligen Direktoren als Wohn- und Ruhesitz diente.

Mustergültig war das Mädchenheim („Annaheim“) an der Landgrafenstraße, das von Nonnen geführt wurde. Neben der Beschäftigung im Textilwerk wurden die Mitarbeiterinnen – überwiegend aus dem Ruhrgebiet angeworben – in Hauswirtschaft unterrichtet.

Der Zweite Weltkrieg ließ nur eine eingeschränkte Produktion zu. Erst nach der Währungsreform (1948) gab es den wirtschaftlichen Auftrieb, von dem auch die Spinnerei Deutschland profitierte. Mit 70 000 Spinn- und fast 25 000 Zwirnspindeln hatte sie sich als mittelständischen Unternehmen etabliert. Einige Jahre später war auch sie dem Importdruck aus Staatshandelns- und Billiglohnländern unterworfen.

Die Anteilseigner trennten sich immer mehr von ihren Aktien. Als Interessent trat die Firma Bierbaum und Söhne aus Borken auf. Dieses Unternehmen erhielt schließlich die Aktienmehrheit. Es folgte ein Produktions- und damit einhergehend auch ein Personalabbau. 2001 waren nur noch 15 Mitarbeiter im Werk beschäftigt.

Aufgabe der Produktion

Schließlich wurde die Produktionsstätte in Gronau ganz aufgegeben. Ein Teil des Maschinenparks wurde verkauft oder nach Borken verlagert. Das Familienunternehmen „Bierbaum Unternehmensgruppe GmbH & Co. KG“, das 1895 gegründet wurde, stellt heute Heimtextilien und technische Textilien her. Mit fast 600 Mitarbeitern wird ein Umsatz von über 100 Millionen Euro erzielt. Die Gesellschaft ist im Markt gut aufgestellt.

Betriebsgelände und angrenzende Grundstücksflächen der Spinnerei Deutschland, die über die Schwarzenbergstraße hinaus bis zur Gerdemannschen Tongrube (Schieferkuhle) reichten, wurden an die Stadt Gronau verkauft. Tongrube und Hügel sind wegen der Saurierfunde als Boden-Denkmal geschützt. Erhalten geblieben sind auf dem Gelände bis heute das „ehrwürdige“ Bürogebäude sowie das Pförtnerhaus und das ehemalige Werkseingangstor. Ein Straßenname (Willem-Jordaan-Weg) erinnert zudem an den Gründer. Auf seinen Sohn Botto verweist die Bottostraße, die zum Wittekindhof führt.

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