Flüchtlingshilfe Heek
Ehrenamtlichen fehlt die Zeit zum Durchatmen

Nienborg -

Christian Funke und Ulla Silva müssen immer wieder schlucken, wenn sie die Geschichten der Flüchtlinge hören. Über Hunger, Gewalt, Folter. Seit mehr als drei Jahren sind sie als Ehrenamtliche aktiv. Die beiden kennen nicht nur jeden der Geflüchteten beim Namen. Sie kennen auch jede einzelne Geschichte.

Samstag, 11.08.2018, 10:47 Uhr

Kleidung haben die Flüchtlingshelfer in der Kleiderkammer mittlerweile genug. Stattdessen sind es vor allem Küchenutensilien, die fehlen, vor allem Töpfe und Pfannen, sagen die Ehrenamtlichen Ulla Silva und Christian Funke.
Kleidung haben die Flüchtlingshelfer in der Kleiderkammer mittlerweile genug. Stattdessen sind es vor allem Küchenutensilien, die fehlen, vor allem Töpfe und Pfannen, sagen die Ehrenamtlichen Ulla Silva und Christian Funke. Foto: Mareike Meiring

Es geht an die Substanz. Wenn die Geflüchteten hungern, weil sie zu wenig Geld für Essen haben. Wenn sie nach Italien abgeschoben werden und dort bei minus 15 Grad unter der Brücke schlafen, weil in den Unterkünften kein Platz für sie ist. Wenn sie Foltervideos aus den Lagern in Libyen geschickt bekommen, weil damit die Familie des Opfers erpresst werden soll. Christian Funke und Ulla Silva müssen immer wieder schlucken, wenn sie solche Geschichten hören.

Trotzdem – oder gerade deshalb – sind sie seit mehr als drei Jahren Tag für Tag, Nacht für Nacht, Ansprechpartner für die Flüchtlinge. Sir erleichtern ihnen das Ankommen, helfen ihnen bei der Jobsuche, fahren mit ihnen zum Gericht. Die beiden kennen nicht nur jeden der Geflüchteten beim Namen. Sie kennen auch jede einzelne Geschichte.

Es war im Dezember 2014, als sich die Flüchtlingshilfe in Heek das erste Mal getroffen hatte. „Bevor es mit den Flüchtlingsströmen anfing“, erzählt Christian Funke. Ulla Silva lag das Thema ohnehin schon lange am Herzen. „Mit Christians Mutter habe ich mich damals um die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien gekümmert.“

Alleine waren die beiden mit ihrem Engagement von Anfang an nicht. Rund 20 Ehrenamtliche waren von Beginn an dabei, mit den steigenden Flüchtlingszahlen stieg auch das Engagement der Heeker. „Bei manchen Versammlungen hatten wir nicht einmal genug Stühle“, erinnert sich Ulla Silva.

Das ist nun anders. Mittlerweile gibt es fast keine Versammlungen der Flüchtlingshilfe mehr, Nachwuchs bei den Ehrenamtlichen gibt es kaum noch. Schlange stehen die Flüchtlinge auch jeden Montag bei Julia Michels, wenn die Caritas-Mitarbeiterin im Rathaus ihre Sprechstunde anbietet.

„Die Arbeit bleibt an wenigen hängen“, sagt Christian Funke. Viele Helfer haben bereits eine Familie, um die sie sich kümmern, eine zweite würde die meisten zeitlich überfordern. Zumal es auch für die Helfer immer wieder Rückschläge gibt. „Wenn man eine Familie betreut hat und die dann wieder zurück muss, ist das nicht einfach“, weiß Funke. Viele müssen danach erst einmal Abstand gewinnen. Andere ehemalige Helfer dagegen sind fürs Studium umgezogen oder ihnen fehlt aus Altersgründen schlicht die Kraft, sich weiter zu engagieren.

Aktuell ist es oft nur das Duo Silva und Funke, das Neuankömmlinge in Empfang nimmt. Denn die gibt es auch weiterhin. 20 Flüchtlinge waren es nach Angaben der Gemeindeverwaltung bislang in diesem Jahr. Wie viele es noch werden, weiß auch sie nicht. Ende Juli lebten 125 Flüchtlinge in der Gemeinde. Eigentlich müsste Heek laut Verteilerstatistik der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg noch 98 weitere anerkannte Flüchtlinge sowie zehn Asylbewerber aufnehmen. Zuweisungen von Geflüchteten mit einem Aufenthaltstitel gab es in diesem Jahr aber noch nicht.

