Mehr Patienten – dasselbe Honorar
Di., 24.01.2012
Eper Arzt Dr. Balthasar macht sich Sorgen um die Zukunft der medizinischen Versorgung
Die niedergelassenen Ärzte in Epe müssen immer mehr Patienten versorgen.
Gronau-Epe -
Die Entwicklung bereitet dem Eper Allgemeinmediziner Dr. Thomas Balthasar Sorgen: „Immer mehr Kollegen geben ihre Praxis auf, ohne einen Nachfolger zu haben.“ Die Konsequenz: Auf die niedergelassenen Ärzte entfällt mehr Arbeit. „Als im Herbst klar wurde, dass Dr. Jendyk zum Jahresende aufhört, merkten wir schon eine Verschiebung“, sagt Balthasar. Im letzten Quartal 2011 verzeichnete seine Praxis ein Plus in Höhe von 270 Patienten. Ein Großteil von ihnen ehemalige Patienten von Dr. Jendyk, einige vom Gronauer Arzt Grimm, der ebenfalls nicht mehr praktiziert. Es gab mehr Arbeit – aber auch mehr Honorar? Pustekuchen: „Ich bekam einen Anruf von der Kassenärztlichen Vereinigung. Es sei ja nett, dass ich die neuen Patienten behandele; ein höheres Honorar könne man mir aber nicht ohne Weiteres in Aussicht stellen“, gibt Balthasar den Inhalt des Telefonats wieder. Er müsse einen Antrag stellen, so die KV. Man sei optimistisch, dass darüber noch im ersten Halbjahr 2012 entschieden werde. „Wissen Sie, wie viele Anträge bei der zuständigen Abteilung der KV vorliegen?“, fragt er und gibt selbst die Antwort: „70 000 Widersprüche und Anträge zu den unterschiedlichsten Problemen stapeln sich bei der KV Westfalen-Lippe! Jetzt 70 001.“
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Balthasar steckt in einem Dilemma: „Ich habe bislang alle Patienten, die in die Praxis kamen, auch behandelt“, sagt er. „Etwas anderes könnte ich mit meinem Selbstverständnis als Arzt auch nicht vereinbaren.“ Aber für ihn grenzt es an Hohn, dass er zwar mehr leistet – dafür jedoch zumindest zunächst keinen Cent mehr im Portemonnaie hat. Zumal das Honorar für Hausärzte im Bereich der KV Westfalen-Lippe sowieso das niedrigste in der ganzen Bundesrepublik ist.
Die KV ziehe zur Berechnung des Honorars die Patientenzahlen des Vorjahresquartals heran, erläutert Balthasar. Die aktuelle Mehrbelastung spiele dabei keine Rolle. Pro Patient und Quartal erhalte die Praxis von der KV etwa 36 Euro. Dazu kommen noch einige wenige Leistungen, die zusätzlich zu dem Budget gezahlt werden. Insgesamt aber keine hohen Summen.
„Ich bin seit 31 Jahren niedergelassener Arzt. In den letzten 20 Jahren wurde regelmäßig angekündigt, mehr für die Hausärzte zu tun. Da ist es schon etwas perfide, dass das Honorar für diese Gruppe kontinuierlich gesunken ist.“ Er ärgert sich darüber, dass die Politiker immer wieder verkünden, sich für die hausärztliche Versorgung einzusetzen. „Wir merken an der Basis davon nichts. Im Gegenteil.“ Briefe, die er an den Gesundheitsminister schickte, blieben unbeantwortet.
Man dürfe sich nicht wundern, wenn es junge Mediziner nicht in die Region zieht. Der 60-jährige Balthasar („Ich bin der jüngste männliche Allgemeinmediziner in Epe“) hat noch Glück. Mit Claudia Ohly hat er eine junge Kollegin, die sich gerade in der Fachausbildung zur Allgemeinmedizinerin befindet und bereit ist, vielleicht einmal in seine Praxis mit einzusteigen. Obwohl auch sie sich aufgrund der Altersstruktur der Ärzte in Epe Sorgen macht, wie sie sagt. Sorgen, dass sich nach weiteren Praxisaufgaben die Patienten auf immer weniger niedergelassene Mediziner verteilen. Die Arbeitsbelastung wäre auf Dauer nicht zu tragen.
Balthasar: „Meine Forderung an die KV wäre daher, den jungen Ärzten, die im ländlichen Bereich Praxen übernehmen wollen, mehr Planungssicherheit zu bieten.“ Zudem müssten sich einige Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen ändern. „Solange jeder Patient mit seiner Krankenkassenkarte so oft er will Ärzte aufsuchen kann, steigen die Kosten – aber keiner wird dadurch gesünder.“ In anderen Ländern werde weniger Geld ausgegeben, und das Gesundheitswesen sei trotzdem auf hohem Niveau.
Helfen denn nicht die Hausarztmodelle, die jetzt schon viele Krankenkassen anbieten? „Die Abrechnungsmodelle sind derart kompliziert, dass selbst gestandene Mathematiker sie nicht verstehen“, so Balthasar. Und wenn dann noch jede Krankenkasse mit eigenen Modellen daherkommt. „Das ist beim besten Willen nicht praktikabel.“
Balthasar gibt zu, dass die KV mit dem derzeitigen Abrechnungssystem selbst nicht glücklich ist und es geändert werden soll. Nur: Ob sich der bürokratische Aufwand, der mit dem Führen einer Arztpraxis Hand in Hand geht, verringern wird? „Wir haben immer weniger Zeit für die originär ärztliche Arbeit.“
Und um die Menschen geht es doch letztendlich. „Wir haben hier tolle Patienten“, loben Balthasar und Ohly. Die Arbeit macht beiden trotz aller Hemmnisse und Sorgen Spaß. Doch irgendwann werden auch sie an die Grenzen der Belastbarkeit stoßen. „Und darum muss dringend etwas geschehen.“
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