Sa., 13.01.2018

Blickpunkt der Woche Behandelt uns bald Dr. Google?

Die Ärztesuche gleicht in Gronau einer Odyssee. Mediziner sind Mangelware, die Wartezimmer voll.

Die Ärztesuche gleicht in Gronau einer Odyssee. Mediziner sind Mangelware, die Wartezimmer voll. Foto: Zeichnung: Heinrich Schwarze-Blanke

Acht Hausärzte fehlen derzeit in Gronau und Epe, das erklärte diese Woche der Hausärztesprecher Dr. Andreas Binder. Ein Umstand, den die praktizierenden Mediziner gar nicht auffangen können (und manche auch nicht wollen). Die meisten haben schon jetzt ihre Kapazitätsgrenzen erreicht.

Von Susanne Menzel

Leider können wir zur Zeit keine neuen Patienten aufnehmen. – Ein Satz, den so mancher in diesen Tagen zu hören bekommt, der in Gronau oder Epe auf der Suche nach einem neuen Hausarzt ist. Die Gründe für einen Wechsel sind vielfältig und nicht immer hausgemacht: Ein Umzug oder die Schließung einer langjährigen Praxis bedingen mitunter eine Neuorientierung.

Doch das Recht auf freie Arztwahl ist an dieser Stelle inzwischen zu einer Glückssache geworden. Wer nicht als lukrativer Privatpatient quasi eine Freikarte schon in der Tasche hat, sondern sich mit der ganz normalen Krankenkassenkarte in die Schlange einreihen muss, der bekommt oft schon bei den Damen am Empfang eine freundliche Absage serviert. Und mitunter ist dies dann der Anfang einer wahren Odyssee.

Acht Hausärzte fehlen derzeit in Gronau und Epe, das erklärte diese Woche der Hausärztesprecher Dr. Andreas Binder. Ein Umstand, den die praktizierenden Mediziner gar nicht auffangen können (und manche auch nicht wollen). Die meisten haben schon jetzt ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Sicherlich könnten sie noch ein paar Patienten zusätzlich aufnehmen. Wenn aber, wie gerade passiert, einer ihrer Kollegen plötzlich verstirbt und seine Patienten in größerer Zahl nach einer Alternative suchen, dann wird‘s mehr als eng.

Schließlich will ich als Patient nicht einfach im Eilverfahren abgefertigt werden. Rein ins Sprechzimmer, dem Doc kurz die Hand schütteln, mein Leiden in kurzen, schnellen Stichpunkten schildern, eventuell ein Rezept kassieren – und dann schnell wieder raus. Nein, ich möchte als Patient mich und meine Krankheit ernst genommen wissen. Ich möchte nicht von einem gehetzt wirkenden Arzt oberflächlich begutachtet werden. Ich möchte mit ihm ins Gespräch kommen, von ihm wissen, wie er meine Krankheit behandeln kann, was ich vielleicht zur Unterstützung beitragen kann. All das setzt aber ein Zeitkontingent voraus, über das die meisten Ärzte kaum mehr verfügen.

Die Gründe dafür liegen jedoch nicht nur in der hohen Zahl der Patienten und der niedrigen Zahl an Medizinern, die den ländlichen Raum als Arbeitsumfeld auch nicht gerade attraktiv finden. Die Probleme sind vielschichtig, Lösungen in weiter Ferne.

Neben dem Ärztemangel in der Region scheint sich parallel dazu bei vielen Patienten eine Mentalität durchgesetzt zu haben, dass auf jedes Wehwehchen unbedingt ein Fachmann drauf schauen muss. Triefende Nase? Ab zum Arzt. Leichtes Hüsteln? Ab zum Arzt. In der „Rentner-Bravo“ beim Gang in die Apotheke über eine neue Krankheit gelesen? Die Symptome dazu auch bei sich entdeckt? Ab zum Arzt.

Vor allem Eltern mit Kindern schätzen inzwischen den Rat des Fachmannes mehr als dem eigenen Instinkt und Verstand zu vertrauen. „Manche Eltern verstopfen oft die Praxen geradezu“, kritisiert Dr. Binder: „Sie erklären, ihr Kind sei heftig krank – und dann sehe ich genau diesen kleinen Patienten wenig später vergnügt im Wartezimmer in der Spielecke toben. Das kann‘s nicht sein.“ Alte Hausrezepte, etwa bei Fieber oder Erkältung, würden kaum mehr angewandt. Mal einen Schnupfen oder Husten aushalten, dem eigenen Immunsystem die Chance geben, sich selbst zu trainieren, ist vielen nicht mehr möglich.

Vielleicht, weil zum einen das Wissen fehlt. Vielleicht auch deshalb, weil der Arbeitgeber in der Regel mit dem ersten Fehltag auch sofort einen „gelben Schein“ sehen möchte.

In einigen Bundesländern soll jetzt versuchsweise eine Online-Behandlung getestet werden. Via Bildschirm erstellt der Arzt eine Blickdiagnose. Das spart Zeit und Kosten, der Krankenschein kommt per Mail. Der menschliche Kontakt bleibt auf der Strecke.

Und welche Krankheiten lassen sich auf diese Art „behandeln“? Wo wird die Grenze gezogen? Lässt sich dadurch wirklich verhindern, dass gelbe Scheine erschlichen werden, weil man keine Lust auf die Arbeit hat? Werden die Wartezimmer dadurch leerer? Oder kann man stattdessen weitere (vielleicht Privat-) Patienten aufnehmen, die man dann zu sich in die Praxis bestellt?

Und dann ist da noch der Standort. Was haben Kreise und Standesvertretungen der Ärzte sich nicht schon alles überlegt, um Mediziner aufs Land zu locken. Von finanzieller Hilfe beim Einrichten der Praxis bis hin zu vergünstigten Grundstücken – gefruchtet hat das bislang wenig. „Das Ruhrgebiet oder eine Gemeinde näher an Münster sind für viele Kollegen attraktiver“, sagt Dr. Binder. Nicht nur, weil dort vielleicht die Angebote vielschichtiger sind, die Freizeitmöglichkeiten attraktiver. Kindergartenplätze gibt‘s in Gronau vermutlich schneller als in Münster. Die Infrastruktur hier ist auch nicht gerade hinterwäldlerisch. „Aber wir haben halt einen hohen Migrationsanteil“, sagt Dr. Binder. Für seine Praxis macht der rund 50 Prozent aus.

Doch auch dies wird sich auf Dauer relativieren. Die Kommunen landauf, landab bekommen Flüchtlinge mit Bleibestatus zugewiesen. Auch in jenen Städten und Gemeinden, die bislang einen eher geringen Ausländeranteil aufweisen, werden in absehbarer Zeit mehr Menschen mit Migrationshintergrund wohnen und eine Heimat finden.

Es gibt bei dieser komplizierten Mängellage kein einfaches Patentrezept. Nur die Hoffnung, dass der nächste Hausarzt einen anderen Namen als Dr. Google trägt.

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