Sa., 20.02.2016

Interview mit Bürgermeisterin Sonja Jürgens „Wir verstehen uns als Brückenbauer“

Gronau - 

Gronauer fahren nach Enschede zum Einkaufen oder nutzen die kulturellen Einrichtungen. Enscheder kommen zum Tanken über die Grenze und besuchen den Tierpark und das Inselparkgelände. Doch man hat den Eindruck, dass im Verhältnis zwischen den Menschen der beiden Nachbarstädte ein wenig Stagnation eingetreten ist. Gleichzeitig fährt die Enscheder Politik einen neuen Kurs: Das deutsche Hinterland gerät stärker in den Fokus der Stadtverwaltung. Auch mit den deutschen Nachbarstädten will Enschede enger kooperieren.

Von Martin Borck, Julia Henkel

Über das Verhältnis zwischen Gronau und Enschede sprachen Julia Henkel von der Enscheder Zeitung Twentsche Courant Tubantia) und Martin Borck von den Westfälischen Nachrichten kürzlich mit dem neuen Enscheder Bürgermeister Onno van Veldhuizen (wir berichteten) und in dieser Woche mit Gronaus Bürgermeisterin Sonja Jürgens.

Schon bevor der Fragenkatalog ausgepackt ist, sind die Gesprächsteilnehmer mittendrin in der Materie:

Jürgens: Gronau und Enschede waren früher sehr eng miteinander verbunden. Das sieht man schon an der Architektur in Gronau, die durch die Textilindustriellen stark niederländisch beeinflusst ist. Durch den Zusammenbruch der Textilindustrie ist das Gemeinsame nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Vielen jüngeren Leuten ist gar nicht mehr bewusst, wo wir mal gestanden haben.

Sie sind in Gronau aufgewachsen. Viele Gronauer haben Verbindungen in die Niederlande, haben die niederländische Sprache gelernt. Wie ist das bei Ihnen?

Jürgens: Die ersten Erinnerungen an die Niederlande sind, dass ich mit meinem Vater nach Overdinkel gefahren bin. Wir haben die Grenze ja noch richtig erlebt. Zigaretten durften nur abgezählt mit über die Grenze genommen werden und auch Kaffee nur pfundweise: Wenn ich das meiner Nichte und meinem Neffen erzähle – die können sich das gar nicht mehr vorstellen. Für die ist das so selbstverständlich, nach Overdinkel rüberzufahren . . .

Haben Sie Niederländisch gelernt?

Jürgens: Ich hatte ein Jahr Niederländisch in der Schule. Verwaltungsintern haben wir einen Kursus aufgelegt, an dem die Mitarbeiter teilnehmen, die Kontakt zu Niederländern haben. Im Freizeitbereich spreche ich Niederländisch mit Niederländern, unter Kollegen aber nur dann, wenn es nicht um fachliche Dinge geht. Das traue ich mir dann doch nicht zu.

Der Magistrat von Enschede hat sich vor einiger Zeit explizit dafür ausgesprochen, aktiv die wirtschaftlichen Ressourcen des Grenzgebiets auszuschöpfen. Hat Sie das überrascht?

Jürgens: Dadurch, dass ich schon vorher guten Kontakt zu dem damaligen Bürgermeister Peter den Oudsten hatten, hat mich nicht überrascht, dass die Zusammenarbeit zwischen unseren Städten enger werden sollte. Was mich aber schon überrascht hat, war die Konsequenz, mit der das Anforderungsprofil an den neuen Bürgermeister erstellt wurde. Die Enscheder Kommission, die die Kriterien dafür festlegte, hat sich sogar bei mir informiert, welche Voraussetzungen ein Enscheder Bürgermeister aus Gronauer Sicht mitbringen sollte. Nicht dass wir uns hier anmaßen, irgendwelche Forderungen zu stellen. Es ging darum zu erfahren, welche Eigenschaften hilfreich wären, damit man enger kooperieren kann.

Und welche Anregungen haben Sie gegeben?

