Mo., 02.01.2017

Simon S. Yonan möchte in Gronau einen Integrationsservice für Flüchtlinge etablieren Eine Welle des Willens zum Guten

Simon S. Yonan kommt seit rund acht Monaten regelmäßig nach Epe. Von hier aus kümmert er sich um assyrische Flüchtlinge, die im Kreis Borken eine neue Heimat gefunden haben.

Simon S. Yonan kommt seit rund acht Monaten regelmäßig nach Epe. Von hier aus kümmert er sich um assyrische Flüchtlinge, die im Kreis Borken eine neue Heimat gefunden haben. Foto: Frank Zimmermann

Gronau/Epe - 

Am Tag, als der Lastwagen in Berlin auf den Weihnachtsmarkt raste, hätte er auch Simon S. Yonan und seinem Sohn den Tod bringen können. Beide waren dort, verließen den Weihnachtsmarkt aber vor dem Terroranschlag, weil Simon S. Yonan einen Zug erwischen wollte. Sein Fahrtziel: Epe.

Von Frank Zimmermann

Zehn Tage später sitzt Yonan in Epe im Kleinen Kaffeehaus und erzählt eine Geschichte voller Grausamkeiten, aber auch voller Hoffnung. Seinen Hauptwohnsitz hat der syrische Christ, der vor 40 Jahren zum Studium nach Deutschland kam, in Berlin . Dort hat er studiert, eine Familie gegründet und viele Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Er bereitete Kinder mit Migrationshintergrund auf das deutsche Schulsystem vor. 2012 ging er in den Ruhestand und wollte eigentlich nach Syrien zurückgehen, um „Gelerntes in die alte Heimat zu tragen“.

Doch dann überrollte der Terror des sogenannten Islamischen Staats (IS) die Region am Fluss Khabur. Die christliche Bevölkerung wurde drangsaliert, misshandelt, entführt, getötet. 36 assyrische Dörfer seien binnen kürzester Zeit zerstört worden; mit ihnen Klöster und alte aramäische Manuskripte, berichtet Yonan. Sein 16-jähriger Neffe sei von den Verbrechern des IS vor den Augen seiner Familie geköpft worden. Mit dem Kopf hätten die Terroristen Fußball gespielt. Ehe sie weitergezogen seien, hätten sie das Haus der Familie in Brand gesteckt.

Rund 120 assyrische Familien, die vor dem Terror aus Syrien geflohen sind, leben inzwischen im Kreis Borken. Ihre Anlaufstelle war und ist die Assyrische Kirche des Ostens in Burlo. „Ich hatte das Gefühl, diesen Menschen helfen zu müssen“, nennt Simon S. Yonan den Grund, warum er vor rund acht Monaten zum ersten Mal in den Kreis Borken kam. In Epe fand er eine bezahlbare Bleibe. Seitdem pendelt er zwischen Berlin und dem Westmünsterland hin und her, um „das Gelernte“ zu seinen Landsleuten zu tragen.

In der Assyrischen Gemeinde hat Yonan mit traumatisierten Kindern gearbeitet. „Die haben anfangs Bäume voller Gewehre und Granaten gemalt, aber nie mit Blüten.“ Erst kurz vor Weihnachten , seien die ersten Blumen auf den Bildern der Kinder aufgetaucht. Das habe ihn zu Tränen gerührt, erzählt Yonan.

Nun will er mit einer Handvoll Mitstreiter einen Integrationsservice in Gronau etablieren. Die Idee dahinter: Unter den Flüchtlingen sind viele Fachkräfte, die in Deutschland gerne in ihrem Beruf weiterarbeiten würden. Doch sprachliche und bürokratische Hürden verhindern das oft, viele Flüchtlinge sind so zum Nichtstun verurteilt – manche suchen ihr Heil im Alkohol- oder Drogenkonsum, einige enden im Extremismus. Genau hier will Yonan ansetzen: „Es gibt ein schönes Sprichwort: Wir wollen die Spreu vom Weizen trennen. Wollen mit den Menschen sprechen, herausfinden was sie können und ihnen bei der Integration helfen. Das können wir besser als Deutsche, weil wir die nötigen Sprachen sprechen und die Mentalität der Flüchtlinge kennen“, erklärt Yonan, der selbst neben Deutsch auch Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Aramäisch spricht. „Ein Arzt aus Syrien muss nicht erst lernen, wer Karl der Große war. Er müsste einen Crashkurs in Deutsch bekommen, damit er hier nach wenigen Monaten wieder als Arzt arbeiten kann.“

Es gebe unter den Flüchtlingen eine „Welle vom Willen zum Guten“, ist Yonan überzeugt. Deshalb wollen er und seine Mitstreiter ein Netzwerk knüpfen, als Vermittler zwischen Flüchtlingen, Behörden und Arbeitgebern. Ärzte, Sozialarbeiter ,ein Anwalt und ein Steuerberater gehören schon jetzt zum Team, das noch wachsen soll. Simon S. Yonan erklärt seine Motivation so: „Deutschland ist meine zweite Heimat. Das Land hat mir viel gegeben, ich wurde hier aufgenommen, konnte studieren und arbeiten. Ich habe sozusagen einen Kredit von diesem Land bekommen. Und den möchte ich nun mit meiner Arbeit ein Stück weit zurückzahlen.“

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