Fr., 02.12.2016

Diamantener Meisterbrief für Hans Thesing Der Mann für alle Auto-Fälle

Die Größe des Dokumentes kann die Lebensleistung von Hans Thesing kaum wiedergeben. Der 90-Jährige hat ein Leben lang für die Autoreparatur gelebt.

Die Größe des Dokumentes kann die Lebensleistung von Hans Thesing kaum wiedergeben. Der 90-Jährige hat ein Leben lang für die Autoreparatur gelebt. Foto: Christiane Nitsche

Gronau - 

Er war „der Mann für alle Fälle“, solange er noch selbst den Schraubenschlüssel in die Hand nahm: Hans Thesings Ruf als Kfz-Meister war legendär. Nun wurde dem 90-jährigen Gronauer von der Handwerkskammer der „Diamantene Meisterbrief“ verliehen.

Von Christiane Nitsche

Als Thesing Ende Mai 1956 seinen Meisterbrief in Empfang nehmen konnte, war das fast ein Hochzeitsgeschenk. Denn er kam am 9. Mai gerade von der Hochzeitsfeier zurück, als er den entsprechenden Brief im Kasten fand.

Da hatte er schon seinen eigenen Betrieb: die „Westfalen-Großtankstelle“, aus der später das Autohaus Thesing mit der Opel-Alleinvertretung wurde.

Viele seiner späteren Kunden waren da noch nicht geboren, aber viele von denen, die es wurden, blieben ihm über Jahrzehnte treu – eben seiner Fähigkeiten als Kraftfahrzeugmechaniker wegen. „Ich habe von Jugend an nichts anderes werden wollen“, erzählt er. Nicht etwa der tollen Schlitten wegen, denen er dann immer wieder unter die Haube gucken durfte. „Ich hatte ein besonderes Faible für Problemfälle“, lacht er.

Und damit sind längst nicht nur die Karossen gemeint: Kunden mit Sprachfehlern oder mit Behinderungen ließen sich bevorzugt von Thesing beraten. Denn er verstand die Leute, wenn andere verzweifelt aufgaben.

Schon als Kind habe er gerne mal einen Wecker repariert oder eine Dampfmaschine, die eine Nachbarin vorbeibrachte. Die bekam der kleine Hans dann sogar geschenkt.

Dass er die Lehre überhaupt beenden und später den Beruf ausüben konnte, war dabei beileibe keine Selbstverständlichkeit: Während der Lehrzeit, die Thesing bei Schulten begann, starb plötzlich sein Meister. „Dann hieß es, ich solle eine Schlosserlehre machen bei van Delden“, erzählt er. Aber das wollte er nicht. Und Hans Thesing setzte sich durch: Bei Baumeister in Legden konnte er die Ausbildung beenden, und gerade auch noch den Gesellenbrief erwerben, bevor er in den Kriegswirren 1943 an die Westfront eingezogen wurde, wo er die Invasion der Alliierten in der Normandie er- und überlebte.

„Meine Hand haben sie zerschossen“, erklärt er, während er die steifen, gekrümmten Glieder vorzeigt. Aber auch das hielt ihn nicht davon ab, seinen Lebenstraum nach Kriegsende wieder aufzunehmen: 1954 eröffnete er gemeinsam mit seinem Bruder nach aufsehenerregenden Bauarbeiten an der Eper Straße seine Großtankstelle mit Reparaturwerkstatt.

Kommodore, Admiral, Vectra – die Opel-Flaggschiffe veränderten sich, Thesing blieb. Dabei waren und sind die Autos für ihn bis heute „eigentlich alles Arbeitsgeräte“. Aber solche, mit denen er sich auskannte, wie kaum jemand sonst. Überhaupt Motoren: Wenn Thesing nicht arbeitete, ging er in die Luft oder aufs Wasser, denn auch die Herausforderung reizte ihn. Er hatte den Fliegerschein und den Bootsführerschein.

Dass die Autos von heute fast nur noch per Diagnosegerät gewartet und repariert werden, damit kann er sich nur schwer anfreunden. „Man kann nichts mehr reparieren“, sagt er. Wo das doch sein Lebensinhalt war: Sogar Ferndiagnosen stellte Thesing manchem verzweifelten Fahrzeughalter, wenn er fernab der Heimat irgendwo liegenblieb. Viele nahmen es auf sich, mit dem defekten Fahrzeug nach Gronau zu fahren, damit er es reparieren konnte.

Erst 2006 verkaufte Thesing den Betrieb, neben dem er heute noch mit seiner Frau Marianne im gemeinsamen Haus lebt, nachdem die Kinder – zumindest beruflich – ganz andere Wege gegangen sind. Doch das Schrauber-Gen lebt weiter bei den Thesings: Enkel Denis absolviert gerade seine Lehre bei Thesings Nachfolger an der Eper Straße.

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