Jürgens: Peter den Oudsten und ich hatten schon einige Ziele vereinbart. Dass wir mit kleinen Projekten anfangen und dann kontinuierlich weitermachen wollten. Zunächst wollten wir einander zu verschiedenen Veranstaltungen einladen. Ich habe zum Beispiel mit Peter den Oudsten das Military in Boekelo besucht. Bei solchen Gelegenheiten lernt man einander persönlich kennen und bekommt mit, was die Bürger jenseits der Grenze bewegt. Wir hatten uns auch vorgenommen, im Bereich der Wirtschaft enger zu kooperieren. Enschede hat ja eine hohe Arbeitslosigkeit, während hier händeringend qualifizierte Arbeitnehmer gesucht werden. Wir haben vereinbart, Kontakte herzustellen. Wir haben uns dabei als Brückenbauer verstanden. Mit Onno van Veldhuizen wird das fortgesetzt.

Welche Eigenschaften sollte der Bürgermeister noch mitbringen?

Jürgens: Sprachkompetenz, um auch schwierige Situationen miteinander besprechen zu können. Das ist natürlich etwas vermessen, wenn die eigenen Kenntnisse gerade mal für den Freizeitbereich langen. Der neue Bürgermeister sollte außerdem ein grundlegendes Interesse an dem haben, was jenseits der Grenze möglich ist. Mit Onno van Veldhuizen hat Enschede jemanden, der diese Kompetenzen mitbringt.

Haben Sie mit ihm schon Pläne geschmiedet?

Jürgens: Wir haben ein gemeinsames Vorgehen vereinbart. Wir wollen in Klausur gehen und überlegen, wie wir unsere Städte voranbringen können. Ich halte wenig davon miteinander in Konkurrenz zu treten. Ich will lieber gucken, was der andere mitbringt, von dem wir vielleicht profitieren können. Die Frage stellt sich, wie wir ein Regionenverständnis entwickeln können. Als Grenzstadt blendet man viel aus, was jenseits der Grenze liegt. Der Gedanke, dass Enschede und Gronau keine Randlage einnehmen, sondern im Herzen Europas liegen, sollte uns einen und uns Motivation sein, für die Menschen das Optimale herausholen.

Sie haben also kein Problem damit, dass Onno van Veldhuizen Gronau als vierte Stadt von Twente bezeichnet hat?

Jürgens: Ich habe ein bischen geschmunzelt. Aber wenn wir beide im Herzen von Europa liegen, dann ist diese Perspektive vollkommen in Ordnung.

Wie schätzen Sie die Bemühungen Enschedes um deutsche Firmen, Filialen und Kunden ein? Ist das nicht doch Konkurrenz für den Standort Gronau?

Jürgens: Gronau punktet mit einer sehr guten Verkehrsanbindung. Was uns von Enschede unterscheidet, ist, dass wir mehr Wohnraum und Gewerbeflächen haben. Wir sind ein sehr günstiger Wohnstandort. Studierende von der Uni Twente und der Saxion nutzen das. Davon profitieren beide Städte.

Gronau soll aber nicht zur Schlafstadt von Enschede werden, wie schon mal in den 70er-Jahren geunkt wurde?

Jürgens: Nein. Natürlich haben wir momentan den Missstand, dass wir mitten im Zentrum eine klaffende Wunde mit dem ehemaligen Hertie-Gebäude haben. Aber wir wollen auch nicht mit einer Stadt konkurrieren, die deutlich mehr Einwohner hat. Wir dürfen die Maßstäblichkeit nicht aus dem Auge verlieren. Niederländer mögen die Beschaulichkeit und Gemütlichkeit, die von unserer Stadt ausgeht. Es kommen ja immer noch viele niederländische Besucher in unsere Innenstadt, in den Inselpark, den Tierpark. Gronau hat eine Menge zu bieten. Enschede und Gronau können sich ergänzen.

Welche Chancen liegen konkret für Gronau an der anderen Seite der Grenze?

Jürgens: Die Nähe zur Universität und zur Hochschule. Mir gefällt auch das musikalische Angebot. Wenn wir enger miteinander kooperieren, können wir den Menschen vieles bieten. Ein praktisches Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Medisch Spectrum Twente bei der medizinischen Versorgung unserer Kinder. Es ist uns – nicht zuletzt dank der Initiative Pro Kinderstation – gelungen, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen, wenn Kinder aus Gronau in Enschede behandelt werden können. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie man voneinander profitieren kann, ohne dass jeder alles vorhalten muss. Allerdings war der Weg dahin nicht leicht. Schließlich treffen zwei unterschiedliche Systeme aufeinander. Wir mussten erstmal jemanden finden, der sich mit beiden Systemen auskennt. Wir brauchten eine Entscheidung nicht nur von einer Krankenkasse, sondern von einer höheren Instanz. Ich verstehe es als meine Aufgabe, die richtigen Personen an einen Tisch zu bekommen. Ich freue mich, dass wir in unserer Stadt diese Mentalität haben, dass Leute auf Probleme hinweisen und konstruktiv an einer Lösung mitarbeiten.

