Sommerkrimi Folge sieben
Nicht nur fromme Gedanken

Der Eper Heimatvereinsvorsitzender Willibald Kämpfer hat von den tödlichen Ereignissen noch nichts mitbekommen. Er sitzt mit seiner Frau Veronika im Garten und liest den Gronauer Anzeiger. „Diese Diskussion um den Özgür geht mir auf die Nerven“, regt er sich auf. „Als ob er allein die Fußball-WM vergeigt hätte. Diese Mannschaft – das sind doch alles Luschen! Hach, da war das 1974 doch ganz anders“, schwelgt er in Erinnerungen, obwohl sich seine Gattin eigentlich überhaupt nicht für Fußball interessiert. „Weißt du noch, das Finale gegen Holland? Wo Gerd Möllers das Siegtor geschossen hat und Paul Brotner vorher den Elfmeter verwandelt hat?“ – „In was denn?“, will die Ehefrau beiläufig wissen. Willibald Kämpfer versteht erst gar nicht. „Wie: in was denn?“ Dann fällt der Groschen: „Na, in einen Märchenprinzen sicher nicht. Frau, du hast ja wirklich überhaupt keine Ahnung von Fußball!“ – „Du dafür nicht von . . .“, erwidert sie gerade, als das Smartphone ihres Mannes eine wichtige Nachricht anzeigt: „Ex-Politiker und Heimatfreund in Epe ermordet – Wer tötete Josef Pfeifer?“, lautet die Schlagzeile des Gronauer Anzeigers, die als Push-Nachricht auf dem kleinen Bildschirm aufploppt. „Was ist los?“ Kämpfer wird blass. „Das gibt es doch gar nicht. Veronika, ich muss sofort eine Krisensitzung des Vereins einberufen.“ Kämpfer tippt eine Whats-App-Nachricht in sein Gerät.

Sonntag, 12.08.2018, 17:00 Uhr

Der Heimatverein-Vorstand hält eine Schweigeminute ab. Derweil befragen die Kommissare die Georgi-Drosseln.
Der Heimatverein-Vorstand hält eine Schweigeminute ab. Derweil befragen die Kommissare die Georgi-Drosseln. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Eine Stunde später sind die Vorstandsmitglieder im Heimathaus versammelt: Jupp Brühfeld, Manfred Heinrichssohn, Paule Elsbrennt, Maria Winkelbrock, Nanni Nöler, Franz Kanne, Peter Buchenecker-Ferne, Marianne Blöder-Albert und Maria Peer-Is-fort, Ludwig Brettmann und Günter Frost sind gekommen. Kämpfer ergreift das Wort: „Ich muss euch nicht erklären, dass Josefs Tod einen riesigen Verlust für unseren Verein darstellt“, sagt er. „Sein Engagement im Vorfeld des 25-jährigen Jubiläums, für das Schul-Denkmal und für das Buch über Schul-Geschichten war grenzenlos.“ – „Stimmt“, bestätigt Franz Kanne. „Aber die Diskussionen mit ihm über das Schuldenkmal hätte er uns ersparen können. Nur weil er den Entwurf von dem andern Künstler, diesem Wolle Wuttek, besser fand. Die Mehrheit der Eperaner hat nun mal entschieden. Und das hätte er auch irgendwann mal akzeptieren müssen.“ – „Richtig“, mischt sich Maria Winkelbrock ein. „Und was er immer mit dem Ackerbürgerhaus hatte. Das müsse unbedingt wieder aufgebaut werden. Die paar Steine und Balken, die überhaupt noch da sind . . . Dabei hatte er nicht mal einen Plan, wo das Ding hin sollte.“ – „Doch, den hatte er“, widerspricht Ludwig Brettmann. „Er hatte da eine Stelle im Park, die . . .“ – „Liebe Freunde!“, unterbricht Kämpfer. „Wir wollen doch in dieser Stunde der Trauer nicht über Differenzen diskutieren. Ich schlage vor, dass wir uns kurz besinnen und danach diskutieren, wie wir die Aufgaben verteilen, die Josef beim Jubiläumsfest übernommen hatte.“ Er faltet die Hände und senkt den Kopf. Die anderen tun es ihm nach. Doch eines der Vorstandsmitglieder beschäftigen in der Schweigeminute nicht nur fromme Gedanken . . .

