Fr., 17.11.2017

51-Jähriger mutmaßlich schwer misshandelt und erpresst „Ich habe kaum noch Luft bekommen“

51-Jähriger mutmaßlich schwer misshandelt und erpresst: „Ich habe kaum noch Luft bekommen“

Emotional wurde es vor Gericht, als Eltern und Schwester des Angeklagten aussagten. Foto: dpa

Gronau/Münster - 

Fast sieben Stunden tagte die 8. Große Strafkammer des Landgerichts Münster am Freitag – eine 15-minütige und zwei fünfminütige Pausen fürs stille Örtchen, die der Staatsanwalt einforderte, gönnte der Vorsitzende Richter sich und allen anderen im Saal.

Von Bettina Laerbusch

Angeklagt ist ein 28 Jahre alter Mann aus Stadtlohn. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, Mitte November 2016 einen Mann in Gronau zusammen mit zwei anderen brutal verprügelt zu haben. Das Opfer dieser Tat sagte am Freitag als Zeuge aus. Der 51-Jährige gestand eine 37-jährige Drogenkarriere ein – „Es ist mit egal, ob ich mich selbst belaste“.

Der Zeuge – jetzt clean, wie er sagte – sprach sachlich und klar. Ihm stockte aber hin und wieder der Atem, als der Richter ihn aufforderte, die Misshandlungen genau zu schildern. Ein Kumpel habe ihn in seine Wohnung gelockt. Dort sei er sofort hinter der Tür mit Paketklebeband geknebelt worden. Auch sein ganzer Kopf sei umwickelt worden. „Ich habe kaum noch Luft bekommen.“

Der Angeklagte und ein zweiter Mann, der sich ebenfalls zurzeit – in einem abgetrennten Prozess – vor dem Landgericht verantworten muss, hätten ihn mit Fäusten ins Gesicht und in die Seiten geschlagen. Nicht der Angeklagte, sondern der andere Täter habe im Laufe der circa einstündigen Quälerei auch mit einem Basketballschläger auf seine Knie geschlagen. Blut habe er im Urin gehabt, Blut auch gespuckt, einen Arzt aber nicht aufgesucht.

Zweimal griff der Zeuge den Angeklagten im Gericht scharf und direkt verbal an. Das Ziel der Täter (ein dritter habe zugesehen): ihn dazu zu bewegen, Drogen für sie zu verkaufen beziehungsweise weiterzugeben und Geld von ihm zu bekommen.

TTT – das Kürzel fiel im Laufe des zweiten Prozesstages gegen den 28-Jährigen mehrmals. TTT steht für „Tek Tabanca Teskilati“. Dabei handelt es sich um eine rockerähnliche Gruppierung, die es in Ahaus und Gronau geben soll. Seit Mitte 2016, sagte ein Polizeibeamter aus, werde gegen diese Gruppe ermittelt. Dabei sei auch der Name des Angeklagten aufgetaucht. Dieser gab zu, TTT einige Monate angehört zu haben.

Möglicherweise geht es generell und übergeordnet darum, wer den Drogenmarkt in Gronau beherrscht: TTT oder Niederländer marokkanischer Abstammung, die am Freitag immer wieder erwähnt wurden.

Emotional wurde es, als Eltern und Schwester des Angeklagten aussagten. Der Richter hatte sich spontan entschieden, sie als Zeugen zu hören. Einer der beiden Verteidiger rief den Vater an, gut eine Stunde später traf die Familie ein. Der Angeklagte hatte zuvor gesagt, dass sich sein Vater „für alle meine Prozesstage“ frei genommen habe.

Eltern und Schwestern schilderten, dass sich der Sohn hauptverantwortlich rührend um die Mutter gekümmert habe, als diese schwer erkrankte. Eine Krebsdiagnose hatte im Raum gestanden. Die Familie gab dem 28-Jährigen Alibis. Doch wann ist die Tat geschehen? Am 24. November? So habe er die Anklageschrift verstanden, sagte einer der Verteidiger. Am 23. November? Das belegt möglicherweise, wenn nicht manipuliert, ein Chat-Protokoll des Opfers. Oder am 21. und 22. November? Das sagte eine Zeugin aus. Sicher ist:

Nach der fast siebenstündigen Verhandlung wurde die Anklage am Freitag von „besonders schwerer Raub in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“ auf „versuchte besonders schwere räuberische Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“ geändert.

Der Prozess soll am kommenden Freitag fortgesetzt werden.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5295806?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F150%2F