Fr., 19.02.2016

Trauerfeier für „Sternenkinder“ am morgigen Samstag auf der Eper Friedehof Ab wann ist ein Mensch ein Mensch?

Gronau-Epe - 

Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Nicht erst nach der Geburt, sondern schon als Fötus im Mutterleib. Was, wenn ein ungeborenes Kind stirbt? Für Eltern, vor allem für die Mütter, ist das eine traumatische Erfahrung. Wie können sie ihrer Trauer Ausdruck geben? Am Samstag (20. Februar) findet um 11 Uhr in der Friedhofskapelle in Epe eine Trauerfeier für „Sternenkinder“ statt. Im Folgenden berichtet eine Betroffene, die anonym bleiben möchte, über ihre Erfahrungen und Gedanken.

„Auf meinem Weg in den letzten Jahren, musste ich aus eigener leidvoller Erfahrung und bei vielen Gesprächen feststellen, dass es anscheinend eine Definitionssache ist, ab wann ein Mensch ein Mensch ist. Es ist ein schwieriges und oft schmerzhaftes Thema. Es ergeben sich so viele große Fragen und Probleme – von Forschung am Embryo, über Abtreibung bis zur Verdrängung von Gefühlen, die nicht auszuhalten sind. Es geht um Philosophie, Ethik, Moral – eigentlich um das Existenzielle an sich: das Leben. Ab wann ist es schützenswert? Ab wann zählt es? Für wen zählt es ab wann?

Nach dem Bestattungsgesetz ist ein Mensch bestattungspflichtig ab 500 Gramm. Was, wenn ein Kind noch keine 500 Gramm wiegt? Man mag nicht darüber nachdenken, wie es früher „entsorgt“ wurde. Und in manchen Fällen auch heute noch.

Gut ist es, dass an vielen Orten in Deutschland Stellen gibt, an denen die „Sternenkinder“, die die 500-Gramm-Grenze nicht erreicht haben, beerdigt werden. Seit 2009 werden diese Kinder aus Gronau und Epe im Gronauer Krankenhaus aufbewahrt, bis sie auf dem katholischen Friedhof in Epe mit einem ökumenischen Gottesdienst bestattet werden. Eine derartige Bestattung findet alle drei Monate statt.

Wenn eine Schwangerschaft sehr früh endet, kann man den zu kleinen Körper des Kindes tragischerweise nicht beisetzen. Doch auch wenn er nicht einmal mit bloßem Auge zu sehen war, war er dennoch da und mit der Mutter verschmolzen. Auch für die Sternenkinder, deren Körper nicht bei der Beerdigung dabei sind, sind Gebet und Andacht in der Friedhofskapelle gedacht. Eine Freundin legte ein Ultraschallbild in den Sarg – eine andere Mutter den positiven Schwangerschaftstest.

Menschen trauern auf unterschiedliche Weise. Jeder hat seinen eigenen Weg, wie er mit einem Verlust umgeht. Einige Betroffene wollen den schweren, traurigen Gang der Bestattung nicht gehen – aus welchen Gründen auch immer. Hinter jedem Verlust steckt eine ganz eigene Geschichte. Und ein ganz individueller Weg.

Es ist ja auch kaum zu ertragen und unendlich schwer, wenn der kleine Sarg aufgebahrt ist und über das verlorene Leben des eigenen und der anderen Kinder gesprochen wird und man für sie betet. Andererseits wird den Trauernden ein Raum gegeben. Sie werden geehrt, geschätzt, geliebt, beachtet und es wird für sie gebetet. Ihnen wird Raum gegeben und das Gefühl vermittelt, nicht allein zu sein in ihrem Schmerz.

Ich wollte aus tiefstem Herzen unbedingt auf dem letzten Weg meines Kindes dabei sein. Wo wir doch so wenig Zeit und Wege miteinander bekamen. Irgendwie fühlte ich mein Kind und mich aufgehoben, geachtet und geschützt in der Atmosphäre. Vielleicht auch nur im Nachhinein. In jedem Fall fühlte es sich richtig an.

Leider wissen nicht alle Betroffenen, dass ihr verlorenes Baby bestattet wurde. Obwohl das medizinische Personal über dieses Thema informiert ist und darüber schon in der Zeitung berichtet wurde. Eine betroffene Mutter sagte, dass sie nicht informiert war – und sie um die Beisetzung ihres Kindes betrogen wurde. Es wurde ohne sie bestattet, was ihr sehr weh tat.

An manchen Beerdigungen von Sternenkindern nehmen nur wenige Eltern teil. Es kam schon vor, dass etwa 20 Kinder bestattet wurden, und kein Angehöriger war dabei. Dennoch wurde eine würdevolle Trauerfeier und Beerdigung für sie durchgeführt.

Ich danke den Leuten, die es möglich gemacht haben, dass auch die kleinsten und jüngsten Menschen eine würdige Bestattung bekommen und wir Eltern einen Ort haben, zu dem wir gehen können in unserer Trauer.

Für mich fängt das Leben und Menschsein ganz am Anfang an. Ich finde es schwer zu verstehen, dass es für viele eine Definitionssache ist, wo es doch für mich ein Faktum ist. Durch Definieren und Einordnen machen wir uns unsere Welt und unser Leben scheinbar einfacher. Doch dann wird dadurch auch meinem Kind von einigen die Existenz als Mensch abgesprochen, nur weil es noch keine 500 Gramm gewogen hat und nicht noch ein bisschen mehr Zeit bekam. Dann wird es vielleicht als verlorene Schwangerschaft bezeichnet, oder Fehlgeburt oder auch missglückter Versuch. Nicht als das, was es ist: (m)ein Kind. Da wird es dann schmerzhaft.“

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