Über 3000 Niederländer haben sich in Gronau niedergelassen. Inwiefern prägen sie das Bild von Gronau?

Jürgens: Bewusst wahrgenommen habe ich sie, als ich im Wahlkampf Hausbesuche gemacht habe. Im Alltag merke ich es nicht. Als Herausforderung sehe ich die niederländischen Gronauer, die ihre Kinder noch ins niederländische Schulsystem schicken. Aber mit den Ganztagsschulen steuern wir jetzt erfolgreich gegen.

Ist das aber nicht gerade der Vorteil in unserer Region? Es müsste doch egal sein, auf welcher Seite ich wohne, arbeite oder meine Kinder zur Schule schicke.

Jürgens: Die beiden Städte sehen das auch so, aber die Schulsysteme sind noch sehr unterschiedlich. Wir möchten gerne Modellregion werden. Wir wollen eruieren, was sich an den Strukturen ändern muss, über die das Land oder der Bund entscheiden, um den europäischen Gedanken konsequent barrierefrei leben zu können. Erste Gespräche in Düsseldorf habe ich schon geführt. Die Signale waren positiv. Jetzt schauen wir, wie wir die Idee umsetzen können. Das gibt es bislang nirgends. Wir erfinden an dieser Stelle das Rad neu. Es gibt zwar viele Verträge auf ordnungsrechtlicher Seite, aber immer nur Einzelpunkte. Im wirklichen Alltag der Menschen, beim Leben, Wohnen, Arbeiten, gibt es noch Optimierungsbedarf.

Wie sehen die Hindernisse konkret aus?

Jürgens: Zum Beispiel stören die unterschiedlichen Versicherungssysteme. Ausbildungen werden nicht lückenlos anerkannt. Niederländische Auszubildende haben sich am Tag der Ausbildung beteiligt und in verschiedene Betriebe hineingeschaut. Das ist eine logische Antwort auf den Fachkräftemangel. Die Sprachbarriere ist ein weiterer Punkt. Wir haben in Gronau bilinguale Kindergärten und Schulen. Aber soweit ich weiß, ist der Deutschunterricht in den Niederlanden stark zurückgefahren worden, sodass die jüngere Generation kein Deutsch spricht.

Müsste es nicht einen Ombudsmann geben, der die großen Probleme, zum Beispiel die Unterschiede der Sozialsysteme, löst?

Jürgens: Wir sehen das als Aufgabe der Bürgermeister. Herr van Veldhuizen und ich bekommen auf vielen Ebenen mit, wo sich die Menschen Veränderungen wünschen. Unsere Idee zielt darauf ab, dass ich für Gronau die Gespräche mit Düsseldorf führe und der Kollege für Enschede in Den Haag. Der Impuls muss von unten kommen, aus der Lebenspraxis. Sie müssen merken, dass wir gerne mehr Europa wagen wollen, und was wir dafür brauchen. Wir müssen unsere Vorstellungen deutlich skizzieren. Denn Düsseldorf und Den Haag sind weit weg von der Grenzregion.

In welchen Bereichen wünschen sich die Menschen Veränderungen?

Jürgens: Da muss ich weiter ausholen. Schauen Sie sich an, wie über Europa in der heutigen Zeit diskutiert wird: Es wird auf einmal wieder über Grenzen gesprochen, die geschützt werden sollen. Wie würde sich das auf die hiesige Region auswirken? Das muss man sich einfach mal bewusst machen. Wir beiden Bürgermeister treten für den europäischen Gedanken ein. Es ist unsere Verantwortung, den jeweiligen Stellen deutlich zu machen, dass auf gar keinen Fall ein Rückschritt stattfinden darf. Es steht einiges auf dem Spiel: Das fängt schon damit an, dass man von A nach B kann, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob man denn auch seinen Ausweis eingesteckt hat. Dass ich, wenn ich in meiner Stadt keine Arbeit finde, in die Nachbarstadt gehen kann. Dass ich ganz einfach ein kulturelles Ereignis in den Niederlanden erleben kann, oder umgekehrt, dass ich zum Studieren nicht ins Ruhrgebiet fahren muss, sondern meinen Studiengang hier in Enschede machen kann. Dass, wenn ich in Enschede keine Wohnung finde, von Gronau aus meinen Studienplatz genauso gut erreichen kann. Diese Lebensqualität haben wir durch das vereinte Europa erreicht, und das realisieren viele Leute nicht mehr. und da bleibt der Aufschrei aus.