„Seit etwa einem Jahr kommen dagegen vermehrt jene, deren Antrag schon negativ beschieden wurde“, sagt Funke. Von den 20 Flüchtlingen in diesem Jahr wurden schon acht wieder abgeschoben, einer reiste freiwillig aus, vier sind nach Angaben der Gemeinde untergetaucht.

Häusliche Gewalt

Zu vielen Geflüchteten haben die Flüchtlingshelfer mittlerweile eine enge Beziehung aufgebaut. Dabei erfahren sie immer öfter auch von Fällen häuslicher Gewalt. Doch die meisten Betroffenen – vorwiegend Frauen – schweigen, die wenigsten zeigen solche Vorfälle an oder ziehen ihre Anzeige später wieder zurück. „Und die Behörden sagen, wenn nichts passiert, könnten sie nichts machen“, sagt Christian Funke. Das sei frustrierend. „Der Staat hat doch eine Fürsorgepflicht“, kritisiert der Helfer.

Die Polizei im Kreis Borken verfügt nach eigenen Angaben über keine Statistik zu häuslicher Gewalt. Daher lasse sich nicht beurteilen, ob die Fälle in der Vergangenheit angestiegen sind und ob dies mit gestiegenen Flüchtlingszahlen zusammenhängt, sagt Danièl Maltese von der Pressestelle der Kreispolizei. „Aber wir werden derzeit beinahe täglich zu solchen Streitigkeiten gerufen.“ Mal gehe es um Beleidigungen, mal auch um schwere körperliche Gewalt.

Je nach Schwere der Tat könnten die Beamten dann für den Täter zum Beispiel ein zehntägiges Hausverbot oder ein Rückkehrverbot verhängen.

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Das bedeutet für das Team noch mehr Arbeit. Denn sie kennen den Fall nicht, müssen sich oft durch viele Akten wühlen, um nachzuvollziehen, ob die Ablehnung berechtigt ist. „Da gibt es ganz viele undurchsichtige Sachen“, sagt Funke.

Das frustriert. Ende vergangenen Jahres etwa kamen gleich mehrere Geflüchtete aus Guinea, einige feierten noch bei Christian Funke Zuhause Weihnachten. „Dann bekamen viele Post und mussten wieder weg“, sagt er. Trotz der Zeit und Energie, die die Ehrenamtlichen bis dahin investiert hatten. „Die Leute aus Westafrika sollen hier weg“, mutmaßt Christian Funke. „Da wird mit zweierlei Maß gemessen.“ Das hat auch Ulla Silva beobachtet. „Es herrscht ganz viel Chaos. Und das sind doch alles menschliche Schicksale.“

Manchmal wünschen sich die beiden im Stillen, dass alles irgendwann ein Ende nimmt, die Geflüchteten gut in der Gemeinde aufgenommen sind und sie mal kurz durchatmen können. Was sie dann machen würden? „Briefmarken sammeln“, sagen beide und lachen. Warum? „Da kann nichts Schlimmes passieren“, sagt Ulla Silva. Doch bis es soweit ist, machen sie weiter. Mit aller Kraft, die ihnen bleibt.

Kommentar: Hilfe ist bitter nötig

Es ist beschämend, wie mit einigen Flüchtlingen in Deutschland umgegangen wird. Ja, wir können nicht alle von ihnen aufnehmen. Ja, nicht jeder hat ein Anrecht auf Asyl. Und ja, auch unter den Geflüchteten gibt es Kriminelle – genauso wie unter den Deutschen, den Amerikanern, den Schweden . . . Trotzdem rechtfertigt keiner dieser Gründe, Flüchtlinge hungern zu lassen, sie in Abschiebehaft zu prügeln, sie bei zweistelligen Minusgraden unter der Brücke schlafen zu lassen.Nicht die Politiker sind es, die mit diesen menschlichen Schicksalen konfrontiert werden. Es sind die Ehrenamtlichen, die all diese Menschen beim Namen kennen, die sich mit sehr viel Energie um sie kümmern, auch dann, wenn sie wissen, dass diese in wenigen Wochen schon wieder im Abschiebeflieger sitzen. Während die Politiker über Wochen eine Schaufensterdebatte führten, an der fast die Regierung zerbrach, machten die Helfer weiter, besorgten den Flüchtlingen Jobs, fuhren mit ihnen zum Gericht. Das zeugt von ganz viel Kraft, Größe und Menschlichkeit. Mit Würde behandelt zu werden, hat jeder der Geflüchteten verdient, egal ob er nun einen positiven oder negativen Bescheid in der Tasche hat. Stattdessen legen die Erfahrungen der Flüchtlingshelfer nahe, dass das längst nicht jeder so sieht. - Mareike Meiring -

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