Rembert und Michael, ihr müsst Klinkenputzen“, ordnet Blösing an. „Fragt alle Nachbarn im Umkreis von 100 Metern, ob sie heute Nacht irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt haben. Manni und ich werden mal bei den Jungschützen nachhorchen. Vielleicht hat jemand auf dem Nachhauseweg was bemerkt.“ – „Na wenn die überhaupt noch etwas mitgekriegt haben“, ist Rembert Rote pessimistisch. „Die hatten doch alle bestimmt ordentlich getankt.“ – „Die tanken jetzt schon wieder“, sagt Manni Frühling. „Die haben Frühschoppen bei Scheipers. Na, komm!“ Er steigt auf sein Fahrrad und nimmt Schwung. Blösing nimmt Anlauf und lässt sich auf den Gepäckträger plumpsen. Frühling ächzt: „Wenn das ’ne Acht im Hinterrad gibt, bringst du das Fahrrad aber zum Fietsenmacher“, droht er. – Papperlapapp“, sagt Blösing. „Sieh zu, dass wir zu Scheipers kommen. Vielleicht ist ja die nette Bedienung da, die Maika.“ – „Ja, die ist nett“, bestätigt Frühling hechelnd. „Nur dass sie immer meinen Namen vergisst.“ – „Stimmt“, lacht Blösing. „Wie nennt sie dich noch immer? Markus, nicht wahr?“ – „Richtig. Aber das macht nichts. Ich nenne sie ja auch immer Karola.“ – Mit quietschendem Fahrrad erreichen die beiden Scheipers Mühle („Romantisch.Ambi.Ente.“). Im Garten widmen sich zwei Dutzend Jungschützen den ersten Bieren des Tages. „Die Bollisei, mein Freund und Helfer“, begrüßt einer der jungen Männer ein wenig lallend die beiden Beamten. „Wollen Sie mir huldigen?“, lacht er meckernd. – „Nun reißen Sie sich mal ein bisschen zusammen“, erwidert Blösing streng. Diese Schützen sind ihm immer schon irgendwie suspekt gewesen. Den ganzen Tag zusammenhocken und Alkohol trinken. Da lobt er sich doch seine grün-weißen Karnevalisten. Da herrschen noch Zucht und Ordnung. „Sie sind Pascal Voraus?“ – „So isses“, bestätigt der junge Mann leicht wankend. „In höchsteigener Person. König der Gregori-Drosseln. Und wenn ich‘s mir so recht überlege, auch von Amsel, Fink und Star. Was meint ihr?“, wendet er sich den Jungschützen zu und hebt sein Bierglas. Ein vielstimmiges Grölen ist die Antwort. Einer stimmt das Lied von der Vogelhochzeit an – und zwei Sekunden später singen alle mit. Sogar Frühling: „Amsel, Drossel, Fink uhund Star…“ Blösing wirft ihm einen bösen Blick zu, sodass Frühling verstummt. „Ruhe jetzt!“, brüllt Blösing. „Das ist hier eine Mordermittlung. Ich erbitte mir Aufmerksamkeit!“ Das wirkt. Die Jungschützen verstummen und schauen ihn mit großen, glasigen Augen an. Blösing fährt fort: „Heute Nacht hat sich an der Oststraße vor dem Neubau von Rosskamp ein Tötungsdelikt ereignet. Ich möchte wissen, ob irgendjemand von Ihnen dort etwas oder jemanden bemerkt hat.“ – „Wir sind alle zu mir zum Spiegeleieressen. Das war so gegen halb fünf“, sagt Voraus. Es wurde schon hell. Also, mir ist nichts aufgefallen. Euch?“, fragt er seine Kumpanen, die jetzt deutlich nüchterner erscheinen als noch vor zwei Minuten. „Nee“, schütteln die anderen Jungschützen den Kopf. „Wer ist denn überhaupt umgekommen“, will Voraus wissen. „Josef Pfeifer“, gibt Frühling Auskunft. „Ach herrje“, sagt Voraus. „Der war mal mein Lehrer.“ – „Um halb fünf war Pfeifer schon zwei Stunden tot“, raunt Frühling Blösing zu. „So lange wird der Mörder ja wohl kaum gewartet haben.“ – „Seh‘ ich auch so“, stimmt ihm Blösing zu. „Komm, lass uns abhauen. Die Schnaps-Drosseln gehen mir auf die Nerven.“

 

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