Wie lässt sich dieses Europa-Gefühl wieder wecken? Und wie lassen sich Ängste und Zurückhaltung abbauen, zum Beispiel jenseits der Grenze einen Job anzunehmen?

Jürgens: Wir fangen bei den Kindern an, die werden mitgenommen, das baut Ängste ab. Wenn man Gelegenheiten zur Begegnung schafft, Brücken baut, dann werden Ängste abgebaut. Darauf müssen wir uns konzentrieren. Wir fangen konkret mit den Treffen der Verwaltungen an, dass auch die Dezernenten einander und die jeweiligen Aufgabenbereiche kennenlernen. Es gibt viele Themen, die uns gemeinsam betreffen. Die Punkte abzuarbeiten klappt besser, wenn man sich kennt. In allen Bereichen – Stadtmarketing, Wirtschaftsförderung, Schulen – müssen sich Menschen gegenseitigen besuchen. Erst dann kann man sich richtig einschätzen. Ein Beispiel: Eine Niederländerin hat unseren Karnevalsumzug schön kommentiert: „Die Wagen kommen aus Holland, aber die Gemütlichkeit und das schöne Feiern kommt aus Gronau.“ Jeder bringt das mit, was er gut kann. Davon haben alle Seiten was. Das sollte das Bestreben sein.

Wo stehen wir in zehn Jahren?

Jürgens: (lacht) Sehen Sie es mir nach, das bespreche ich erst einmal mit meinem Kollegen. Es kann nicht einer vorpreschen und sagen: So und so stelle ich mir das vor. Das muss miteinander geschehen, es muss für beide Seiten einen Gewinn bringen.

Das Rock’n‘Popmuseum hat nur wenig Gäste aus den Niederlanden, das Museum Twentse Welle wird kaum von Deutschen besucht. Wie kann man auf kulturellem Gebiet besser zusammenarbeiten?

Jürgens: Die Feststellung haben wir auch gemacht – und sind einfach mal angefangen: Das Kulturbüro Gronau arbeitet mit dem Atak in Enschede zusammen. Unsere Musikerinitiative MIG‘90 hat ein wunderbares Projekt, bei dem deutsche und niederländische Bands auftreten und sich auf angenehme Art und Weise austauschen. Wir haben unser Radwegekonzept mit den Niederländern abgestimmt, bewerben es gemeinsam und planen gemeinsame Veranstaltungen.

Welche Ideen und Wünsche gibt es noch?

Jürgens: Es muss selbstverständlich werden, dass man immer die Region mitdenkt. Das ist der erste Schritt, das wieder bewusst zu machen. Auch dieses Interview hilft dabei.

Es gibt Mentalitätsunterschiede zwischen Niederländern und Deutschen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Jürgens: Was ich an den Niederländern wirklich schätze, ist, dass man schnell mit ihnen in Kontakt kommt. Es herrscht eine freundliche, unbeschwerte Atmosphäre, man kann miteinander lachen. Die Niederländer haben eine andere Leichtigkeit – wenn wir schon Plattitüden bemühen wollen.

Und was könnten sich Niederländer von Deutschen abgucken?

Jürgens: Verbindlichkeit. Das ist die andere Seite der Leichtigkeit. Irgendwann muss man schließlich zum Punkt kommen, wo man festlegt: So wird‘s gemacht – und das verbindlich.

Was, wenn Gronau und Enschede verschmelzen würden – mit Ihnen als Bezirksbürgermeisterin?

Jürgens: (lacht): Es geht doch nichts über gute Nachbarschaft.

Wären Sie denn gerne Bürgermeisterin einer Stadt, die nicht an der Grenze liegt?

Jürgens: Nein. Ich liebe meine Heimatstadt und ich liebe die Mentalität der Menschen hier. Ich kann mir nur vorstellen, die Bürgermeisterin von Gronau zu sein.

Oder von Enschede?

Jürgens: Nein. Das macht Kollege van Veldhuizen schon prima. Unser Ziel ist es, die Region gemeinsam nach vorne zu bringen. Und ich bin optimistisch, dass das klappt.

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